| Erstellt: 09.02.2010 | |
Sonntagnachmittag im ehemaligen reformierten Gemeindehaus Zürich-Wipkingen: Mit leidenschaftlicher Hingabe stimmen die drei Sängerinnen und ein Sänger auf Portugiesisch ihren Lobpreis auf Gott an. Eingängig kommen die poppigen Sakralmelodien daher. Projizierte Texte auf der Leinwand helfen den Mitgliedern der brasilianischen Gemeinde beim Mitsingen. Gegen Ende des halbstündigen Lobpreises ist es soweit. Immer mehr der hundert Gottesdienstbesucher werfen ihre Arme hoch, recken ihren Kopf nach oben.
Fasten und Beten. Jetzt greift Otavio Rocha do Nascimento, Pastor der portugiesischsprachigen Gemeinde Igreja Evangélica de lingua Portuguesa – kurz: Igreja – zum drahtlosen Mikrofon. Er will für jeden Tag bis Ostern ein Mitglied der Gemeinde finden, das einen Tag lang fastet. Fasten heisst für ihn: weder Essen noch Trinken. Denn eines ist dem Pastor wie den Mitgliedern von Igreja klar: Es braucht mehr als den Gottesdienstbesuch. Gebetsnächte und auch Fasten gehören zur geistlichen Stärkung unbedingt dazu. Oder wie der Pastor sagt: «Ein christliches Leben zu führen, das ist ein Kampf.»
Strafgericht in Haiti. Für dieses Gefecht sucht do Nascimento fromme Mitstreiter. Kampf und Sieg, das sind in seinen Predigten und seelsorgerlichen Gesprächen ganz selbstverständliche Begriffe. Denn der Glaube ist ein Schlachtfeld von Gut und Böse. «Sonst würde die Geschichte von Sodom und Gomorrah nicht in der Bibel stehen», ist do Nascimento überzeugt. Selbst das Erdbeben Haitis zeigt ihm: «Gott straft die Sünder.»
Unbeirrt und Gradlinig. Auf der anderen Seite befreie der Glaube an Gott, Jesus und den Heiligen Geist von Homosexualität, Krankheit und Dämonen und helfe Menschen, aus der Prostitution, aus Ehekrisen oder Arbeitslosigkeit herauszufinden. Nicht, dass do Nascimento ein religiöser Marktschreier wäre. Er ist ein seriöser Mann mit ruhiger, sonorer Stimme, trägt einen gediegenen blaugrauen Anzug mit farblich abgestimmter Krawatte. Sein Gesicht strahlt Seriosität aus. Und es lässt sich darin auch die Willenskraft ablesen, die den presbyterianischen Pfarrer im Jahr 1994 – nach erst einem Jahr Aufenthalt in der Schweiz – anfangen liess, unbeirrt eine kleine Gemeinde, erst mit nur acht Mitgliedern, um sich zu scharen. Doch der Aufbau seiner 120-köpfigen Gemeinde mit ihren brasilianischen, angolanischen und portugiesischen Gläubigen barg auch Stolpersteine. Der Pastor räumt ein: Nicht jedes Gebet werde erhört.
Falsche Propheten. Denn, so beklagt do Nascimento, andere versprächen das gnädige Wirken Gottes in allen Lebenslagen. Diese vollmundigen Missionare hätten sich in die Igreja eingeschlichen und sich als die wahren Propheten hingestellt. Drei Mal schon spaltete sich die junge Gemeinde. Der Spaltpilz, so do Nascimento, «das ist eine brasilianische Krankheit».
Voodoo-Zauber. Brasilien kennt aber noch mehr Krankheiten. Der Karneval gehört für den Pastor ebenso dazu wie der Voodoo-Zauber. Einmal sei er vom Ehemann einer vom Voodoo verwirrten Frau um Mitternacht angerufen worden. Seine Ehefrau sei gerade dabei, die ganze Wohnung zu demolieren. Der Pastor konnte der Frau mit dem Segen von Jesus den bösen Geist austreiben, so erzählt er. «Heute ist sie befreit und Mitglied unserer Kirche.»
Dekadenz in Zürich. Aber wie die brasilianische Gesellschaft sei auch die Schweizer Gesellschaft von spiritueller Dekadenz erfasst: «Es ist beinahe beschämend, dass heute der Glaube an Gott im Land von Calvin und Zwingli so sehr geschrumpft ist.» Beschämend findet er es auch, dass die Zürcher Landeskirche, entgegen den klaren Worte der Bibel, Homo-Ehen toleriere. Er möchte aber im Dialog mit der reformierten Kirche stehen und spricht auch seinen Dank aus, in dem vom Zürcher Stadtverband finanzierten Zentrum für Migrationskirchen Gastrecht gefunden zu haben.
Offene Türen. Seit Advent 2008 hat das ehemalige Gemeindehaus der Arbeitergemeinde Wipkingen seine Tore für die «evangelischen Gemeinden» der Migranten geöffnet. Sechs Gemeinden feiern hier ihre Gottesdienste. Einige weitere haben hier Raum für Büros gefunden. Die Eröffnung des Zentrums ist ein sichtbares Bekenntnis der reformierten Kirche zu ihren «Schwesterkirchen». Die Theologin Annelis Bächtold koordiniert das Zentrum, aber auch die Vermittlung von evangelischen Migrantengemeinschaften in reformierte Gemeinden (siehe unten stehender Artikel). Bächtold ist sich bewusst, dass die von den Migrationskirchen gelebte charismatische Spiritualität wenig mit der wohltemperierten Frömmigkeit der Landeskirchen zu tun hat. «Ich begegne vielem, was ich in diesen Gottesdiensten erlebe, mit Widerstand», sagt sie. Gleichzeitig ist sie aber auch fasziniert und vor allem von einem überzeugt: «Die Begegnung mit dem Fremden zwingt uns dazu, uns auf unser Eigenes zu besinnen.»
Soziales Netz. Dass die reformierte Kirche den zugewanderten Christen aus aller Welt, die sonst in Zürich vor verschlossenen Türen stehen, eine Tür aufgetan hat, fördere auch den «innerreformierten ökumenischen Dialog». Für Bächtold leisten die Migrationskirchen aber auch einen bedeutenden Beitrag zur Integration. «Vor allem afrikanische Männer kommen damit, dass sie eine Aufgabe in ihrer Kirchgemeinde haben, weg von der Strasse.» Zudem würden in den Migrationskirchen soziale Netze geknüpft, die gerade für Neuankömmlinge wichtig seien.
Keine Sekten. Deshalb wehrt sich Bächtold auch dagegen, die theologischen Grenzen im Migrationszentrum zu eng zu ziehen und Gruppen auszuschliessen. Mit dem Mietvertrag verpflichten sich alle Gemeinden, am monatlichen Hauskonvent teilzunehmen. Ein Ort, an dem nach der gemeinsamen Bibellektüre auch theologische Fragen diskutiert werden. Eine Regel ist für Bächtold aber unumstösslich: «Jedes der Gemeindemitglieder kann aus freier Überzeugung kommen und auch wieder gehen. Sekten wünschen wir uns hier aber nicht.» Delf Bucher



