Erstellt: 24.02.2010
«Telefon 143, grüezi»
Interview/ Rund um die Uhr haben Mitarbeitende der Dargebotenen Hand ein offenes Ohr für Menschen in Not. Einer der freiwilligen Berater im Aargau ist Herr Urban.

Herr Urban*, Sie sitzen hier in der Telefonzentrale der Dargebotenen Hand Aarau. Und plötzlich klingelt das Telefon.

Ja, ich muss mich jedes Mal sofort auf eine akute Krisensituation einstellen, von der ich noch vor einer Minute keine Ahnung hatte.

Wie machen Sie das?

Ich versuche, ganz aus dem Moment heraus zu agieren. Grundsätzlich nehme ich jeden Menschen am andern Ende der Leitung ernst, völlig egal, ob er mit Suizid droht oder zum Jux hier anruft. Immer bin ich mir bewusst: Wie unterschiedlich die Menschen auch sind, alle haben dieselben Grundbedürfnisse.

Und wie gehen Sie vor, wenn sich jemand das Leben nehmen will?

Ich sage sicher nicht: Nein, machen Sie das nicht. Im Gegenteil: Ich spreche die Person sofort drauf an, stelle Fragen, signalisiere ihr, dass sie mir nicht gleichgültig ist. Diese Menschen haben meist nur noch einen ganz kleinen Blickwinkel. Und es geht darum, diesen wieder zu öffnen. In diesen Momenten fühle ich mich extrem verantwortlich.
Braucht es für diesen Job so was wie eine spezielle Krisenresistenz?

Dass ich selbst durch schwierige Zeiten gegangen bin, viel Lebenserfahrung habe, hilft mir. Ich bin nicht so leicht zu erschüttern. Aber ich frage mich schon immer wieder: Wie komme ich zugang mit all den Schicksalen, die mir hier am Telefon begegnen?

Und wie schaffen Sie diese Distanz?

Mir helfen die neunmonatige, intensive Ausbildung, die wir vor dem ersten Einsatz haben, und die regelmässige Supervision und Begleitung durch Fachpersonen. Da kann ich mich aussprechen. Aber es ist schon so: Manche Geschichten gehen mir nahe, beschäftigen mich sehr lang.
Welche bleiben besonders hängen?

Geschichten, in denen Kinder betroffen sind. Beispielsweise, wenn sie im Kampf um das Sorgerecht hin und her geschoben werden. Und dann natürlich Schilderungen von Gewalt und akute Suiziddrohungen.

Wie merken Sie während eines Gesprächs, dass eine Wende passiert, Licht in eine Situation kommt?

Ich habe mittlerweile sehr sensible Ohren, höre genau hin, wie ein Mensch atmet, spricht und wo er sich befindet. Manchmal bemerke ich gerade in den Pausen eines Gesprächs, dass es eine Wende genommen hat. Wenn ich am Ende den Hörer auflege, ist aber alles offen. Wie es weitergeht, weiss ich nicht, und ich werde es auch nie wissen. Damit muss ich leben.
Sie können also nicht jede Situation retten?

Nein, und das ist auch nicht meine Aufgabe. Ich versuche bloss, mit den Anrufenden zusammen einen Weg zu finden, noch vorhandene Ressourcen aufzuspüren oder sie an entsprechende Fachstellen zu verweisen. Viele versuchen natürlich, mir die Verantwortung für eine Situation zuzuschieben, fragen mich etwa: Was würden Sie an meiner Stelle tun? Da muss ich mich klar abgrenzen: Die Verantwortung für ihr Tun tragen die Anrufenden selbst.

Geben Sie die Hoffnung nie auf?
Das mit der Hoffnung ist so eine Sache. Da klammern sich Menschen oft wie verrückt an einen Strohhalm, reden sich die Hoffnung geradezu ein, um nichts ändern zu müssen. Wenn mir eine Frau erzählt, wie oft sie von ihrem Mann geschlagen wurde, und gleichzeitig erwähnt, aber jetzt hat er mir wieder Blumen gebracht, werde ich skeptisch: Nach all dem, was passiert ist, wird er sein Verhalten auch diesmal kaum ändern. Diese Leidensfähigkeit der Menschen, dieses Aushalten um jeden Preis, das beschäftigt mich oft sehr.

Trotz allem: Sie resignieren nicht?

Nein, in dieser Hinsicht bin ich ein hoffnungsloser Fall. Egal, was passiert, ich fühle mich aufgehoben in dieser Welt. Mich erschüttert wenig. Berühren lasse ich mich aber jeden Tag von Neuem.
Interview: Annegret Ruoff* Name geändert


50 Jahre Telefon 143
Die Dargebotene Hand Aarau feiert dieses Jahr ihr 50-Jahr-Jubiläum. Gegründet wurde die damalige Telefonseelsorge Aargau/Solo- thurn 1960 auf Initiative aus reformierten Kirchenkreisen. Heute wird der Dienst von der reformierten und katholischen Kirche im Kanton Aargau mit- getragen. Ein Drittel des Aufwands wird über Leistungsvereinbarungen und Trägerbeiträge gedeckt, die restlichen zwei Drittel stammen aus Spenden von Kirchgemeinden, Privaten oder Firmen.
Die Dargebotene Hand Aarau bietet Menschen in seelischen Notlagen unter der Nummer 143 anonyme Krisen- und Lebensberatung an. Für die Beratung sind 40 eigens ausgebildete frei- willige Mitarbeiterin- nen und Mitarbeiter zuständig, Geschäfts- stelle und Weiterbildung werden von drei Festangestellten betreut. Im Jahr 2009 wurde die Beratung insgesamt 8000-mal in Anspruch genommen.

www.aarau.143.ch