«Heute mangelt es an fast nichts ausser an Sinn»
Interview/ Sinn gibt Menschen Kraft, Sinnlosigkeit führt ins Burn-out: Das sagt der Philosoph und Glücksforscher Wilhelm Schmid.

Herr Schmid, ist die Frage nach dem Sinn des Lebens eine Notwendigkeit, oder ist sie bloss intellektueller Zeitvertreib?
Sie ist existenziell! Finden wir eine Antwort, können wir leben. Finden wir keine, wird es schwer.

Warum?
Wer nicht weiss, wozu er leben soll, ist in Gefahr, dieses Leben beenden zu wollen oder es nicht wirklich leben zu können.

Und was ist mit den Menschen, die glücklich leben, ohne nach dem Sinn zu suchen?
Fragt jemand nicht nach dem Sinn, hat er ihn einfach. Erst wenn jemand keinen Sinn sieht, fragt er danach. Darum ist es für mich so alarmierend, dass sich heute so viele Menschen die Sinnfrage stellen. Das ist Ausdruck einer tiefen gesellschaftlichen Krise. Denn Sinn gibt Menschen Kraft, Sinnlosigkeit raubt sie. Die Zunahme von Burn-outs ist die Folge der ungelösten Frage nach dem Sinn.

Das klingt dramatisch.
Wer keinen Sinn sieht, brennt aus. Sehe ich hingegen Sinn in meiner Arbeit, kann ich unglaublich viel bewältigen. In früheren Jahrhunderten gab es zwar Not, Elend, Armut, Hunger – aber dafür wussten die Menschen, wozu sie da sind. Der grosse Bruch kam mit der Moderne: Heute mangelt es an fast nichts, ausser an Sinn.

Wie ist diese enorme Sinnlosigkeit entstanden?
Fortschritt und Freiheit haben unsere sinngebenden Bindungen zerschlagen. Heute sind wir flexibel, ziehen stets dorthin, wo es Arbeit hat. Der Preis dafür: Dauerhafte Beziehungen sind selten geworden. Zerschlagen wurde jedoch nicht nur die soziale Bindung, sondern auch jene zu Natur und Religion.

Wenn fehlende Bindungen Sinnlosigkeit ergeben – bedeutet dann Sinn: eingebunden sein?

Genau. Sinn ist Zusammenhang. Wenn wir einen Zusammenhang sehen, erfahren wir Sinn. So stellen wir übers Fühlen und Erleben dauernd einen Zusammenhang her zwischen der Natur – Tieren, Pflanzen, der Landschaft – und uns. Eigentlich würde das schon ausreichen, unserem Leben Sinn zu geben. Heute ist aber eine andere Art von Zusammenhang wichtig geworden: die sozialen Beziehungen. Je stärker die Verbindung zwischen mir und meinen Mitmenschen, desto weniger frage ich nach Sinn. Schauen Sie ein Liebespaar an!

Bedeutet dagegen Einsamkeit Sinnlosigkeit?
Immer. Einsam fühlt man sich, wenn die Beziehungen schwinden: zum Mitmenschen, zur Umwelt – und zu uns selbst. Wir sind ja auch Sinnproduzenten: Bin ich eins mit mir, weiss ich, weshalb ich da bin, bin ich hingegen völlig zerrissen, wird alles sinnlos. Es ist deshalb sehr wichtig, sich mit sich selbst anzufreunden.

Und Sie: Wann haben Sie sich erstmals die Frage nach dem Sinn Ihres Daseins gestellt?
Während meiner Arbeit als philosophischer Spitalseelsorger in Affoltern am Albis. Da wurde ich mit dieser Frage konfrontiert. Anfänglich hab ich sie abgelehnt: uns Philosophen wurde nämlich im Studium eingebläut, dass diese Frage nur für Spiritualisten und Irrationalisten taugt. Im Spital kam ich dann zu anderen Schlüssen – und schliesslich zur Überzeugung: Die Frage nach dem Sinn ist die zentrale philosophische Frage.

Was entdeckten Sie bei Ihrer Sinnforschung?
Dass es verschiedene Ebenen von Sinn gibt. Die erste ist die körperliche, die sinnliche Ebene. Die zweite ist die seelische und die dritte die geistige. Während sich Frauen gerne auf der seelischen Ebene bewegen und Beziehungen in den Vordergrund stellen, lieben Männer das abstrakte Nachdenken über Zusammenhänge – also die geistige Ebene. Das ist die Ursache vieler Partnerschaftskonflikte …

… und spricht dafür, dass die gemeinsame Suche nach dem Sinn misslingt.
Männer brauchen ein Ziel vor Augen, Frauen entweder gar keins oder gleich mehrere auf einmal. Was den Vorteil hat, dass sie sich zwischen ihren Zielen hin und her bewegen können. Das werfen die Männer ihnen dann vor: «Du zerstreust dich, so erreichst du nichts.» Stimmt. Wenn man weit kommen will, muss man gnadenlos auf ein Ziel zumarschieren. Nachteil: Funktioniert dieses Ziel nicht, hat der Mann nichts mehr. Bleibt zu hoffen, dass ihn zu Hause eine Frau auffängt.

Die geistige Sinnsuche überfordert den Mann?
Sie spielt jedenfalls eine viel zu grosse Rolle. Schafft es der Mann nicht, Leben, Welt und Beziehungen rational zu erklären, verzweifelt er darob. Achtzig Prozent der Suizide werden von Männern begangen. Das hat Gründe. Männer sind im Denken nicht sehr beweglich. Sie machen sich ihre Logik zurecht, und wenn die nicht funktioniert, ist das schlecht für die Welt, nicht etwa für die Logik. Ich bin da keine Ausnahme. Vor wenigen Tagen setzte ich mich lesend in einen Bus. Aus den Augenwinkeln sah ich: Der fährt ne andere Strecke. Offenbar haben sie die Linienführung verändert, dacht? ich mir. Und: Aha, sogar die Endstation heisst jetzt anders. Der naheliegende Gedanke kam mir zuletzt: Ich sass schlicht im falschen Bus.

Sie sprechen von einer tiefen gesellschaftlichen Krise. Wenn schon die Gesellschaft als Ganzes krampfhaft einen Sinn sucht – wie soll denn da der Einzelne ihn finden?
Anfangen, einen Sinn zu suchen, kann eben nur der Einzelne. Das war doch die grosse christliche Revolution: Nicht der andere, nicht die Gesellschaft muss anfangen – ich muss anfangen. Hier und jetzt. Nehmen wir unser Verhältnis zur Natur. Energie sparen müssen nicht die anderen, sondern ich. Auch wenn mein Beitrag nahezu null ist. Aber nahezu null ist nicht null. Viele Nahezunullen machen hundert Prozent. Nur so passiert wirkliche Veränderung: wenn jeder und jede wieder eine sinnstiftende Beziehung zur Umwelt eingeht, wenn wir wieder eingebettet sind in die Natur.

Gibt es für Sie auch so etwas wie einen allumfassenden Sinn?
Ja, das ist zu vermuten, und der traditio-nelle Begriff dafür ist: Gott. Ich achte drauf, Gott nicht mit menschlichen Attributen auszustatten, mag die Aussage des Evangelisten Johannes (1, 18): «Kein Mensch hat Gott je gesehen». Jetzt bewegen wir uns übrigens auf der vierten Ebene des Sinns, der Ebene der Transzendenz. Die ist heute nur noch für die Hälfte der Menschen sinnstiftend, die andere Hälfte kommt ohne sie aus. Trans- zendenz betrifft das, was über unsere Endlichkeit hinausgeht. Fühlen wir uns eingebettet in die Unendlichkeit, sind wir vielleicht etwas versöhnt mit dem Tod, diesem grössten Ärgernis der endlichen Existenz. Wir können ihn dann als etwas Sinnvolles akzeptieren: als einen Moment in etwas ungeheuer Grossem, in dem wir aufgehoben bleiben.

Ausgerechnet der Tod gibt dem Leben Sinn?
Ja. Mit der modernen Überzeugung, dass der Mensch nach dem Tod ins Nichts fällt, tue ich mich schwer. Ich kann mir kein Nichts vorstellen. Aber das ist eine Frage des Glaubens, die jeder für sich entscheiden muss. Ich weiss nur eins: Ich kann mit Sinnlosigkeit nicht leben.Interview: Annegret Ruoff, Samuel Geiser


Wilhelm Schmid, 56
lebt als freier Philosoph in Berlin und lehrt Philosophie an der Universität Er- furt. Viele Jahre war er als philosophischer Seelsorger am Spital Affoltern am Albis ZH sowie als Gastdozent in Lettland und Georgien tätig. Er hat zahlreiche Bücher veröffentlicht.
Glück. Alles was Sie darüber wissen müssen, und warum es nicht das Wichtigste im Leben ist. 79 Seiten. Insel, 2009. Fr. 12.90. Mit sich selbst befreundet sein – Von der Lebenskunst im Umgang mit sich selbst. 467 Seiten. Suhrkamp, 2007. Fr. 26.50.