| Erstellt: 07.04.2010 | |
Im Jahr 2050 – so Ihre Prognose, Herr Stolz – sind nur noch etwa zwanzig Prozent der Bevölkerung in der Schweiz reformiert. Müssen die Kirchen Katastrophenszenarien entwerfen?
Die Zahl der Reformierten nimmt seit Jahren ab: Das ist bekannt und keine Katastrophe. Aber es bedeutet, dass die reformierten Kirchen damit rechnen müssen, dass sie nicht nur kleiner, sondern auch ärmer und überaltert werden.
Und was wird die Konsequenz sein?
Alle werden weniger Geld zur Verfügung haben: die Kirchgemeinden, die Kantonalkirchen und der evangelische Kirchenbund. Man wird sich – noch mehr als heute – bei jeder Ausgabe fragen müssen: Geht es auch billiger? Können wir etwas zusammenlegen, oder sollen wir das Angebot ganz weglassen?
Wenn die reformierte Kirche eine Firma wäre und Sie ihr Berater: Was würden Sie empfehlen?
Den Mitgliedern klarer zu sagen, was Reformiertsein heisst. Wir stellten in Umfragen fest, dass heute immer mehr Menschen das Gefühl haben, «ob katholisch oder reformiert, das ist doch alles ziemlich einerlei». Das ist es aber überhaupt nicht. Reformierte haben ein anderes Kirchenverständnis. Das muss man erklären. Das könnte das Profil schärfen und auch einige Leute wieder in die Kirchen holen.
Was muss den reformierten Kirchen mehr Angst machen: das Desinteresse der Kirchenfernen oder der religiöse Eifer der Frommen, die den Untergang prognostizieren?
Angst ist nie eine gute Ratgeberin. Die Reformierten sollten keine Angst haben! Sie müssen sich mit dieser Welt auseinandersetzen. Kirchen sind ja Spezialistinnen für schwierige Situationen – und die Reformierten sind Spezialisten für Reformen. Die Situation wird sicher schwieriger werden. Aber wenn man sich bewusst macht, dass einige gesellschaftliche Trends nicht aufzuhalten sind – zum Beispiel Vereinzelung, Individualisierung, Verstädterung –, dann kann man sich auch darauf einstellen. Die Zukunft wird berechenbar. Wenn die Kirchen kleiner werden, kann das auch bedeuten, dass sie stärker und profilierter werden. Und damit Interessierte besser abholen können.
Und was passiert mit den eher Desinteressierten?
Die werden möglicherweise abspringen. Aber das macht nichts. Wer krampfhaft versucht, allen etwas zu bieten, verzettelt seine Kräfte und bietet schliesslich niemandem etwas.
Müssen die Kirchen politischer werden, um Profil zu zeigen?
Umfragen zeigen: Grüne und Linke finden Ja. SVP und Schweizer Demokraten sagen Nein. Und die Mitte ist gespalten. Das ist verständlich: Wenn die Kirche öffentlich Stellung bezieht – und sich dabei vom Evangelium leiten lässt –, dann argumentiert sie tendenziell links. Und ärgert damit die Bürgerlichen, die aber ihrerseits einen Grossteil der Mitglieder stellen. Das ist ein Dilemma, dem sich die Kirchen zu stellen haben.
Wird sich die Kirche aus der staatlichen Abhängigkeit lösen müssen?
Der Trend geht in diese Richtung. Bei der wachsenden Zahl von Konfessionslosen und Angehörigen nicht christlicher Religionen wird die enge Verbindung zwischen Staat und Landeskirchen immer weniger vertretbar. Das heisst: Die Kirchen werden tendenziell von Volkskirchen zu Mitgliederkirchen. Das muss aber nicht heissen, dass sie ihre gesamtgesellschaftliche Verantwortung verlieren.
Müssten die Kirchen aktiver Mitglieder werben? Und wenn ja: Wie sollen sie das tun?
Die Frage haben wir uns bei der Studie auch gestellt. Für ein Image sind Personen wichtig. In dieser Hinsicht sind die Reformierten gegenüber den Katholiken tatsächlich benachteiligt, weil sie keinen Papst und keine Bischöfe haben …
… das heisst, Sie plädieren für ein reformiertes Bischofsamt?
Als Marketingstratege müsste ich sagen: ja. Aber das wäre nicht opportun – und kirchenintern wohl auch nicht durchsetzbar. Es widerspricht völlig der reformierten Tradition.
Ist das in der momentanen Situation ein Problem?
Ja, wenn sich die Reformierten nicht zusammenraufen können, wird es in Zukunft schwierig werden. Wichtig scheint mir aber, dass die Reformierten jetzt nicht resignieren, sondern die Zukunft aktiv gestalten. Sie haben auch gar keine andere Wahl. Interview: Rita Jost
Jörg Stolz
ist Professor für Religionssoziologie an der Universität Lausanne. Im Auftrag des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes (SEK) hat er die Zukunft der Reformierten erforscht. >> vgl. folgenden Artikel






