Erstellt: 25.01.2010
Glauben mit Haut und Haar
Neue Serie/ Ursprünglich war das Christentum eine ungemein körperliche Religion. Doch bei den Reformierten spielte der Körper für den Glauben lange keine Rolle. Langsam verändert sich das.

Es war in einer Diskussionsrunde übers Reformiertsein. Maria K., eine in der reformierten Kirche engagierte Mittvierzigerin, sagte: «In der Kirche vermisse ich die Wärme, die Reibung.» Sie möchte körperlicher sein dürfen, so Maria K. «Ich fände es zum Beispiel schön, wenn man sich nach dem Gottesdienst umarmen könnte.»

Enge Kirchenbänke. Umarmungen in der Kirche sind nicht jedermanns Sache – und müssen es auch nicht sein; Bedürfnis nach Körperkontakt ist etwas sehr Individuelles. Dennoch ist Maria K. mit ihrem Wunsch nach einer körperlicheren Spiritualität sicher nicht die Einzige, denn die reformierte Kirche bietet wenig an Sinnlichkeit. Die feministische Theologin Elisabeth Moltmann-Wendel schreibt: «Eingeengt in die Kirchenbänke erlebt vor allem die protestantische Christenheit, dass im Gottesdienst ihr Kopf, ihr Ohr und vielleicht auch ihr Wille, aber sonst auch gar nichts angesprochen wird.» Nur übers Singen hätten die Protestanten «ein Stück Lust und Leiblichkeit» bewahrt. Warum ist der Körper bei den Reformierten weitgehend abwesend? Eigentlich wäre das Christentum eine sehr körperliche Religion: Verkündet das Neue Testament doch die Inkarnation Gottes, die Fleischwerdung des göttlichen Wortes im menschlichen Körper von Jesus Christus. Doch diese Erzählung hat keine körper- und sinnenfreundliche Religion begründet, sondern zu einer Abwertung des Körpers geführt. Prägend dafür war das antike griechisch-römische Denken, das in die christliche Theologie einfloss und Körper und Geist aufspaltete: Der Körper wurde als Gefängnis der göttlichen Seele und Sitz mit niedrigen Begierden angesehen. Kirchenvater Augustinus, der die christliche Theologie und Sexualmoral über Jahrhunderte prägen sollte, rückte die Frage der Fleischeslust ins Zentrum und lehnte das sexuelle Bedürfnis des Menschen als «Sünde» ab. Ehelicher Ver- kehr war nur zur Zeugung von Kindern er- laubt. Auch die Reformation war nicht körperfreundlich: Für den protestantischen Glauben wurde das Denken wichtig, der Körper hatte vor allem eins zu sein: nützlich und kontrollierbar für die Arbeit – ein «Dienstleib», wie Elisabeth Moltmann-Wendel ihn nennt.

Prägende Feministinnen. Im Jahr 2010 sieht es zum Glück besser aus. «Punkto Körperlichkeit hat sich in der Kirche viel verändert», bilanziert die deutsche Theologin Claudia Janssen, die zum Thema forscht. Sie erklärt: Feministische Theologinnen forderten seit den Siebzigerjahren, aus christlicher Perspektive sei der Körper als Ort zu verstehen, wo der Mensch Gott begegnen kann. Bei Jesus, argumentierten sie, hatte die sinnliche Dimension einen wichtigen Stellenwert: Berührungen gehörten selbstverständlich dazu, wenn er Menschen heilte. Die Feministinnen integrierten Tanz und Theater in Gottesdienste und schufen Rituale. Laut Janssen hat die Kirche in den vergangenen Jahren auf das Bedürfnis nach «ganzheitlicher Spiritualität» reagiert, etwa mit Segnungsfeiern und körperorientierten Angeboten in Bildungshäusern. Auch in der Schweiz ist dies so. Die Reformierten pilgern und fasten, tanzen und meditieren. Claudia Janssen stört aber eines: dass der Körper in der Kirche immer noch als «Frauenthema» betrachtet werde. Diese Meinung teilt Christoph Walser. Der Theologe arbeitete in der Fachstelle Frauen und Männer der Zürcher Landeskirche und bietet auch heute Kurse für Männer an. «Männer leiden unter der Körperfeindlichkeit der Kirche genauso wie Frauen», sagt Walser. In der reformierten Kirche würden viele Männer vergeblich nach einem «Gegengewicht zum gesellschaftlichen Leistungsdruck» suchen, nach «vitalem körperlichem Ausdruck» anstatt kopfiger Theologie. In Walsers Kursen spüren die Männer ihre Körper etwa bei der Gartenarbeit und sogar bei Ringkämpfen.

Kein Körperkult. Er kehrt zurück in die reformierte Kirche, der Körper. Allerdings betonen körperinteressierte Theologinnen und Theologen, die Kirche dürfe nicht dem heutigen «Körperkult» aufsitzen: Dieser vergöttliche den Körper und stelle ihn als ewig jung und heil dar. Demgegenüber müsse die christliche Theologie von den realen Körpererfahrungen ausgehen: Körper können krank werden und altern unweigerlich – und sie dürfen das auch. Sabine Schüpbach

Der Körper bei den Reformierten: Es gibt ihn doch!
Die Serie zeigt Beispiele und gibt Tipps zum Ausprobieren. Erste Folge in der nächsten Ausgabe von «reformiert.»: Gebärdenmeditation mit Elisa-Maria Jodl.