Ich kann mich einfach nicht entscheiden!

Einrichten. Als die Zügelmänner kamen, musste ich schnell entscheiden: den Schreibtisch an der Wand oder frei im Raum? Links oder rechts? Und wohin mit dem Büchergestell? Ich wusste es nicht, sagte mal dies, mal jenes, bis schliesslich alles irgendwo stand, aber nichts dort, wo es hätte sein sollen. Nachdem die Männer gegangen waren, schob ich die Möbelstücke noch lange selbst durch den Raum. Mit dem Ergebnis, dass mich am Schluss eine latente Unzufriedenheit und ein handfester Hexenschuss plagten.

Abwägen. Entscheidungen können ganz schön schwierig sein. Selbst dann, wenn es um Leichtgewichtiges geht: die schwarze oder die blaue Jacke? Die Einladung annehmen oder absagen? Eine kleine oder eine grosse Portion? Bei mir verläuft es dann so, dass ich hin und her überlege, irgendeinmal entscheide und sogleich befürchte, die falsche Wahl getroffen zu haben. Was manchmal auch zutrifft.

Unentschlossen. Immerhin habe ich entschieden. Eine andauernde Unentschiedenheit kann nämlich ganz verhängnisvolle Folgen haben, wie ein altes Gleichnis zeigt: Da steht ein Esel zwischen zwei gleich grossen Heuhaufen und weiss nicht, welchen er zuerst fressen soll. Weil er hin und her gerissen ist und sich einfach nicht ent-schliessen kann, verhungert er schliesslich. Aus Angst vor einer falschen Entscheidung gar nicht zu entscheiden, ist zwar auch eine Entscheidung – aber bestimmt nicht die klügste.

PHILOSOPHIE. Der dänische Philosoph Sören Kierkegaard kennt dieses Dilemma. Ihm bereitete schon die Auswahl der passenden Tasse für seinen Nachmittagskaffee unendliche Mühe. Die Möglichkeit der Wahl macht uns erst wirklich zu Menschen, schreibt er. Doch er brauchte Jahre, um herauszufinden, ob er seine Verlobte heiraten soll oder nicht. Schliesslich verliess er sie – und bereute es sein Leben lang. «Entweder – oder» heisst der Titel eines seiner Hauptwerke. Selbst blieb er oft dazwischen stecken.

RITUAL. Kierkegaard weiss auch, was die Wahl zur Qual macht: Es ist die Idee, das Richtige wählen zu können. Das ist gar nicht möglich, meint er, weil wir die Folgen einer Entscheidung nie genau kennen. Den Entscheidungsschwachen empfiehlt er deshalb, mutig eine Wahl zu treffen, ohne sich gross um das Ergebnis zu kümmern. Was für ihn zählt, ist die Wahl an sich. Sie formt den Menschen und zeigt ihm, wie es um ihn steht. Sie hat für den Philosophen sogar etwas richtig Feierliches. Die Wahl als Ritual. Das braucht Zeit. Unentschlossene wie ich sind damit rehabilitiert. Sie feiern einfach ausgiebig ihr Ritual.

UMSTELLEN. Übrigens, wenn ich jetzt so um mich blicke, scheint mir klar, wo die Möbel stehen müssten. Soll ich also noch einmal alles umstellen? Ja? Nein? Janein? Neinja? Ach, ich lass das wohl lieber sein. Oder doch nicht?