| Erstellt: 25.06.2010 | |
Wochenlang wollte der BP-Konzern die Umweltkatastrophe im Golf von Mexiko unter den (Öl-)Teppich kehren. Aber der ausgebrachte Chemiecocktail konnte den braunroten Petrolschlamm nicht stoppen, das Öl erreichte die Küste – und die Bilder von ölverschmierten Pelikanen, verendeten Fischen und hilflosen Putztrupps an den verschmutzten Stränden bald darauf die Weltöffentlichkeit.
Weckruf. Nun wird in vielen religiösen Internetforen der USA über die Bewahrung der Schöpfung diskutiert – und sowohl unter Katholiken und Calvinisten als auch unter Baptisten und Evangelikalen macht sich die Erkenntnis breit: Die Ölkatastrophe ist nicht nur eine ökologische, sondern auch eine spirituelle Krise – und sie ist vor allem ein Beleg für die Ölabhängigkeit der Gesellschaft. So werden denn in den USA nicht nur Gebetskreise organisiert, sondern auch Appelle laut: «Nur wenn die Ölpest im Golf zum Weckruf wird, um uns aus der Abhängigkeit vom Öl zu befreien, werden unsere Kinder eine verheissungsvolle Zukunft haben», schreibt etwa der evangelikale Politaktivist Jim Wallis.
Der Weckruf scheint auch im Weissen Haus angekommen zu sein. Hatte US-Präsident Barack Obama vor wenigen Monaten noch weitere Tiefbohrungen im Meer genehmigt, ist nun zumindest vorübergehend ein Stopp verhängt worden. Und eine Rede Obamas lässt aufhorchen: «Die nächste Generation wird nicht mehr die Geisel der Energiequellen des vergangenen Jahrhunderts sein.»
Einseitigkeit. In Europa wähnt man sich hingegen weit weg von der Katastrophe. Ölabhängigkeit und Klimawandel werden als weit weniger dringende Probleme erachtet als Arbeitslosigkeit und wirtschaftliche Zukunft: So kam jüngst im Nationalrat bei der Debatte um das CO2-Gesetz kein Parlamentarier auf das Umweltdesaster zu sprechen, während die wirtschaftlichen Aspekte der Vorlage prominent erörtert wurden. Eine Klimapolitik ohne Einbezug der Autofahrer hält aber der Theologe und Naturwissenschafter Otto Schäfer, Ethiker beim Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund (SEK), für bedenklich: «Klimapolitisch ist in der Schweiz die Mobilität die Achillesverse.» Im Gegensatz zum Gebäudesektor seien hier die Emissionen noch steigend.
Trauerprozess. Für Schäfer ist klar: Uns steht ein kollektiver Trauerprozess bevor, in dem wir uns darüber klar werden, dass wir Abschied nehmen müssen vom Erdölzeitalter – und von einem Lebensstil, der mit schier grenzenloser Mobilität kombiniert war. In den USA stünden die Zeichen dafür besser als auch schon, in Europa hingegen, lange Zeit Motor für eine fortschrittliche internationale Klimapolitik, habe eine Müdigkeit eingesetzt: «Nach dem gescheiterten Klimagipfel in Kopenhagen haben die Klimaskeptiker Aufwind bekommen», so Schäfer. Dabei müssten Europäer und Amerikaner – gemeinsam für mehr als die Hälfte des weltweiten Erdölverbrauchs verantwortlich – jetzt am selben Strick ziehen. «Wir sollten uns endlich der Tatsache stellen, dass Erdöl nur begrenzt vorhanden ist», sagt Schäfer. Denn auch ohne Katastrophe im Golf von Mexiko wird jeden Tag weltweit so viel Öl verbraucht, wie die Natur in einer Million Tage angesammelt hat.
Reduktion. Auch die Kirche ist herausgefordert. Schäfer postuliert in seiner Schrift «Energieethik» eine massive Reduktion des Energieverbrauchs: von aktuell fast 6000 Watt pro Person und Jahr auf 2000 Watt. Das anspruchsvolle Ziel («2000-Watt-Gesellschaft») ist heute vom Kirchenbund als offizielles klima- und energiepolitisches Ziel anerkannt. «Taten und Worte müssen aber zusammenfallen – auch in der Kirche». Denn die verschleudert in ihren schlecht isolierten Gottes- und Kirchgemeindehäusern nach wie vor Unmengen Energie. Delf Bucher
Eine für alles
Bis 2015 will die evangelische Kirche in Deutschland ihre CO2-Emissionen um 25 Prozent verringern. Solcher Ehrgeiz ist den Schweizer Kirchen fremd. Hier ist die ökumenische Arbeits- stelle Kirche und Umwelt (Oeku) als öko- logisches Gewissen etabliert. Das Team von drei Mitarbeitern sorgt zwar dafür, dass das Thema Ökologie in den Kirchen nicht ver- gessen geht, und bietet etwa Energie- sparkurse für Sigristen und einen CO2-Rech- ner für kirchliche Liegen- schaften an – aber für das Ziel, die Kirchen auf klimaneutralen Kurs zu bringen, ist sie schlicht unterdotiert.
www.oeku.ch










