| Erstellt: 09.02.2010 | |
Anna Vollenweider kennt im Seefeld jeden Winkel. Sie erinnert sich an die alten Ladengeschäfte und Beizen, bevor diese Boutiquen und Trendrestaurants Platz gemacht haben. «Als wir vor fünfundzwanzig Jahren hierher zogen, reihten sich hier die Frauen des Strassenstrichs auf», sagt sie.
Teuer wohnen. Tempi passati. Das Quartier mit dem Schmuddelimage hat sich zur teuren Nobeladresse gemausert. Vollenweider lenkt ihre Schritte zu einem Neubau. Auf dem Schild steht: «Wildbachgut – konkurrenzlos Wohnen». «Die Dachterrassenwohnung ist mit 12 000 Franken Monatsmiete zu haben gewesen», erklärt sie.
Die Mietzinse seien in den letzten Jahren rasch gestiegen: Um runde zwanzig Prozent. Denn die Immobilienbranche hat das Seefeld entdeckt. Überall wird renoviert, saniert oder gleich abgerissen. Vor der weit aufklaffenden Baugrube an der Seefeldstrasse / Ecke Münchhaldenstrasse macht Anna Vollenweider wieder einen Halt: «Hier standen zwei Häuser – eines davon im Heimatstil. Der Denkmalschutz hatte nichts gegen den Abriss. Mit privaten Investoren legen die sich nicht an.»
Mit Anna Vollenweider, Präsidentin der reformierten Kirchenpflege Neumünster, hingegen scheut die Denkmalbehörde den Konflikt nicht. Und seit im Trendquartier immer mehr angestammte Familien aus dem Quartier verdrängt werden, verfolgt sie konsequent eine Idee: für Familien bezahlbaren Wohnraum zur Verfügung zu stellen. Dafür will sie das seit dreissig Jahren nicht mehr genutzte Kirchgemeindehaus – Baujahr 1910 – abreissen lassen. Vierzehn Wohnungen könnten so entstehen. «Und da wir den Boden nicht in Rechnung stellen, könnten wir günstig vermieten», erklärt die engagierte Frau das Projekt.
Soziale Vielfalt. Die Denkmalpflege kam aber den Plänen der Kirchgemeinde Neumünster zuvor. Sie stellte den Bau unter Denkmalschutz. «Sicher waren die Gebrüder Otto und Werner Pfister, die das Gemeindehaus damals konzipierten, so etwas wie Stararchitekten. Aber mit Baumonumenten wie dem St.-Anna-Hof in der Bahnhofstrasse haben sie viel bedeutendere Bauwerke hinterlassen.» Vollenweider ist felsenfest davon überzeugt: Die Vielfalt des bunt gemischten Quartiers ist ihr wichtiger als sturer Denkmalschutz. Dies auch, da bereits viele Menschen weggezogen sind.
Rekurs. Die Kirchenpflege hat gegen die Aufnahme des Gemeindehauses in das Denkmalschutz-Inventar rekurriert. «Die Leute haben das begrüsst», sagt die gut vernetzte Kirchenpflegepräsidentin. Aber sie ist realistisch: «Der Rekurs wird kaum durchkommen.» Die klare Haltung der Kirchgemeinde hat Staub aufgewirbelt. Die Behörden erwägen nun einen Landabtausch. So könnte auf dem Gelände der ehemaligen Villa Seeburg, einige Steinwürfe vom alten Gemeindehaus entfernt, ebenfalls ein Haus mit vierzehn Wohnungen entstehen. Vierzehn Wohnungen seien nur ein Tropfen auf den heissen Stein, habe ein Beamter ihr erklärt. Aber das macht die engagierte Kirchenpflegepräsidentin aus: der ungebrochene Glaube, dass aus Kleinem Grosses wächst. Delf Bucher
Teures Seefeld
Im Seefeldquartier haben sich die Mieten zwischen den Jahren 2000 und 2006 teil- weise verdreifacht. Auf der anderen Seite sind nur sieben Prozent der Wohnungen im Quartier gemeinnützig. Deshalb werden die alteingesessenen Bewohner durch zahlungskräftige Mieter mehr und mehr verdrängt. Schon macht der Begriff der «Seefeldisierung» in Zürich die Runde.






