Der englische Bischof John Sentamu vor dem Nestlé-Riegel Kit Kat, der jetzt mit einem fairen Label zertifiziert ist
Der englische Bischof John Sentamu vor dem Nestlé-Riegel Kit Kat, der jetzt mit einem fairen Label zertifiziert ist
Erstellt: 24.02.2010
Faire Nestlé-Schoggi bald in der Schweiz?
Fair Trade/ Die britische Nestlé setzt auf fairen Handel. «Brot für alle» würde es begrüssen, wenn Nestlé auch Schweizer Produkte mit Havelaar-Label zertifizierte.

«Wow!» sagte der Erzbischof von York, John Sentamu, als er die Nachricht hörte: Am englischen Hauptsitz von Nestlé in York soll deren umsatzträchtiger Schoggi-Riegel KitKat mit dem Fair-Trade-Siegel von Transfair vom Band gehen. Damit haben sich die anglikanische Kirche und die lokale Fair-Trade-Organisation von York beim grössten Nahrungsmittelmulti der Welt Gehör verschaffen können.

Grosses Schweigen. Hat der Schritt der britischen Nestlé- Verantwortlichen Signalwirkung für die Schweiz? Immerhin ist der Schweizer Nestlé-Chef Roland Decorvet gleichzeitig Stiftungsrat des Hilfswerk der evangelischen Kirchen Schweiz (Heks). Und Heks hat mit fünf anderen Hilfswerken 1992 die Max-Havelaar-Stiftung, die das Label für den fairen Handel verleiht, begründet. Am Schweizer Firmensitz in Vevey hüllt man sich indes in Schweigen. Man solle Ende Jahr noch einmal nachfragen, ob hierzulande mit einer Zertifizierung des Schoggi-Riegels zu rechnen sei.

Grundsatzfrage. Hier stellt sich aber die Grundsatzfrage: Sind Nestlé und Fair- Trade überhaupt miteinander vereinbar? Der Eintritt von Nestlé ins Fair-Trade-Geschäft wurde denn auch harsch kritisiert. «Nestlé kann nicht für sich in Anspruch nehmen, im Kakaogeschäft nachhaltig zu sein. Denn der kleinen Menge fairen Kakaos steht das grosse Volumen von Kakao gegenüber, das mithilfe von Zwangsarbeit und Kinderarbeit produziert wurde», sagt beispielsweise Bama Athreya, Direktorin des International Labor Rights Forum.

Zweischneidig. Auch für Andrea Hüsser von der Erklärung von Bern (EvB) ist die Fair-Trade-Zertifizierung von Nestlé-Produkten ein «zweischneidiges Schwert». Im Ver- gleich zur gesamten Produk-tion sind die 4000 Tonnen zer- tifizierte Kakaobohnen für KitKat wenig. Trotzdem ist für Hüsser der Markteintritt der britischen Nestlé in den fairen Handel ein erster Schritt: «Für die 6000 Bauern von der Elfenbeinküste ist dies eine gute Sache.» Aus dem bürgerkriegsgeplagten Land stam- men vierzig Prozent des weltweit gehandelten Kakaos. Zwangs- und Sklavenarbeit sind häufig.

Strenger Standard. Dass Ethik in den Konzernstrategien mittlerweile eine Rolle spielt, freut auch Beat Dietschy, Zentralsekretär von «Brot für alle» (Bfa). Bfa stellt die diesjährige vorösterliche Kam- pagne unter das Motto «Stoppt den unfairen Handel». Diet- schy betont aber: «Bei der Vergabe des Fair-Trade-Siegels von Transfair oder der Schweizer Schwester Max Havelaar handelt es sich nicht um einen Blanko-Cheque für das Unternehmen, sondern um das Auszeichnen von ausschliesslich einem Produkt.» Erfreulich ist für Dietschy, dass die britische Nestlé mit Transfair einen effizienten und strengen Standard gewählt habe. Denn dies ist bei anderen Konzernen wie beispiels- weise Mars anders. Sie setzen auf die Rainforest Alliance (RFA) – in der Schweiz auch wegen des aufgeklebten grünen Fröschleins auf den Chiquita-Bananen der Migros be- kannt. Die RFA-Standards gelten als «Fair Trade light», da sie den Bauern weder Mindestabnahmepreise noch Mindestlöhne garantieren.

Nespresso halbfair. Dass Nestlé Schweiz statt den harten Kriterien von Max Havelaar bei einer möglichen Fair-Trade-Strategie auf die RFA setzen wird, ist nicht auszuschliessen. So will jedenfalls die Nestlé-Tochter Nespresso bis 2013 den grössten Teil ihrer Kapseln von der RFA zertifizieren lassen. Delf Bucher