| Erstellt: 24.02.2010 | |
Die Spitalatmosphäre verunsichert viele Menschen. Ein Patient wird damit konfrontiert, dass sein Körper in irgendeiner Form nicht mehr mitmacht. Plötzlich wird ein Mensch aus der Bahn geworfen. Dieser unfreiwillige Bruch im Alltagsleben führt nicht selten zu fundamentalen Fragen. Warum passiert mir dieser Unfall? Welchen Sinn hat das Leben, wenn ich mit dieser Krankheit leben muss? Was kommt nach dem Tod?
Gefragte Dienstleistung. Jon Janett ist reformierter Pfarrer in Scuol und mindestens einmal in der Woche im Unterengadiner Regionalspital «Ospidal dEngiadina Bassa» anzutreffen. Er bietet Spitalseelsorge für die evangelisch-reformierten Mitglieder der Scuoler Kirchgemeinde und für die Auswärtigen an. Vier weitere reformierte und zwei katholische Pfarrer kümmern sich jeweils um ihre «Schäfchen», die im Spital liegen. Nicht nur die schwer kranken Menschen, sondern auch Patienten mit Beinbrüchen oder anderen Beschwerden möchten mit den Geistlichen reden. Dies, obwohl viele Menschen sich nicht mit der Kirche identifizieren können.
Perspektiven aufzeigen. Janett hat die Erfahrung gemacht, dass die meisten Patienten es schätzen, sich jemandem anvertrauen zu können. Glaube und Religion sind bei den Besuchen des Pfarrers aber selten ein Gesprächsthema. Meistens erzählen die Patienten über ihre Probleme, also was ihnen widerfahren ist, was die Ärzte sagen und wie die Patienten selber dazu stehen. Der Pfarrer nimmt eigentlich fast die Rolle eines Psychotherapeuten ein. «Seelsorge versucht auch den Menschen Perspektiven aufzuzeigen und Ängste zu nehmen», sagt Janett. Gerade die Angst vor der ungewissen Zukunft nach dem Spitalaufenthalt ist ein allgegenwärtiges Thema.
Gebete auf Wunsch. Seelsorge hat laut Janett nicht den Zweck, gute Ratschläge zu geben. Die Patienten sind körperlich reduziert und für ein offenes Ohr dankbar – sofern das Gegenüber neutral bleibt. «Es ist keine Situation, um zu missionieren», meint der Scuoler Pfarrer. Daher gehören Gebet oder Gespräche über Gott nur auf Wunsch zu seinem Spitalbesuch. Als «seelischer Abfalleimer» empfindet sich Janett überhaupt nicht. Im Gegenteil, obwohl die Besuche im Spital oftmals belastend sind, empfindet der Pfarrer diese Arbeit als bereichernd. «Ich lerne von den Menschen hier», meint er. Ihn beeindruckt beispielsweise immer wieder, wie Krebspatienten eine positive Lebensphilosophie entwickeln, auch wenn sie am Ende ihrer Kräfte sind. «Meistens trösten die Erkrankten alle anderen rundherum», weiss Janett.
Zeitgemäss. Die Frage, ob Spitalseelsorge noch zeitgemäss ist, lässt sich laut dem reformierten Pfarrer bereits anhand des jeweils freudigen Empfangs im Krankenzimmer beantworten. Wenn der Körper krankt, wenn alles sich um das körperliche Nichtfunktionieren dreht, dann ist der Patient froh, dass sich der Blick zumindest für einen kurzen Besuch davon abwendet und jemand sich um die Seele kümmert. Fadrina Hofmann Estrada









