| Erstellt: 24.02.2010 | |
Die Zürcher Kirche ist im Umbruch. Auf kantonaler Ebene bringt zurzeit das neue Kirchengesetz einschneidende Veränderungen mit sich; unabhängig davon startet nun aber auch ein umfassender Reformprozess in den Kirchgemeinden der Stadt Zürich. Die Vorarbeiten haben schon Ende 2006 begonnen (s. Spalte links), dieses Jahr wird es nun konkret. Als Initiantin und verantwortlich für die Durchführung steht der Verband der Stadtzürcherischen Evangelisch-reformierten Kirchgemeinden.
Weniger Mitglieder. «Im Jahr 1980 gab es rund 260 000 Reformierte in der Stadt Zürich», erklärt der Höngger Kirchenpflegepräsident Jean E. Bollier, der die Reformen leitet. «Heute sind es knapp 100 000 Reformierte.» Der Mitgliederrückgang ist einer der Hauptgründe für das Überdenken der Strukturen und die Suche nach Bündelung der Kräfte. «Kirchgemeinden, die früher 5000 bis 6000 Mitglieder hatten, sind heute zum Teil bis auf 2000 Mitglieder zurückgegangen.» Wenig genutzte Kirchgemeindehäuser oder zu breite Aufgabenfelder sind nur einige der Probleme, die sich damit stellen. Vor allem zeichnet sich aber auch ab: Langfristig ist die Infrastruktur für 34 eigenständige Kirchgemeinden nicht mehr finanzierbar.
Strukturprobleme. Doch auch der Stadtverband hat eine Reform nötig, so ist Projektleiter Bollier überzeugt. Der 1909 gegründete Stadtverband sollte ursprünglich den Finanzausgleich zwischen den Gemeinden sicherstellen. Mit den Jahren übernahm er auch Koordinationsfunktionen und unterstützte eigene Projekte wie die Streetchurch oder die Bahnhofkirche. Doch die Verbandsstrukturen hielten nicht Schritt mit der Entwicklung. Unklarheiten über Zuständigkeiten oder Schnittstellen zwischen Stadtverband und Kirchgemeinden machten die Arbeit schwierig, konstatiert Bollier. Deshalb soll auch der Stadtverband einer Strukturreform unterzogen werden.
Analyse. Bereits 2007 beauftragte die Reformkommission das Institut Landert, das bereits mehrere Studien zur Situation der Kirche durchgeführt hat, mit einer Analyse. Die neue Studie empfiehlt unter anderem das Zusammenlegen der Kirchgemeinden von heute 34 auf 20 oder sogar nur noch 15. Aufgaben, welche die Gemeinden zu stark absorbieren oder viel Fachwissen erfordern, sollen an den Stadtverband als «gemeindeorientierte Dienstleisterin» abgegeben werden. So zum Beispiel Liegenschaftenverwaltung, Personaladministration und Kontrolle der Finanzen – oder gemäss der Studie alles, was «hohe Professionalität» erfordert.
Die gesamte Reform, die bis 2016 dauern soll, wurde in sechs Teilprojekte aufgefächert, welche die folgenden Bereiche abdecken: 1. Finanzen, Liegenschaften, Personal, 2. Strukturen des Verbands, 3. Geschäftsstelle, 4. Stadtkirchliche Angebote, 5. Kirchgemeinden, 6. Blick auf eine «Stadtkirche Zürich 2020». Die Teilprojekte 1, 2 und 5 sind zurzeit startbereit.
Diskussionsprozess. Wie aber sieht nun die Zukunft für die Kirchgemeinden aus – drohen Fusionen, Entlassungen, Zentralisierung? «Nein, wir halten an starken Gemeinden fest», stellt Bollier klar. Und ebenso: «Es wird kein Diktat von oben geben.» Für alle geplanten Veränderungen werde das Einverständnis der Gemeinden gesucht und vorher zu breit angelegten Diskussionveranstaltungen eingeladen.
Und was meinen die Kirchgemeinden dazu? Vielen ist die Notwendigkeit einer Reform offensichtlich bewusst. Jedenfalls hat bei der Abstimmung in der Zentralkirchenpflege nur eine Gemeinde ein Nein abgegeben. Allerdings, so ein Delegierter: «Wenn dann die Gottesdienste plötzlich nicht mehr in der ‹eigenen› Kirche, sondern in der Nachbarkirchgemeinde stattfinden, könnte es anders klingen.» Mit dem Leiter des Teilprojektes 5, bei dem es um die Reform der Kirchgemeinden geht, wurde jedenfalls mit Roland Diethelm, Pfarrer in Zürich-Hottingen, ein Mann der Gemeinden gewählt. Christine Voss
Chronologie der Reform
Ende 2006: Einsetzung einer Reformkommission mit dem Auftrag, die Situation der Stadtzürcher Kirchgemeinden zu analysieren.
2007–2008: Das Institut Landert übernimmt die Durchführung der Analyse.
2009: Gesamtbericht des Landert-Instituts liegt vor. Es finden Informationskonferenzen mit den Gemeinde- verantwortlichen statt.
Juli–September 2009: Die Reformpläne werden ausgearbeitet und durch die Zentral- kirchenpflege bewilligt.
Ende 2009 / Anfang 2010: Das Vorhaben wird in sechs Teil- projekte aufgegliedert, Projektleiter werden eingestellt. Drei der sechs Teilprojekte sind zurzeit startbereit.






