| Erstellt: 24.02.2010 | |
«Aaa», «ooo». Elisa-Maria Jodl sitzt auf einem Stuhl, beide Füsse auf dem Boden, den Rücken gerade aufgerichtet, die Augen geschlossen. Die Hände verschränkt sie ineinander, als ob sie beten würden. Sie atmet ein und singt beim Ausatmen «Aaa», atmet erneut ein und singt beim Ausatmen «Ooo». Die Kontemplationslehrerin demonstriert das Vokaltönen und lädt die Journalistin ein, mitzumachen. Eine einfache Übung, aber mit grosser Wirkung: Nach einigen Minuten Tönen fühle ich mich erfrischt, präsenter. Das morgendliche Gehetze mit Zugsverspätung ist in die Ferne gerückt, dafür nehme ich meine Interviewpartnerin deutlicher wahr. Elisa-Maria Jodl sagt: «Das Tönen gibt eine Sammlungskraft. Es holt einen in den Augenblick.»
Dankbarkeit. Elisa-Maria Jodl wendet das Vokaltönen in ihren Kursen an. Die Pfarrerin, die im zürcherischen Affoltern am Albis lebt, lehrt die christliche Kontemplation, bei der man in Einheiten von etwa zwanzig Minuten meditierend in der Stille sitzt. Dies kombiniert Elisa-Maria Jodl mit Körperübungen: mit Gebetsgebärden, sogar mit orientalischem Tanz und eben mit Vokaltönen. Sie hat herausgefunden: «Wenn man vor dem Meditieren einige Minuten tönt, ist das stille Sitzen einfacher und es bekommt eine vertiefte Qualität.» Doch das einfache Singen der Vokale hat noch weitere positive Auswirkungen. Jeder Vokal drücke eine bestimmte «Grundqualität» aus, erklärt Elisa-Maria Jodl. Das A beispielsweise öffne beim Singen Brustraum und Herz, sei wie Aufatmen. Mit der Zeit könne durch diese Praxis eine Dankbarkeit selbst für schwierige Lebensphasen entstehen.
Tiefe. Die Pfarrerin betont aber: Es gehe nicht um aufgesetzte Dankbarkeit. Sie weiss, dass in gewissen christlichen Kreisen den Menschen regelrecht verordnet wird, sie müssten Gott dankbar sein. Jodl hat das selbst erlebt, als sie als Protestantin in einem konservativen katholischen Umfeld in Österreich aufwuchs. Sie erinnert sich: «Ich hegte jahrelang Groll und weigerte mich, dankbar zu sein.» Heute ist sie überzeugt: Verschüttete Qualitäten wie Freude, Dankbarkeit und Liebe können wieder geweckt werden – wenn man mit dem Körper arbeitet. «In der Spiritualität kommt man nicht mit dem Denken und dem Intellekt, sondern erst mit dem Körper wirklich in die Tiefe.» Für sie gehört das zum Kern des christlichen Glaubens, schliesslich sei Gott durch Jesus ein Mensch in einem menschlichen Körper geworden.
Präsenz. Und wo versteckt sich dieser menschliche Körper in der reformierten Kirche? Er verstecke sich nicht, sagt Elisa-Maria Jodl. «Der Körper ist immer da. Er wird nur zu wenig bewusst wahrgenommen.» Sie ist beispielsweise überzeugt, dass der Körper «immer mitpredigt», wenn eine Pfarrerin oder ein Pfarrer eine Predigt hält. «Ob jemand in seinem Körper ist oder nicht, überträgt sich auf die Hörenden.» Sie selbst wurde von Predigthörenden schon als «warm» und «gläubig» bezeichnet, obwohl sie sich damals nicht so empfand, und führt dies auf die «Präsenz im Körper» zurück. Tatsächlich wirkt die 61-Jährige hellwach und hat mit ihren lebendigen Augen und dem sonoren Lachen eine starke Ausstrahlung.
Ihre Arbeit, erklärt sie, habe nur ein Ziel: «Die Menschen ermutigen, ihre enge Ichperspektive loszulassen und sich Gott zu überlassen.» Was das genau bedeutet, müsse man selbst erfahren. «Mit Worten kann man es nicht erklären.» Ein Weg zum Ausprobieren ist das Vokaltönen, das übrigens schon die christlichen Mystiker als Form des Gebets empfahlen. Angelus Silesius etwa schrieb: «Die Menschen plappern viel. Wer geistlich weiss zu beten, kann getrost mit A und O zu Gott hintreten.»
Text: Sabine Schüpbach
Bild: Christine Bärlocher
Nächste Folge Der Serie: Beten mit «Perlen des Glaubens»
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Der Tipp von Elisa-Maria Jodl Egal, ob es Ihnen wohl ist oder etwas schmerzt: Lassen Sie im Sitzen, Stehen oder Gehen den Atem ruhig fliessen. Entspan- nen und weiten Sie die Kehle, den Hals und den Gaumen. Singen Sie mit jedem Ausatmen «aaa», dann «ooo» oder «shalom» oder «jesu», nur das. Überlassen Sie sich während zehn bis zwanzig Minuten ganz und gar diesem Klang, diesem Laut.elisa-Maria Jodl, 61, ist reformierte Pfarrerin und bietet im deutschsprachigen Raum Kontemplations- und Fastenkurse an. www.elisamaria-jodl.ch |
«Wo ist eigentlich der Körper bei den Reformierten?»
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