Die reiche Ernte eines Unbequemen
Kurt Marti/ Zum 89. Geburtstag des Berner Schriftstellers und Theologen erscheint dessen gewichtigstes Buch: die Sammlung der Kolumnen, die er für die Zeitschrift «Reformatio» verfasst hat.

Kurt Marti blättert ein bisschen ungläubig im Vorabdruck des Inhaltsverzeichnisses, das in seinem monumentalen Buch die Seiten 1413 bis 1422 bilden und 252 Überschriften umfassen wird. Auf die Frage, ob ihm der Inhalt der Texte wieder klar sei, wenn er die Titel lese, sagt er: «Überhaupt nicht.» Dann: «Über Levy-Strauss habe ich geschrieben? Den habe ich gar nie richtig gelesen.» – «Über Aids? Davon verstehe ich doch nichts.» Aber auch: «‹Frühling in der CSSR› – Ja, da war ich 1968 auf Einladung des tschechischen Schriftstellerverbands.» Und manchmal färbt sich seine Stimme mit Ironie: «Martin Heidegger als Lyriker.»
Dabei sei ihm die 1952 gegründete «Reformatio» zuerst suspekt gewesen, sagt er: geschaffen zur Verteidigung des christlichen Abendlands gegen den kommunistischen Atheismus. Tiefster Kalter Krieg also. Erst später, mit neuer Redaktion, habe es Platz gegeben für andere Stimmen. Zum Beispiel für seine. Aber auch für jene des «Rechtsintellektuellen» Christoph Blocher.

Literat und Theologe. Und er, Marti, selbst? Ist er ein «Linksintellektueller»? Marti sagt: «Links, liberal, später grün – beeinflusst vom Sozialisten Karl Barth konnte man ja kaum anderswo stehen.» Aber eigentlich habe er keinen Standpunkt: «Ich stehe nicht, ich gehe.» In einer politischen Partei sei er nie gewesen. «Meine Partei war immer die Kirche, wenn auch manchmal nur als Utopie, die sich nicht mit der Realität deckt.»
Zwischen 1964 und 2007 schrieb Marti unter dem Titel «Notizen und Details» für die «Reformatio» Kolumnen: «über Kulturelles», so oder Auftrag. Entstanden ist eine Sammlung, deren roter Faden das Bemühen um das Wort ist. Genauer: um das politische Wort, um den «Tatort Wort» (so ein Kolumnentitel), an dem sich Gutes und Böses entscheidet, lange bevor sich dieses oder jenes ereignen wird. Auch in diesem Sinn ist für Marti das Wort «am Anfang». Und in protestantischer Tradition – «sola scriptura» – gilt seine Anstrengung diesem Wort, egal, ob er über den Sprachkorpus der Bibel oder das Sprachuniversum der Welt spricht. Daneben greift aber Martis «Kulturelles» weit in gesellschaftspolitische Fragen aus: Sein Buch bietet ein faszinierendes zeitgeschichtliches Panorama von der Expo 1964 über «Lehren aus Allendes Sturz» und den «Moloch Müll» bis zu «Blocheriana» und «Privatisierungen».
Nicht zuletzt lehrt das Buch, wie falsch es ist, Kurt Marti wahlweise als weltlichen Belletristen oder als theologischen Fachautor zu lesen. Die Weltsicht des Literaten Marti ist immer theologisch zurückgebunden – und seine Theologie stets von Diesseitigkeit gesättigt.


Protestant und Aufklärer. «Für einen aufgeklärten, aufklärenden Protestantismus» heisst der allerletzte Text. Protestantismus sei, steht da, eine «intellektuelle Anstrengung», gerade was das Bemühen um «ein historisch-kritisches Bibelverständnis» betreffe. Glaube als «trivialpsychologisch dargestelltes Event» sei «Schleckwerk statt Brot». Aufgeklärt zu sein, hat für Marti immer die Verantwortung beinhaltet, aufzuklären, Stellung zu beziehen. – Und plötzlich wird der 89-Jährige für den «reformiert.»-Mitarbeiter unangenehm direkt: Er begreife zum Beispiel nicht, warum die Zeitung für die Kirchgemeinden immer mehr auf «kirchlichen Boulevard» setze. Protestantismus habe doch mit einem bestimmten geistigen Profil zu tun, nicht damit, was bei einer Umfrage irgendjemand aus dem Stand darunter verstehe. Das mache ihm Sorgen: dass «reformiert.» beliebig werde.
Marti als aufklärender Protestant, als protestierender Aufklärer. Sein gewaltiges Kolumnenwerk belegt, wie früh vieles sagbar ist, das vielen erst später klar wird. Wer le-sen kann und mag, wird betroffen und bereichert sein. Fredi Lerch

Kurt Marti: Notizen und Details. Hg. von Hektor Leibundgut, Klaus Bäumlin und Bernhard Schlup. TVZ, 1422 Seiten, Fr. 78.– Vernissage: 14. Februar, 17.00, Kornhaus Bern

«Reformatio» ist verstummt
Die «Reformatio», für die Kurt Marti während Jahrzehnten Kolumnen schrieb, hat Ende 2009 ihr Erscheinen wegen rückläufiger Abonnenten- zahlen eingestellt. «Das gebildete protestantische Publikum, das eine Zeitschrift wie ‹Refor- matio› abonniert und liest, löst sich auf», stellt Redaktionsmitglied Urs Meier fest. Ebenfalls eingestellt wurde Ende 2009 die reformorientierte Jesuitenzeitschrift «Orientierung».

Reformatioarchiv: Unter www.reformatio.ch können erschienene Artikel bestellt werden