| Erstellt: 24.02.2010 | |
Jaja, die Steuererklärung. Seit ich sie bekomme, fülle ich sie zwar immer zu spät, aber insgesamt doch ziemlich gewissenhaft aus. Nur ein einziges Mal regte sich Widerstand in mir: Ich hatte gerade geheiratet und intern durchgeboxt, dass mein Nachname zum Familiennamen wurde – doch das Steueramt adressierte das Kuvert mit den Unterlagen weiterhin ungeniert mit dem Nachnamen meines Mannes. Ich rief unverzüglich dort an. Die Beamtin erklärte höflich, das Computerprogramm nehme bei Ehepaaren halt automatisch den Nachnamen des Mannes. Nein, das könne man nicht einfach anders eingeben. Interessante Software. Sie versah die Steuerfalle, in die ich durch die Heirat getappt war, mit einem zusätzlichen Widerhaken. Ich bleibe durch die Doppelbesteuerung nicht nur finanziell, sondern auch namentlich an meinem Gatten hängen.
Unerklärlich. Nachdem mir die Dame vom Steueramt damals sozusagen den geltenden familienpolitischen Tarif erklärt hatte, dachte ich zum ersten Mal in meinem Leben über den Begriff «Steuererklärung» nach – und kam zum Schluss, dass diese Bezeichnung ihrem Inhalt nicht gerecht wird. Vor allem der zweite Teil: die «Erklärung». Was, bitte schön, ist an der Steuererklärung erklärend? Ich bin es, die erklärt: wer ich bin, wie ich lebe, wie viel ich verdiene und was ich mit meinem Geld mache. Mir aber erklärt niemand, wofür genau ich überhaupt Steuern zahle (siehe Seite 6, Ziffer 2) und wie sie bemessen werden. Und wer weiss schon, was «nach vereinfachtem Verfahren bereits versteuerte Einkünfte» oder «Nutzniessungsberechtigte» sind? Das ist, mit Verlaub, eher verwirrlich als erklärend. Jedenfalls werden steuertechnische Laien wie ich, die das Formular selbst ausfüllen, das Gefühl nicht los, haufenweise abzugsberechtigte Ausgaben zu übersehen. Trotzdem vertrau ich dem Staat irgendwie, schliesslich sorgt er sonst ordentlich für mich.
Und deshalb füll ich die Steuererklärung jetzt nach bestem Wissen und Gewissen aus. Wie immer. Schön der Reihe nach. Rechts neben dem Formular liegt ein Blätterberg mit Lohnausweisen, Kinderbetreuungsabrechnungen, Steuerbescheinigungen, Buchhaltungstabellen. Links ein Taschenrechner und ein Bleistift mit Gummi drauf. Ich muss enorm viel radieren. Ja, genau wie die Steuerbetrüger. Bloss dass ich Beträge nicht absichtlich abändere, sondern viele Abrechnungen erst finde, nachdem ich die Summe schon eingetragen hab. Na gut, ab und zu habe ich vielleicht schon das eine oder andere kleine Honorar, das ich als selbstständig erwerbende freie Journalistin bei einem ausländischen Verlag verdient habe, anzugeben vergessen – aber das ist doch wohl noch nicht Steuerbetrug, oder? Zudem war es so wenig, dass man damit der Schweizer Armee kaum mehr als eine Handgranate hätte finanzieren können. Das will ich ja sowieso nicht. Und es wäre ja grotesk, wenn die grösste Steueroase der Welt mir mein Steueroäschen verbieten wollte.
(Un)Glücklich. Man möchte als Erstes meine Einkünfte wissen, also tippe ich die Beträge der zig Lohnausweise in den Taschenrechner. Mein Jahreseinkommen ist kleiner als das einer Migros-Kassiererin. Ja, lieber Staat, ich weiss, dass du von einer Akademikerin eigentlich mehr erwartest, nachdem du so viele Jahre in sie investiert hast. Und auch vom Hochschulabsolventen an meiner Seite. Wir liegen ja auch nicht auf der faulen Haut. Nein, der Grund für unsere vergleichsweise bescheidenen Verdienste ist, dass wir Kinder haben, die wir gerne auch unter der Woche betreuen, sogar mein Mann. Und da wir noch immer keine Blockzeiten in der Schule haben und die Kinderbetreuungskosten so hoch …
Ich schweife ab. Ab zum nächsten Posten. Ich kann den Rest der Seite auslassen: Arbeitstechnisch gesehen ist das ja eine Erleichterung, aus finanzieller Sicht hingegen sind die leeren Zeilen bei «Einkünfte aus Wertschriften und Kapitalanlagen», «Weitere Einkünfte und Gewinne» sowie «Einkünfte aus Liegenschaften» etwas deprimierend – hier hätte ich ganz gern einen Mehraufwand geleistet. Ich bin versucht, «Ich bin im Fall trotzdem ein glücklicher Mensch» quer über die leere Spalte zu schreiben. Aber das Papier will ja nur mein fiskalisches Befinden wissen. Eigentlich ziemlich ignorant von Vater Staat: Jedes Jahr muss ich ihm akribisch genau mein finanzielles Wohlergehen schildern, aber wies in mir drin aussieht, interessiert ihn einen Dreck. Ich bin doch keine Milchkuh!
Ungerecht. Ich kann also direkt zu den «Abzügen». Das müsste eigentlich der Spassteil meiner Steuererklärung sein – aber schon auf der ersten Zeile schikaniert mich der Staat mit den «berufsbedingten Fahrkosten»: Ich darf eine Velopauschale und die Kosten für den öffentlichen Verkehr abziehen. Beim Blick in die Wegleitung fällt mir auf, dass meinem Nachbarn, der jeden Tag mit dem Auto nach Basel fährt, ein viel grösserer Abzug gewährt wird. Bloss weil er gemäss eigenen Worten lieber allein im Stau Musik hört als zwischen nervenden Mitfahrern im Zugabteil sitzt. Und obwohl er dabei die Luft mehr verpestet als mein Mann und ich zusammen, die Strassen mehr abnutzt und mehr Menschen gefährdet. Statt dass die Umweltbewussten tiefer besteuert werden, müssen sie mit den ökologisch Indifferenten solidarisch sein! Das sollte in den Diskussionen rund um Steuergerechtigkeit mal thematisiert werden. In kleinen Lettern schreibe ich neben den Posten: «Eine autofreie Velofahrerin verdient mehr Steuerabzüge!» und setze gleich noch zwei weitere Ausrufezeichen dazu.
Unterstützend. Nun zu Kinderbetreuungskosten. Wir können nicht mehr viele abziehen, seit mein Mann und ich nur noch je sechzig Prozent arbeiten. Vielleicht hat die SVP doch recht: Sie verlangt, dass auch jene Kinderbetreuungsabzüge geltend machen können, die ihre Kinder voll und ganz daheim betreuen. Recht hat sie, schliesslich ziehen diese ohne staatliche Beihilfe zukünftige AHV- und Steuerzahler auf. Dumm nur, betrachtet die SVP Vaterschaftsurlaube und Teilzeit arbeitende Väter als wirtschaftsfeindlichen Hippiekram. Nein, das Mütter-am-Herd-Programm sollte nicht noch mit Steuergeschenken unterstützt werden. Spätestens bei «Zuwendungen an steuerbefreite politische Parteien» weiss ich wieder, für welche Interessenvertreter mein Herz schlägt. Mehr als Sympathie spende ich denen aber nicht.
Bei «Freiwillige Zuwendungen» kann ich endlich mal wieder ein bisschen was abziehen. Obwohl ich mich ja immer wieder frage, wozu ich für Entwicklungsprojekte in Ländern spende, aus denen die Schweiz gleichzeitig Milliarden von Schwarzgeldern annimmt. Die Arbeitsgemeinschaft der Hilfswerke, Alliance Sud, schätzt die Summe auf 360 Milliarden! Da erscheinen meine jährlich hundert Franken für Schulhefte einer Mädchenklasse in Indien ja direkt lächerlich. Mit den riesigen Geldbeträgen, die am indischen Fiskus vorbei auf Schweizer Konten transferiert werden, könnte man im ganzen Land Gratisschulen bebauen. Hat die Schweizer Entwicklungspolitik nicht den falschen Ansatz? Ich werde weiterhin spenden. Das Geld kommt ja hoffentlich jenen zugute, die nichts dafür können, dass die da oben ihre Gelder umleiten.
Unvermögend. Das waren leider schon alle Abzüge. Es geht weiter zum Kapitel «Vermögen». In der Wegleitung lese ich dazu: «Nutzniessungsvermögen ist von der nutzniessungsberechtigten Person zu versteuern.» Ich lasse diese steuerpoetische Delikatesse auf meiner Zunge zergehen, bevor mich die Zeile «Total» auf den Boden der Realitäten zurückholt: Denn dort kann ich nichts eintragen. Ich bin nutzniessungsunvermögend. Mein Guthaben auf der Bank betrug per Ende Jahr peinliche minus zehn Franken und fünfzig Rappen. Und in naher Zukunft wird sich das auch nicht ändern. Mit dem am einfachsten zu erwerbenden Vermögen, einer Erbschaft, kann ich nicht mehr rechnen (nein, ich bin nicht enterbt worden). Bliebe nur noch, meinen Mann gegen einen Investmentbanker einzutauschen. Doch das wäre nicht sehr nett. Zudem würden meine Kinder ihren Vater dann nur noch am Wochenende sehen. Dann lieber die Leerzeile beim Vermögenstotal.
Ich bin am Ende. Mit der Steuererklärung, meine ich. Eigentlich eine ziemlich anregende Sache. Eine unkonventionelle Standortbestimmung, die gar nicht so dröge ist, wie sie aussieht. Man wird sich wieder mal bewusst, warum man gewisse Dinge im Leben so macht und nicht anders.
Und wo die Qualitäten des Ehemannes liegen.
Allfällige Übereinstimmungen mit lebenden Personen in diesem Text sind reiner Zufall.
Text: Anouk Holthuizen
Bild: Martin Guggisberg




