| Erstellt: 09.02.2010 | |
Im Krimi ist immer der Mörder der Böse und der Kriminalinspektor der Gute. Am Schluss überführt der Kommissar den Mörder, womit die Welt wieder in Ordnung ist. Sind Krimis deshalb so attraktiv?
Knellwolf: Die Scheidung zwischen gut und böse trifft für eine grosse Tradition der Kriminalliteratur zu. Dazu gehören Arthur Conan Doyles Sherlock-Holmes-Geschichten oder Agatha Christies Detektivin Miss Marple, die jeden Mörder überführte. Am Ende kommt die Polizei, nimmt den Täter fest, steckt ihn ins Gefängnis, und der Fall ist erledigt.
Genau wie in den Vorabendkrimis. Sind die Krimiserien eine Art Beruhigungsritual?
Das ist tatsächlich ein kleiner Weltrettungsmythos, der uns allabendlich präsentiert wird. In einer Welt, in der es drunter und drüber geht und zum Beispiel Banken geltendes Recht umgehen, ist man froh, wenn am Abend der Kommissar im Fernsehen die Welt ein Stück weit wieder in Ordnung bringt.
Der Vorabendkrimi gibt uns Halt? Ersetzt er gar die sonntägliche Predigt?
Zum Teil sicher. Wobei sich fragt, ob es die Aufgabe der Predigt ist, als Beruhigungsmittel zu wirken. Aber der kleine Vorabendkrimi tut das natürlich. Allerdings gibt es auch Krimis, die nicht allzu sehr beruhigen, weil man gut und böse nicht so klar unterscheiden kann. Diese Tradition wurzelt beim Vater aller Krimis, Edgar Allan Poe, der mit dem Doppelmord in der Rue Morgue die erste klassische Detektivgeschichte geschrieben hat. Hier handelt gerade nicht ein verantwortlicher Täter, sondern ein Orang-Utan. Damit stellt Poe dem Genre der Kriminalliteratur ein Problem und mahnt: Achtung! Sünde und Schuld lassen sich nicht immer so leicht unter einen Hut bringen. Es kann ja sein, dass der Täter schuldunfähig ist, wie beim Orang-Utan. Den ins Gefängnis zu stecken bringt gar nichts.
Auch Sie selber stecken als Autor in Ihren Krimis im Buch «Tod in Sils Maria» den Täter am Schluss nicht hinter Gitter. Wollen Sie die Welt nicht wieder in Ordnung bringen?
Nein, mich interessiert vielmehr: Wie kann einer plötzlich in ein Verbrechen hineinrutschen, ohne dass er das eigentlich will?
Kann jeder zum Mörder werden?
Genau! Und dieses Krimigenre interessiert mich bedeutend mehr als das klassische Krimistrickmuster. Meine Krimis müssen keine beruhigende Funktion haben, sondern sie sollen eher beunruhigen. Ich will ja nicht, dass die Leute beim Lesen einschlafen, sondern ich möchte sie lieber aufrütteln und zum Nachdenken anregen.
In Ihren Krimis ist am Schluss ja nie so klar, wer der Schuldige ist?
Zumindest lässt sich die Schuld nicht so klar an einem Täter festmachen. Es bleibt ein Zweifel, ob er die Schuld ganz alleine trägt.
Aber einer muss doch schuld sein? Wenn Gott den Menschen als Sünder erschaffen hat, ist er am Ende selber der Schuldige?
Tatsächlich. Am Schluss läuft es darauf hinaus. Der Mensch mag wohl der Täter sein und damit der Sünder. Aber ist er auch der Schuldige? Da habe ich meine Zweifel. Auch theologisch: Ist es so, dass mit dem Sündenfall Adams und Evas sich die Erbsünde dem Menschen weitervererbt hat, wie die Kirchenväter Paulus, Augustin und Luther argumentieren? Wird mit dieser Auslegung das Problem nicht vereinfacht? Damit Gott selber als Schöpfer nicht schuldig wird, muss der Mensch die Schuld übernehmen? Mein Verdacht ist, wir sind lieber selber schuldig, als dass wir uns einem schuldigen Gott gegenüber sehen. Aber was wäre denn, wenn Gott selber schuldig wäre?
Der Mensch wäre dann unschuldig?
Natürlich steckt im Menschen immer auch Böses. Hin und wieder will ich doch einfach jemanden beleidigen, der mich ärgert!
Hatten Sie auch schon Mordgelüste?
Durchaus. Da war die Dame im Konzert. Im schönsten Moment kramte sie ein Bonbon aus ihrer Handtasche, wickelte es hingebungsvoll aus und verteufelte mit ihrem Rascheln das schönste Pianissimo. Das hat mich unheimlich aufgeregt. Gerne hätte ich ihr ein mit Rattengift präpariertes Hustenbonbon gereicht und sie damit vom nächsten Konzertbesuch erlöst.
Der Mensch ist also zu allem fähig? Doch trotz aller Bosheit soll er nicht schuld sein?
Ja, Paulus sagt: Lasst euch versöhnen mit Gott. Könnte das nicht der Ankerpunkt des Christentums sein? Dass Gott Verantwortung übernimmt und selber als Sünder zu den Menschen kommt, sie aber um Nachsicht bittet und versichert, dass er das ganze Unternehmen schliesslich trotzdem zum Erfolg führt.
Gott trüge damit die letzte Verantwortung?
Ja, wer auch immer der Schuldige ist: Gott übernimmt sie und sagt: Ihr seid legitim. Ich hab das so gewollt. Legt euer schlechtes Gewissen ad acta. Aktuell hiesse das zum Beispiel für uns heutige Klimasünder: Gott hält seine Schöpfung so weit in der Hand, dass sie vom Menschen nicht restlos zerstört werden kann. Interview: Daniela Schwegler
Tagung zur Sünde in der Paulus-Akademie, Zürich.
Koreferent ist Krimiautor und Theologe Ulrich Knellwolf. Sein Thema sind die «Abgründe der menschlichen Existenz – Sünde und Schuld im Krimi». Weitere Referenten sind die Theologen Uta Poplutz, Mainz, Christoph Gestrich, Berlin, und Lucia Scherzberg, Saarbrücken.
Zeit: Freitag, 12. März, 10–17.30 Uhr.
Ort: Paulus-Akademie, 8053 Zürich, Tel. 043 336 70 30, www.paulus-akademie.ch






