| Erstellt: 24.02.2010 | |
Wer eine Biografie schreibt, färbt sich darin unweigerlich selbst ab. So geschieht es auch in den zwei neuen Büchern über Albert Schweitzer. Der in Oxford ausgebildete Historiker und Theologe Nils Ole Oermann, der an der Berliner Humboldt-Universität im Bereich «Religion, Politik und Ökonomie» forscht, geht kritisch an eine Person heran, die inzwischen längst ein Mythos geworden ist. Er stellt Schweitzer in seine Zeit hinein und zeigt, dass auch ein Genie dem Zeitgeist nie ganz entrinnen kann. So vermag selbst ein Schweitzer dem kolonialen Denken und Handeln nicht zu entfliehen. Er konnte gar nicht anders, und als er nach Lambarene zog, um den «Negern» zu helfen, sass er erst recht und unweigerlich in der Falle. Er will – wie alle Missionare jener Zeit – helfen und bekehren. Und dabei geht es ihm um die grosse abendländische Kultur.
Vorbild. Der Theologe Friedrich Schorlemmer kann seine Moraltheologie nicht abstreifen. Er dringt nicht so tief in den geschichtlichen Kontext ein wie Oermann, ihn interessiert mehr das ethisch-moralische Vorbild Albert Schweitzer. Letztlich geht es ihm nicht um die Person, sondern um ihre Ausstrahlung. Für ihn ist Albert Schweitzers ethisches Programm «Ehrfurcht vor dem Leben» nicht zu hinterfragen, sondern in unsere Zeit und Zukunft hinein zu entwickeln. Schweitzer wirkt weiter, das ist für Schorlemmer der Anlass, sich mit diesem «Heiligen» zu befassen. Schweitzer hat mit seiner engagierten Vagheit der Ehrfurcht vor dem Leben die Grundlagen gelegt zu den heutigen Menschenrechten – ebenso vage und von jedem Grosskulturbereich (etwas) anders verstanden.
Vom Sockel gestürzt. Ich weiss, wovon ich schreibe, denn ich habe nach der Matura Schweitzer in Lambarene besucht. Da er auf den Tag, Stunde und Minute sechzig Jahre älter war als ich, hatte ich ihn zu meinem Vorbild gemacht. Ich hatte mich durch meine Mutter seit der frühesten Jugend für ihn begeistern lassen und wollte ihm nachfolgen. Also versuchte ich alles, um ihn vor meinem Eintritt ins Missionsseminar zu besuchen. Als ich in Lambarene ankam, stürzte das grosse Vorbild vom Sockel. Schweitzer, als Kind seiner Zeit, zweifelte am vollen Menschsein der Schwarzen; für ihn waren sie Kinder. Er verteidigte daher den Kolonialismus als «zivilisatorischen Auftrag» des Abendlandes gegenüber Schwarzafrika. Für mich starb damals ein Idol, doch warum sollte ich ihm böse sein? Er öffnete mir die Augen. Ich floh aus Lambarene und schwor in diesem Moment des plötzlichen Abschieds, dass ich nicht ein zweiter Schweitzer werden wollte. Lange habe ich über diesen Schreckensmoment geschwiegen.
Dilemma. Die zwei neuen Bücher versuchen, einiges vom Dilemma, aber auch vom Doppelleben oder vom Sein und Schein Albert Schweitzers aufzuarbeiten. Etwa den möglichen Vernebelungsmechanismus gewisser Worte wie «Ehrfurcht vor dem Leben». Aber dann ziehen beide Autoren doch nicht andere Schlüsse für afrikanisch-asiatisches Leben. Ausgerechnet Schweitzer, der grosse Aufklärer in Bezug auf biblische Mythen, vermochte nicht, die Einbildungen des westlichen Chauvinismus gegenüber Afrika anzukratzen. Wo er wirklich konkret wurde, war in seinem Engagement gegen die Atombombe. Gleiches hätte man von ihm gegenüber der Apartheid erwarten dürfen; er gab jedoch Südafrikas Politik der Weissen recht.
Mehrdeutig. Im Nachhinein wird vieles bei Schweitzer mehrdeutig oder gar widersprüchlich. Schorlemmer nimmt an, dass Lambarene ein Zeichen der Sühne war und Schweitzer nach Afrika ging, um Busse zu tun (S. 175). Falls dem so ist, würde es klar offenbaren, wie verfänglich, doppeldeutig und verlogen das Verhältnis Christentum – Kolonialismus war. Oermann ist realistischer und sieht bei Schweitzer manches als Flucht. Sein übertriebener Ehrgeiz musste ihn an Grenzen des Versagens bringen. Ob er in solchen Lagen wohl einen theatralischen Abgang inszenierte? Was den Autoren klar ist: Schweitzer war ein grossartiger PR-Mann, einer, der wie keiner vor ihm im Bereich der Wohltätigkeit und Hilfe inszenieren und stimulieren konnte.
Oermanns Buch zeigt, dass Schweitzer kein Heiliger, sondern ein Zeitgenosse war. Schorlemmers Buch trägt zwar im Untertitel das Wort Genie, es würde aber wohl ehrlicher heissen: «Meister im Umgang mit dem Zwiespalt». Al Imfeld
Friedrich Schorlemmer (unter Mitarbeit von Marcus Hawel): Albert Schweitzer. Genie der Menschlichkeit. Aufbau-Verlag, Berlin 2009. 255 Seiten, mit 41 Abbildungen, Fr. 39.50. NILS OLE OERMANN: Albert Schweitzer. 1875–1965. Eine Biographie. C.-H.-Beck-Verlag, München 2009. 367 Seiten, mit 49 Abbildungen, Fr. 43.90.






