Tatort Maiduguri (Nigeria): Brandanschlag auf ein Gotteshaus der «Kirche der Geschwister». Brandstifterin: die islamistische Sekte «Boko Haram»
Tatort Maiduguri (Nigeria): Brandanschlag auf ein Gotteshaus der «Kirche der Geschwister». Brandstifterin: die islamistische Sekte «Boko Haram»
Erstellt: 25.02.2010 16:37:12
Akte Christenverfolgung: eine Spurensuche
Christen in Not/Diskriminierungen, Bedrohung, Verfolgung: Christen sind unter Druck, speziell in islamischen Ländern. Auf den ersten Blick sinds Religionskonflikte. Auf den zweiten nicht.

Zum Beispiel Ägypten: Am 6. Januar wird in Nag Hamadi im Südosten des Landes auf koptische Christen geschossen, welche die Kirche verlassen. Sechs Gläubige und ein muslimischer Wachmann sterben. Die Killer werden gefasst. Vermutlich sollte das Attentat die Kopten vor den baldigen Wahlen einschüchtern.

Zum Beispiel Malaysia: Am 10. Januar werfen Unbekannte in Kuala Lumpur Brandsätze auf Kirchen. Hintergrund ist ein Streit darüber, ob Christen das Wort «Allah» als Bezeichnung für «Gott» verwenden dürfen. Das Oberste Gericht erlaubt es. Islamisten protestieren gegen diese «Beleidigung des Islams».

Zum Beispiel Nigeria: Am 17. Januar bewerfen junge Muslime in Jos Gottesdienstbesucher mit Steinen. Ein Funke, der den schwelenden Konflikt zwischen Christen und Muslimen entzündet. Hunderte kommen ums Leben. Kirchen und Moscheen gehen in Flammen auf.

Landkonflikt. Seit Anfang Jahr häufen sich Meldungen von Angriffen auf Christen. Die Organisation Open Doors (vgl. Kasten unten) spricht bereits von der «grössten Christenverfolgung aller Zeiten». Doch Martin Breitenfeldt, Direktor des evangelischen Missionswerks Mission 21, ist skeptisch: «Nicht jeder Konflikt, in dem Christen leiden, ist eine Verfolgung.» In Nigeria etwa, wo Mission 21 einheimische Kirchen unterstützt, bewegten sich muslimische Volksgruppen wegen der sich ausbreitenden Sahara Richtung Süden. Das führe unweigerlich zum Streit mit christlichen Gemeinschaften: «nicht um den Glauben, sondern um Land und Wasser».

«Migrations-, nicht Glaubenskonflikte» stecken für Breitenfeldt auch hinter religiös gefärbten Unruhen in Indone­sien. Die Umsiedlungspolitik der Regierung erzeuge ethnische Spannungen. So prallten migrierende Javaner, die Muslime sind, in West-Papua auf Ureinwohner, die Protestanten sind. «Das ist kein Glaubenskrieg, sondern ein Kampf gegen Landraub», betont er. «Treten aber plötzlich religiöse Scharfmacher auf, brennen Moscheen und Kirchen.»

Wortkonflikt. Im Fundamentalismus islamistischer Sekten sieht Martin Breitenfeldt eine Angstreaktion: «das Aufbäumen einer voraufgeklärten Glaubensweise gegen den westlichen Zeit­geist». Für Annette Walder, die Geschäftsführerin von Christian Solidarity International (CSI), sind hingegen «theologische Differenzen» die Wurzel des Konflikts: «Christen haben eine Freiheit, die An­stoss erregt: bei Hindus, weil Christen deren Kastensystem infrage stellen, bei Muslimen, weil der Satz ‹Gott ist in Jesus Mensch geworden› für diese blasphemisch ist.»

Ethnischer Konflikt. Im Fall von Ägypten spricht der Islamwissenschaftler Reinhard Schulze von «alten Ressentiments» gegen Kopten, geschürt von islamistischen Sekten. Um 1900 waren Kopten in Oberägypten Grundherren und Steuereinnehmer. Zwar sei dies längst nicht mehr so, «aber plötzlich erkennt man sich im Streit um Land als Muslim und kann so seine Gewalt religiös rechtfertigen». Der ägyptischen Regierung attestiert Schulze, «einen Religionsfrieden» herstellen und die Situation der Christen verbessern zu wollen. 2003 wurde Weihnachten zum Staatsfeiertag erklärt. Konservative Muslime empörten sich, es kam zu Gewalt.Auch im Fall Irak, aus dem Hunderttausende Christen geflüchtet sind, mag Schulze nicht von einem christlich-islamischen Religionskonflikt sprechen. «Christen werden von Kurden, Turkmenen und Arabern immer mehr als Ethnie betrachtet – eine Folge der Regierungspolitik, die den Volksgruppen bestimmte Zonen zuweist. Dadurch kommt es zu Vertreibungen – auch von Christen.»

Was tun? «Der beste Schutz für Christen ist die Verbreitung der Wahrheit über die Verfolgung», sagt Annette Walder von CSI Schweiz. CSI kämpft für Religionsfreiheit als «wichtigstes Menschenrecht». Und der Botschaft Ägyptens übergab CSI unlängst 30 000 Unterschriften: als Protest gegen die Entführung junger Koptinnen. Andere Akzente setzt Mission  21 mit dem Projekt «Religion in Freiheit und Würde», das von mehr als fünfzig Kirchgemeinden unterstützt wird – und vom Verband Aargauer Muslime! Das Projekt sucht die Zusammenarbeit mit moderaten Muslimen. In Nigeria zum Beispiel werden Massnahmen zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit unterstützt, und zwar bei christlichen und muslimischen Jugendlichen: «weil die Arbeitslosigkeit den Fanatismus nährt», wie der Programmverantwortliche von Mission 21, Jochen Kirsch, sagt.

Die «berechtigte Empörung» über Unrecht an «Glaubensgeschwistern» dürfe nicht in die Parole «Christen gut, Muslime bös» münden, mahnt Martin Breitenfeldt, Direktor von Mission 21. Es gehe auch nicht um Christen-, sondern um Menschenrechte. «Ob Christ im Irak, Bahai im Iran oder Schwuler in Uganda: Jede Verfolgung ist eine zu viel.»

Samuel Geiser

Christenverfolgung, scharf beobachtet

Die freikirchliche Organisation Open Doors veröffentlicht jedes Jahr eine Weltkarte der Christendiskriminierung. Im «Weltverfolgungsindex» sind jene fünfzig Länder rangweise aufgeführt, wo Christen und Christinnen
am stärksten benachteiligt werden. Gemessen werden der Grad der Glaubens-(un)-freiheit und die Zahl der Gewaltakte gegen Christen.
Zum siebten Mal in Folge führt das kommunistische Nordkorea das aktuelle Ranking an – gefolgt von Iran, Saudiarabien und Somalia. Plätze gutgemacht haben Kuba, das die Kontrolle der Kirchen lockerte, und Kolumbien, wo 2009 weniger Pastoren getötet wurden. Open Doors, gegründet 1955, war zu Beginn auf Bibelschmuggel in kommunis­tische Staaten spezialisiert. Seit dem Mauerfall beobachtet die Organisation verstärkt die Lage der Christen in der islamischen Welt. sel