Erstellt: 24.02.2010
«Ich hatte eine heftige Affäre mit der Kirche»
Gretchenfrage an Schriftstellerin Milena Moser

Milena Moser, wie halten Sie es mit derReligion?Ich hatte eine heftige Affäre mit der Kirche. Mit zwölf Jahren liess ich mich taufen. Als ich dann aber mit sechzehn Kazantzakis «Griechische Passion» las, war ich so erschüttert, dass ich die Konfirmation verweigerte. Seither misstraue ich jeder Form von institutionalisiertem Glauben.

Glauben Sie aber an eine höhere Macht?
Ja. Ganz klar. Ich könnte nur nicht sagen, wie diese aussieht. Was mich nicht daran hindert, mich mehrmals täglich an sie zu richten.

Ist Yoga für Sie wie Beten?
Wenn ich alleine übe, ja. Es ist eine Art Gebet in Bewegung, eine Mischung aus Konzentration und Hingabe.

Macht Yoga glücklich?
Glück ist ein Moment. Yoga ist ein Zustand, der beschrieben wird als Innehalten der Bewegungen des Geistes. Das ist mir im Alltag eine unverzichtbare Hilfe, auch wenn ich diesen Zustand nicht sehr lange halten kann. Ich weiss jetzt immerhin, dass es ihn gibt.

Woran halten Sie sich in Momenten der grössten Verzweiflung?
Dann vergesse ich alles, was mir in Momenten mittlerer Verzweiflung hilft: sitzen bleiben, weiteratmen. Aufschreiben. Freunde umarmen. Reden. Wein trinken. Eine wirklich grosse Verzweiflung bricht über mich ein wie eine Welle und reisst mich mit. Im besten Fall weiss ich dann noch, dass ich bisher immer wieder aufgetaucht bin.

In Ihrem neuen Roman schreibt die ganze Schweiz: Schreiben als Therapie?
Therapie ist ein Fachbegriff, den ich nur mit Vorsicht verwenden würde. Schreiben ist eine Form von Selbstverwirklichung. Auf dem Papier passieren Dinge, die man anders nicht erlebt. Alles ist möglich. Schreiben macht glücklich. Ob es einen zu einem besser funktionierenden Mitglied der Gemeinschaft macht, wie es das Ziel einer Therapie ist, ist damit aber nicht gesagt!
Interview: Daniela Schwegler