Erstellt: 25.01.2010
Mit alt Dekan Luzi Battaglia zwischen «Glaube und Wissen»
Rätisches Museum/ Wenn ein alt Dekan mit dem Museumsdirektor die neue Dauerausstellung besichtigt. Und sich beide erinnern.

Die neu eröffnete Ausstellung «Glaube und Wissen» liegt im dritten Stock des Rätischen Museums. «Näher mein Gott zu dir», kommentiert Museumsdirektor Jürg Simonett, während wir durch das steinerne Treppenhaus weiter und weiter nach oben steigen.
Es geht vorbei an den grossen Etagen «Macht und Politik» und «Arbeit und Brot», bis wir im ehemaligen Dienstbotenstock des barocken Herrenhauses landen. Hier ist es eng, niedrig und heimelig. Acht kleine Räume bieten Platz für acht Themen.

Romanische Bibel. Luzi Battaglia zieht es sofort zum Raum mit der Druckerpresse. «Das ist der reformierteste Raum», findet der ehemalige Vorsteher der reformierten Pfarrerschaft. «Reformation ist nicht nur ein Glaubensereignis, sondern sie war ebenso wichtig für die Sprachentwicklung des Romanischen.» Vor allem der 450-jährige Bibeldruck von Giachem Bifrun hat es Luzi Battaglia angetan. «Eine Meisterleistung», kommentiert er.
Der Jurist aus Samedan hat das Neue Testament nicht nur aus dem Griechischen, Lateinischen und Deutschen übersetzt. Sondern er musste zunächst die romanische Schriftsprache entwickeln, es gab keine anerkannte Rechtschreibung oder Grammatik. «Am Ende hat er den Druck auch noch gezahlt», weiss Luzi Battaglia, und der Wert einer Bibel entsprach dem Preis einer Kuh.

Zeichen und Wunder. Diesen Raum empfindet auch Jürg Simonett als gutes Beispiel für die Gesamtausstellung. «Die Grenze zwischen Glaube und Wissen war nie eindeutig», sagt er.
Ist dieser Raum klassisch reformiert, welches wäre denn der klassisch katholische Raum? Nach kurzem Nachdenken führt uns Luzi Battaglia in das Dienstbotenzimmer «Zeichen und Wunder». Die mit Perlen geschmückte Reliquie, ein Oberschenkelknochen, dominiert den Schaukasten. An der Wand hängen Ölbilder, Votivtafeln, die wunderbare Errettungen zeigen oder Heilige preisen – und ein Zeitungsaushang des «Blick» vom letzten Jahr: «Der FCZ schaffte das Wunder».

Weihwasser für Kühe. «Wir hatten zuerst ein bisschen Angst, das aufzuhängen», sagt Jürg Simonett. «Wir möchten die Leute nicht verletzen.» Aber die «Blick»-Schlagzeile zeige: Wunder sind nicht ausgestorben. «Heute ist dieses Vokabular in die Wirtschaft abgewandert. Dort redet man in der Krise ungeschminkt von Hoffnung, Vertrauen und Wirtschaftswunder.»
Wunderglaube ist auch im reformierten Bauerndorf Scheid lebendig geblieben, in dem Luzi Battaglia aufwuchs: «Ein alter, lediger Bauer ging immer ins Nachbardorf Tomils, hat Weihwasser geholt und seine Kühe damit eingerieben. Er war überzeugt, dass sie das beschützt.»
Im angrenzenden Raum steht ein grosser Kachelofen. Arnold Büchlis «Mythologische Landeskunde Graubünden» liegt auf der Ofenbank, daneben quäken alte Bündner Sagen aus vier Kopfhörern. «Vermutlich ist diese Welt definitiv verloren», sagt Luzi Battaglia. Als Kind sei er sonntags noch zum pensionierten Dorfschullehrer gegangen. Der erzählte dann Geschichten. «Damals gab es in Scheid zwei Fernseher und ungefährt ebenso viele Telefone.»

Ende des Totenzugs. Auch eine andere Welt ist davon bedroht, verloren zu gehen: die Bündner Beerdigungsbräuche. Im Raum «Geburt und Tod», zwischen einem Altar aus Grono und martialisch aussehendem hundertjährigem Geburtshilfebesteck, erinnert sich Luzi Battaglia: In Scheid werden die im Dorf Gestorbenen – wie seit alten Zeiten – daheim aufgebahrt. Früher kam der Schreiner mit dem Haselrutenstecken, nahm Mass und zimmerte den Sarg. «Der Weg mit dem Totenzug zum Friedhof ist wie eine Verarbeitungsmöglichkeit.» Danach könne man zurück in den Alltag, der müsse schliesslich weitergehen.
«Als Pfarrer in Malans habe ich dann den Umbruch erlebt.» Plötzlich gab es Urnen, der Zug vom Trauerhaus zum Grab wurde immer seltener, neue Beerdigungsbräuche mussten erfunden werden, die Alten hatten ausgedient. Luzi Battaglia bedauert das. «Es gibt heute Bräuche, die sind ausgehöhlt. Der Beerdigungszug gehört nicht dazu. Wenn er fehlt, wird aus dem Tod ein Tabu. Dabei gehört Sterben zum Leben.»

Prognose der Wahrsagerin.
Die Ausstellung bringe Besucher immer wieder zum Diskutieren, beobachtet auch Jürg Simonett. «Sie kommen aus dem oberen Stock und reden angeregt.» Für ihn jedenfalls sind Glaube und Wissen keine Gegensätze, das Wissen habe den Glauben nicht abgelöst. Aber: Glaube sei nicht mehr allein an die Kirchen gebunden. Er mache sich immer mehr selbstständig.
Auf einer Zeitungsseite der «Südostschweiz» präsentiert eine Wahrsagerin ihre Prognose für 2009. «Sie können in der Ausstellung überprüfen», meint Jürg Simonett, «ob sie recht hatte.» Reinhard Kramm

Ausstellung «Glaube und Wissen» ist geöffnet von Dienstag bis Sonntag, jeweils 10 bis 17 Uhr im Rätischen Museum, Hofstrasse 1, Chur, Tel. 081 254 16 27.
Öffentliche Führung: 9. Februar, 18 Uhr.