Erstellt: 24.02.2010
A l'écoute de l'heure
Umfrage/ Was heisst Reformiertsein heute? «reformiert.» will es wissen – diesmal von Max Wyttenbach, pensionierter Pfarrer.

Am Sonntag geht man hierzulande «z`Predig», während man in der Ostschweiz vom «z Chile ga» und im Welschland von «aller au culte» spricht. Gemeint ist überall der Besuch des Gottesdienstes, vermutlich in der Erwartung, eine erbauliche Predigt, aber auch eine anregend gestaltete Feier zu erleben. Interessanterweise finden sich im «Schweizer Lexikon» unter dem entsprechenden Stichwort die folgende Eintragung: «Der Gottesdienst ist charakterisiert durch feierliche Gestaltung und die Besonderheit seines Inhaltes.» Damit wird also festgestellt, dass es sich um einen «besonderen» Anlass handelt, der in «feierlicher Weise» gestaltet ist. So also ist offenbar die Erwartung an das Feiern eines Gottesdienstes: Er soll etwas Besonderes bieten und feierlich gestaltet sein. Hiezu kann vielleicht auch ein lateinisches Sprichwort angeführt werden: «Alloquium est docere, delectere, movere», zu Deutsch: Eine Ansprache soll belehren, erfeuen, bewegen. Zweifellos hat dies auch für eine Predigt zu gelten, soll diese ja die Zuhörer in der biblischen Wahrheit unterweisen, die Freude am Glauben wecken und zu christlich-ethischem Handeln bewegen.

Im Gottesdienst geht es ja um die Verkündigung der «Frohen Botschaft», dies allerdings mitten in einer Welt, die voller Bedrohungen, Anfechtungen und Gefahren ist, weit entfernt von einem «Corpus christianum». Darum kann in der Kirche nicht vollmächtig geredet werden, wenn dabei nicht auch auf die «Zeichen der Zeit» geachtet wird. Gerade der Glaube muss uns dazu veranlassen – wie es treffend auf Französisch heisst –, «à l`écoute de l`heure» zu sein, also die Welt, wie sie wirklich ist, wahrzunehmen und sie dann auch in die Verkündung einzubezeihen. Angesichts einer von Krisen, Katastrophen und brutaler Gewalt heimgesuchten Welt muss uns die Botschaft Christi zu deutlichem Reden in der Kirche veranlassen.

Es dürfte denn auch nötig und sinnvoll sein, heute gehaltene Predigten darauf zu hinterfragen. Dies hat beispielsweise der bekannte, kürzlich verstorbene, Theologieprofessor Rudolf Bohren in seinem Buch «Predigt und Gemeinde» unternommen. So lesen wir dort u.a. folgendes:

«Die meisten Predigten fliessen geradezu über von Harmlosigkeiten. Darum sind denn auch die Männer so seltene Vögel in der Kriche, weil sie so ganz anders als die Frauen den Mächten ausgeliefert sind. Warum gleichen unsere Predigten vielmehr den Predigt der Schriftgelehrten als der Predigt der Apostel? Warum ist unser Predigt zum Dienst des Buchstabens geworden und nicht zum Dienst des Geistes?»

Solch ungeschminkte Kritik muss uns nachdenklich stimmen und ernst genommen werden. Dies umso mehr, als bereits früher gleichlautende Kritik erhoben wurde. So hat der seinerzeitige Münsterpfarrer und Theologiedozent in Bern, Albert Schädelin, eine Broschüre herausgegeben mit dem Titel «Die rechte Predigt» (1953 im Zwingli-Verlag). Daraus seien hier die folgenden eindrücklichen Zitate festgehalten:

«Jeder Prediger befindet sich im Handgemenge mit dem Geist der Welt und der Zeit, welcher Geist ja in allem sein Wesen hat. Darum befindet sich die Predigt in beständiger Auseinandersetzung mit denen, die nicht im Gottesdienst sind. Wird aber im Gottesdienst wesentlich geredet, so dringt die Rede auch durch die Kirchenmauern hindurch, auch zu denen, die in der Regel nicht in der Kriche zu treffen sind, und die doch im Geiste ängstlich hinhorchen, was wohl am Sonntagmorgen alles hinter Kirchenmauern passieren möchte. Passiert etwas Wesentliches, so werden auch sie dabei sein wollen.»

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Das Evangelium ist nun einmal keine Abstraktion, sondern Botschaft an den konkreten und wirklichen Menschen, der immer ein durch den Zeitmoment bestimmter Menschen sein wird. Darum hat jede rechte Predigt den ‹Geschmack› der Zeit an sich, in der sie gehalten wurde, und begegnet uns die frohe Botschaft in der Bibel als Geschichte und nicht als System.»

Unbestritten bildet die Predigt den Schwerpunkt des Gottesdienstes, dieweil jedoch auch die Gestaltung der Feier bedeutsam ist. Besonders wichtig sind die vorgesehenen Gebete und die darin einzuschliessenden Fürbitte-Anliegen. Welche geistliche Bedeutung diesen zukommt, macht ein Zitat von Hans Dürr (ehemaliger Theologieprofessor in Bern) deutlich:

«Das stärkste Band zwischen Kirche und Welt ist gewiss das Gebet, ganz besonders die Fürbitte. Die Verantwortung der Kriche für die Welt heute, für die politischen, sozialen, geistlichen Nöte wird zum Gebet. Und dadurch kommt man aus dem Allgemeinen, dem Erbaulichen, dem Feierlich-Rhetorischen heraus und hinein ins Konkrete, in die Realität des heutigen Menschen, der heutigen Völkerwelt.»

Einige Uberlegungen noch zum letzten Teil des Gottesdienstes: Offenbar gibt es Besucher, die denken, das Amen im zweiten liturgischen Gebet bedeute eigentlich den Abschluss der Feier, sei doch das, was jeweils unter «Mitteilungen» noch folge, nicht von entscheidender Wichtigkeit. Eine solche unzutreffende Meinung lässt sich klar berichtigen, wenn die tatsächlich zu vermeldenden Informationen nicht gewissermassen bloss beiläufig, sondern mit persönlichem Engagement vergelegt werden. Dabei liesse sich aus der Fülle der bei einem Pfarramt eintreffenden Informationen und Dokumentationen manch Wissenswertes der Gemeinde weitergeben. Ferner könnte auf die kirchliche Presse, besonders auf die Monatszeitschrift «reformiert.» hingewiesen werden.

Schliesslich ist die Kollekte präzis anzukündigen. Die Gemeinde soll realisieren, wie vielfältig und notwendig die karitativen Verpflichtungen der Kirche und ihrer Hilfswerke sind. Es könnte auch ein Zeichen für die Wahrhaftigkeit des Glaubens sein. Max Wyttenbach

 


Max WYTTENBACH, 89, war Pfarrer sowie Synodalratspräsident der reformierten Berner Kirche.