| Erstellt: 25.06.2010 | |
Herr Acklin, ein Pfarrer hat uns erzählt, er wisse nach all den Missbrauchsvorfällen und -debatten wirklich nicht mehr, ob er seinen sechzehnjährigen Konfirmandinnen beim Segen noch die Hand auf die textilfreie Schulter legen dürfe. Darf er?
Natürlich darf er! Da ist ja offensichtlich einiges aus dem Ruder gelaufen, wenn solche Fragen gestellt werden. Selbstverständlichkeiten sind uns abhandengekommen. Nun zimmert sich jeder und jede seine Privatlogik. Die Folgen sind klar: Hysterie, Kontrollwahn – und als Folge Misstrauen und Zwietracht.
Aber es ist doch tatsächlich schwierig geworden. Auch Eltern fragen sich: Wie merke ich, wo natürliche Zärtlichkeit aufhört und Missbrauch beginnt?
Als Vater habe ich mich das nie gefragt – aber mit Jahrgang 1945 gehöre ich einer anderen Generation an. Ich liebe meine Kinder sehr, habe sie immer geherzt. Ein Vater muss das dürfen. Missbrauch beginnt dort, wo ich das nicht mehr aus persönlicher Begeisterung und Zuneigung tue, sondern in der Absicht, sie zu manipulieren, zu verführen.
Darf ich als Mann einem Nachbarmädchen tröstend über den Kopf streicheln, als Lagerleiter Wunden pflegen, fremde Kinder auf den Schoss nehmen? Und: Warum eigentlich kommen solche Fragen vorab von Männern?
Der Mann hat den Ruf, in sexuellen Dingen der Täter zu sein. Die Frauenemanzipation, obwohl eine wichtige gesellschaftliche Entwicklung, hat hier leider Schaden angerichtet. Demgegenüber wird der Frau allgemein ein natürlicher Bezug zum Körperlichen attestiert: Die Gesellschaft gesteht ihr zu, im Umgang mit Kindern instinktiv das Richtige zu tun.
Missbräuche einerseits – verlorene Natürlichkeit im Umgang mit Kindern andererseits. Was heisst das für die Gesellschaft?
Es ist klar: Für Missbrauchsfälle muss Nulltoleranz gelten. Sie gehören alle vor den Richter. Aber ebenso wichtig ist, dass wir nicht in eine Hysterie verfallen.
Etwas konkreter, bitte!
Es braucht klare Worte und Aufklärung über diesen seltsamen Widerspruch, der in unserer Gesellschaft existiert: Einerseits haben wir diesen Neoliberalismus: Alles ist erlaubt, alles ist möglich. Anderseits wollen wir die totale Kontrolle: Wer tut was? Diesen Widerspruch gilt es auszuhalten. Und auch das: Sexualität ist subversiv. Zum Glück!
Subversiv?
Sexualität funktioniert anders, als wir uns das vorstellen. Sie entzieht sich unserer Kontrolle. Wenn man das weiss, kann man vernünftiger damit umgehen, als wenn man das nicht wahrhaben will oder verschweigt.
Mit andern Worten: Es braucht Regeln. Wer soll bestimmen, was im Bereich der Zärtlichkeit und Sexualität richtig und was falsch ist?
Das muss in einem aufgeklärten, demokratisch- pluralistischen Staat die permanente Auseinandersetzung in der Gesellschaft leisten. Stimmt, es gibt heute Auswüchse, und das ist problematisch. Aber zu denken, früher sei alles besser gewesen, ist falsch. Früher passierte alles im Versteckten. Da war oft ein Riesenleiden, besonders für die Frauen. Alles ist besser als das!
Sie sind also überzeugt, dass die Gesellschaft ihre Regeln findet?
Ich höre nicht auf, daran zu glauben. Das ist meine stille Religiosität: Ich muss sicher sein, dass es gut weitergeht. Und: Aufklärung ist der einzig mögliche Weg – selbst wenn sie im Einzelfall versagt. Da bin ich Optimist.
Was können Kirchen in dieser Frage beitragen? Sollen sie sich überhaupt einmischen – oder sollen sie schweigen, weil sie im Glashaus sitzen?
Die Kirchen sollen überhaupt nicht schweigen! Sie sitzen nicht mehr und nicht weniger im Glashaus als die ganze Gesellschaft. Die Kirchen haben sogar eine ganz klare Aufgabe. Ich bin erfreut, wenn ich erlebe, wie unverkrampft sie teilweise heute das Thema Sexualität angehen. Kein Vergleich zu meiner Jugendzeit! Als Psychoanalytiker, als er- klärter Aufklärer also, diskutiere ich konstruk- tiv mit Kirchenvertretern. Das ist doch eine Errungenschaft.
Aber was sollen die Kirchen ganz konkret sagen und tun? Beispielsweise, wenn der eingangs erwähnte Pfarrer fragt, ob er seine Konfirmandin beim Segnen berühren darf?
Die Kirchen könnten laut und deutlich sagen: «Ja, gats eigentlich no!» Sie könnten entschieden den gesunden Menschenverstand verteidigen. Sagen, wo die Perversion anfängt, verhindern, dass all die verbotenen Geschichten wieder unter den Tisch rutschen. Die Kirchen können sich einmischen mit ihren Werten. In dieser widersprüchlichen Welt die Widersprüche benennen und aushalten. Klarmachen, wir sind nicht nur geistige Wesen – aber auch nicht nur körperliche.
Mit Verlaub: Das ist uns noch zu abstrakt.
Die Kirchen könnten klar dafür einstehen, dass Menschen nicht zu Sexualobjekten degradiert werden, dass Sex ein Akt unter ebenbürtigen Menschen ist. Sie könnten aufklären in Sachen Pornos: nicht mora- lisierend – «Wer Pornos an- schaut, ist schlecht» –, aber sie könnte sagen: Wenn Jugendliche Erotik nur noch in Internetpornos kennenlernen, schadet das ihrer Seele. Sie erleben so etwas wie eine Gehirnwäsche, wachsen nicht in ihre eigene Sexualität hinein, die heiter, lebendig und spielerisch sein sollte.
Ist es nicht naiv, zu glauben, ausgerechnet die Kirchen könnten in diesem Bereich etwas bewegen?
Vielleicht, aber insofern bin ich zuversichtlich: Wir müssen daran glauben und dafür arbeiten. Der Firnis der Zivilisation ist zwar dünn. Aber ich wäre nicht Psychoanalytiker, wenn ich nicht an die Möglichkeit der Veränderung glauben würde. Erkenntnis kommt durch Aufklärung. Ich rate den Kirchen, Zuversicht zu verbreiten, Urvertrauen und Liebe. Hat nicht schon Paulus gesagt «Alles ist erlaubt, wenn es aus Liebe geschieht.»
Das klingt nun doch ein bisschen einfach.
Und das sagen ausgerechnet Sie als Theologe! Aber Sie haben recht: Wenn Liebe nur ein Spruch ist, ists billig. Aber wenn ich Liebe als lebendige Auseinandersetzung mit dem Menschen in seiner ganzen Fehlerhaftigkeit verstehe, als ein «In-der-Beziehung-Bleiben», dann ists konstruktiv und schafft Urvertauen und Hoffnung. Es ist der Notproviant in einer verunsicherten Welt. Interview: Rita Jost, Jürgen Dittrich
Jürg Acklin, 65
ist Schriftsteller und Psychoanalytiker. Sein Berufsleben startete er als Lehrer und Leiter einer Alternativschule. Einem breiteren Publikum wurde er durch seine Arbeit bei SF DRS bekannt («Sternstunde Philosophie»). Acklin erhielt mehrere Literaturpreise. Sein letztes Buch «Vertrauen ist gut» erschien 2009 bei Nagel und Kimche. jed










