Erstellt: 24.02.2010
Bessere Kontrollen schützen Menschen
Kampagne/ «Brot für alle» nimmt undurchsichtige Handelsketten der Textil- und IT-Branche und deren Arbeitsbedingungen ins Visier.

Der Biotrend hat nach den Kühlschränken nun auch die Kleiderschränke erreicht: Grüne Mode, hergestellt aus Biobaumwolle, ist angesagt. Eine gute Sache. Denn 25 Prozent der chemischen Insektenvertilger, die weltweit versprüht werden, gehen auf das Konto des Baumwollanbaus.

Gefälscht. Nun aber hat der rasante Aufstieg der Textilien aus organischer Baumwolle einen empfindlichen Dämpfer erhalten. Vor einem Monat entdeckten indische Behörden, dass in vielen Baumwollballen, auf denen Bio stand, gar nicht Bio drin war. Schlimmer noch: Die Baumwolle stammte zum grössten Teil aus gentechnisch verändertem Anbau. Für die Öko-Fashion von den Einzelhandelsketten H & M sowie Tschibo bedeutet dies einen immensen Imageschaden.

Kontrollen fehlen. Patrick Hohmann, der mit seiner Firma Remei seit Jahrzehnten Pionierarbeit beim Anbau von Biobaumwolle leistet, ist über den Skandal wenig verwundert. «Der Bedarf war in den vergangenen Jahren so stark, dass das Angebot schon lange nicht mehr mit der Nachfrage mithalten konnte», kommentiert er die Situation auf dem Markt. Denn für die Umstellung von konventionellem Anbau auf die Biolandwirtschaft braucht es durchschnittlich drei Jahre. Für Hohmann, dessen Baumwolle zur Hauptsache vom weltweit grössten Biobaumwollevermarkter Coop über die «Naturaline» vertrieben wird, deckt der Skandal aber noch einen anderen Fehler bei den Neueinsteigern in das Öko-Textilgeschäft auf: Die Firmen wollten einfach «business as usal» und im Textilgeschäft rappenspalterisch kalkulieren. «Scharfe Kontrollen über die ganze Handelskette hinweg fehlen.» Für den Biopionier aus Rotkreuz ist deshalb klar: «Die Handelsketten müssen ganz vertieft bis zum Baumwollfarmer hinunter die Produktionsketten durchdringen. Und das kostet Geld.»
Transparenz . Durchsichtige Produktionsabläufe – das fordert Brot für alle (Bfa) schon lange. Zentralsekretär Beat Dietschy deutet das Beispiel der gefälschten Biobaumwolle so: «Unkontrolliertes Wachstum ist ungesund.» Die weltweiten Handelsbeziehungen macht das evangelische Hilfswerk Bfa auch dieses Jahr zusammen mit seinem katholischen Partner Fastenopfer unter dem Motto «Stopp dem unfairen Handel» zum Thema. Die Hilfswerke wollen es dabei nicht bei Appellen belassen. Deshalb haben beide die international tätige Fair Wear Foundation (FWF) mitbegründet. Im Zentrum der Stiftung stehen aber nicht die vergifteten Baumwollbauern in ihren chemisch besprühten Monokulturen, sondern die erschöpften Näherinnen, die in stickigen Fabriken von einer Sonderschicht zur anderen gehetzt werden. Kinderarbeit, Hungerlöhne und Überstunden bis zum Umfallen – genau diese entwürdigenden Arbeitsbedingungen will die Stiftung FWF ausschliessen. «Für viele ist es vielleicht erklärungsbedürftig, dass Hilfswerke auch Kontrollorganisationen mittragen», sagt Dietschy. Aber nur unabhängige Instanzen könnten Einflussnahmen von aussen widerstehen und auf die Einhaltung strenger Standards dringen.

Ausschluss. Dass es die FWF mit ihren Standards ernst meint, zeigte sie mit dem Ausschluss der Modemarke Mexx, die sich auf einen chinesischen Zulieferer mit wenig Transparenz einliess. Erfreulich dabei: Trotz der strengen Normen sind neben dem Pionierunternehmen Switcher, das seit seiner Gründung die soziale Nachhaltigkeit als Grundmaxime seines Handelns sieht, noch vier andere prominente Schweizer Sporttextil- und Outdoor-Hersteller bei FWF dabei: Mammut, Odlo, Blackout und Manroof.
Rechtlos. Dass die Textilfabriken in den Sonderwirtschaftszonen Asiens den Angestellten durch ihre Hungerlöhne das letzte Hemd ausziehen, ist schon lange ruchbar geworden. Pionierhaft hat die vorösterliche Kampagne von Bfa und Fastenopfer vor drei Jahren «High tech – no rights» die dunkle Seite der Computerbranche ausgeleuchtet. Hinter dem unvermeidlichen «Made in China» auf den Computergehäusen von Acer, Apple und Dell verbergen sich oft unbezahlte Überstunden und Rechtlosigkeit. Die Kampagne zwang die IT-Branche zumindest zu ethischen Lippenbekenntnissen.
Wie bereits bei den Textilien stiessen die Hilfswerke auch in der Computerbranche auf ein Grundproblem: Die modernen IT-Konzerne haben sich schon lange davon verabschiedet, in eigenen Werken in den Entwicklungsländern zu produzieren. Stattdessen stehen die Rechercheure der Arbeitsbedingungen in der Computerbranche vor einem undurchdringlichen Dickicht von Zulieferern, die verschiedene Komponenten herstellen. So ist es oft schwer auszumachen, wem die katastrophalen Arbeitsbedingungen anzulasten sind.

Langer Weg. Aber die Kampagne «High tech – no rights» hat auch reale Fortschritte erzielt. Die Computermarke Hewlett Packard hat in einem Pionierprojekt die Arbeiterinnen und Arbeiter geschult, um ihre verbrieften Rechte wahrzunehmen. Bei den Kontrollen vor Ort durften auch Vertreter von Nichtregierungsorganisationen die Fabriken inspizieren. Auch andere Werke verpflichteten sich zu einem Kodex, ohne aber die Handelskette bis ins letzte Glied zu durchdringen. Bis der faire Computer käuflich ist, werden noch einige ökumenische Kampagnen von Bfa nötig sein. Delf Bucher

Steuern für faire Compis

Nicht nur bei den kleinen Konsumenten will Brot für alle (Bfa) das Bewusstsein für die skandalösen Zustände der Computermanu- fakturen schärfen. Auch bei den Informatikeinkäufern von öffentlichen Ämtern setzen Bfa und ihr katholischer Part- ner Fastenopfer an. Gute Nachrichten kommen aus Genf: Die Calvin-Stadt, in der auch die Internationale Ar- beitsorganisation ILO der UNO beheimatet ist, machte als Erstes die ILO-Standards zur Messlatte beim Kauf von Computern. Kinderarbeit, unbezahlte und erzwungene Überstunden sowie ungleicher Lohn für gleiche Arbeit bei Männern und Frauen sind damit ausgeschlossen. Auch die Stadt Zürich hat diese Vorgaben zur Norm erhoben. Und für den Kanton könn- te es ebenfalls bald Wirk- lichkeit werden: Vor wenigen Monaten überwies der Kantonsrat das Postulat für eine nachhaltige öffentliche Beschaffung von Computern an den Regierungsrat. Bu