| Erstellt: 24.02.2010 | |
Der Vorstoss der Aargauer Grünen, die Einführung des Wahlfachs «Glück» an den Aargauer Berufs- und Oberstufenschulen zu prüfen, kam in den Schweizer Medien mehrheitlich schlecht an. Die Postulanten Martin Köchli, Kathrin Fricker und Ruedi Weber wurden als Naivlinge hingestellt. Schliesslich hätten die Lehrer Besseres zu tun, wurde argumentiert. Eine Zeitschrift verlieh Martin Köchli gar den Kaktus für besonders schlechte Ideen. Köchli meint dazu lapidar: «Manche Ideen brauchen eben Zeit, um zu wachsen, genau wie Kakteen.» Er zeigt sich überrascht vom grossen medialen Echo und ist überzeugt, dass mit dem Fach «Glück» gesellschaftliche Probleme wie exzessiver Alkoholkonsum, Gewalt und Perspektivlosigkeit bekämpft werden könnten, indem Jugendliche in Selbstbewusstsein und Eigenverantwortung gestärkt würden. «Es ist kein Zufall, warum das Buch ‹Glück kommt selten allein› von Eckart von Hirschhausen ein Bestseller ist. Der Wertezerfall hat dazu geführt, dass Menschen verstärkt nach Halt suchen.»
Offene Türen. Bei der Vizepräsidentin des Aargauer Lehrerverbandes, Claudia Lauener-Gut, stösst die Idee der Grünen auf Sympathie. «Ich finde es sehr schade, dass der Stundenplan nicht mehr Raum für das Erlernen sozialer Kompetenzen vorsieht», sagt die Lehrerin aus Neuenhof. Da spreche sie auch für viele ihrer Kollegen. Für viel wichtiger als eine Anleitung zum Glücklichsein hält sie aber Lektionen, in denen man das respektvolle Miteinander und Selbstverantwortung einübt – und zwar auf allen Schulstufen. Hier bestehe grosser Bedarf. «Nur der Stundenplan der Bezirksschule sieht eine Klassenstunde vor, in der Sozialverhalten thematisiert werden kann, was aber längst nicht alle Lehrpersonen tun.» In der Sekundar- und Realschule hingegen müssten sich die Lehrkräfte die Zeit für solche Themen anderswo abschneiden. Claudia Lauener findet, dass das Erlernen sozialer Kompetenzen kein Wahlfach, sondern Pflicht sein sollte. «Sonst fehlen womöglich jene, die das Fach am meisten nötig hätten.» Als Variante schlägt sie obligatorische Kurse vor, die nicht benotet werden.
Rahmen vorhanden. Auch bei Beat W. Zemp, Zentralpräsident des Dachverbands Schweizer Lehrerinnen und Lehrer, stösst das Anliegen der Grünen nicht auf taube Ohren. «Ich unterstütze das Ziel, die Selbst- und Sozialkompetenz der Schülerinnen und Schüler zu verbessern. Die Schule muss die Möglichkeit bieten, positive Selbsterfahrungen zu machen, und da spielen Glücksgefühle eine wichtige Rolle.» Diese Erfahrungen könne man aber auch in den bestehenden Fächern oder in Themenwochen und Blockunterricht machen. «Hier hat es Platz für Fragen wie ‹Was macht mich glücklich?›.» Zemp sieht viel Zukunftspotenzial im Fach «Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE)», das zurzeit diskutiert wird. «Das Fach behandelt die Frage, wie ökonomische, ökologische und soziale Anliegen unter einen Hut gebracht werden können.» Dabei gehe es auch um Themen wie richtige Ernährung und den Umgang mit dem eigenen Körper. Beat W. Zemp ist überzeugt, «dass BNE zu einer wichtigen Lebenskompetenz künftiger Generationen wird».
Ausbaufähig. Ob das Fach nun «Glück» oder «Zusammenleben» heisst – Grossrat Martin Köchli betont, dass die Idee bisher nur grob skizziert sei und man erst diskutieren müsse, wie ein solcher Unterricht aussehen könnte. «Wir wollen nicht einen Zwang zum Glücklichsein lancieren, sondern junge Menschen im Entwickeln der seelischen Gesundheit unterstützen.» Auf das Wahlfach «Glück» ist Köchli in Deutschland gestossen, als er dort vor zwei Jahren in der Zeitung über die Erfahrungen der Heidelberger Willy-Hellpach-Schule las. Wissenschafter werteten dort ein Jahr Glücksunterricht aus mit der Bilanz, dass die Schüler motivierter, teamorientierter und entscheidungsfreudiger geworden seien. Am Heidelberger Unterricht arbeitete ein ganzes Heer an Fachpersonal mit, unter anderem ein Psychologe, ein Motivationscoach und ein Familientherapeut. Das weist auf die grossen finanziellen und personellen Ressourcen hin, die ein solches Fach benötigt. Doch Martin Köchli weiss: «Zum grossen Glück kommt man nur mit kleinen Schritten.» Anouk Holthuizen









