Erstellt: 24.02.2010
Der gute Hirte – altes Hoffnungsbild für das junge Jahr
Predigt/Von Susanne Meyer Kunz, Spitalpfarrerin in Chur. Gepredigt am 3. Januar in den Kappellen im Kantonsspital und im Kreuzspital

Kurz vor Weihnachten rief mich eine Frau an. Sie erzählte mir, dass sie vor einiger Zeit im Spital gewesen sei. Irgendwann während ihrer Leidenszeit nahm sie sich vor, etwas für die Spitalkapelle zu töpfern, wenn sie nur wieder gesund würde. Die Töpferin überbrachte mir an einem eiskalten Tag ein warm eingewickeltes schweres Paket und verabschiedete sich. In meinem Büro packte ich die Schachtel aus. Zum Vorschein kam ein Hirte mit einem Schaf auf der Schulter. Was ich in meinen Händen hielt, berührte mich zutiefst. Es ging Trost und Hoffnung aus von dieser Figur. Etwas Subversives und Kraftvolles durchflutete mich. Biblische Hirtenbilder kamen mir in den Sinn.

«Ein Psalm Davids. Der Herr ist mein Hirte, mir mangelt nichts, er weidet mich auf grünen Auen. Zur Ruhe am Wasser führt er mich, neues Leben gibt er mir.» Psalm 23, 1-2

Der Hirte – hütet, bewahrt und hält. Es gibt wohl nicht viele Texte im Ersten Testament, die so vertraut sind wie der 23. Psalm. In der Hirtensymbolik liegt etwas Tröstendes, Beschützendes, etwas, das trägt. Das griechische Wort «poimeno» bedeutet denn auch «hüten, bewahren, halten». Im Psalm ist Gott selber der Hirte. Wer sich ihm anbefiehlt, leidet keine Not. Der Psalmbeter oder die Psalmbeterin erlebt sich als schutzbedürftig. Es ist jemand, der bei Gott dem Hirten Halt gefunden hat. Die grünen Weiden und das Wasser stärken sie und geben ihm neue Kraft.

«Wer von euch, der hundert Schafe hat und eines von ihnen verliert, lässt nicht die neunundneunzig in der Wüste zurück und geht dem verlorenen Schaf nach, bis er es findet?» Lukas 15,4


Der Hirte – achtet hoch das kleine und unbedeutende. Es stimmt mich tröstlich, dass es dem Hirten nicht einerlei ist, ob er nun 99 Schafe hat oder 100. Jedes Einzelne ist ihm wichtig. Es stimmt mich zuversichtlich, dass der Hirt einen beschwerlichen Weg auf sich nimmt, um das verlorene Schaf zu suchen. In diesem Gleichnis erkenne ich die Grundhaltung Gottes, dass er das Kleine hoch achtet. Gott sieht meine Krankheit und meine Schmerzen, sie sind ihm nicht gleichgültig. Er anerkennt meine Situation. Er ist in Mitleidenschaft gezogen. Er trägt mich nach Irrwegen und Leiden auf seinen Schultern nach Hause.

«Und sie gingen eilends und fanden Maria und Josef und das neugeborene Kind, das in der Futterkrippe lag.» Lukas 2,16

Die HirtInnen – subversiv und kraftvoll. Vom Hoheitstitel des Hirten ist zur Zeit der ersten Weihnacht nichts mehr zu merken. Der Hirtenberuf gilt als verachteter und unehrenhafter Beruf. HirtInnen leben am Rande der Gesellschaft. Sie aber hören die frohe Neuigkeit von der Geburt des Heilandes zuerst. Die Hirten sind offen für die Botschaft und brechen auf in eine hoffnungsvolle Zukunft.