| Erstellt: 25.11.2009 | |
Tritt er nachts um zwei Uhr am Kantonsspital Aarau über die Schwelle eines Krankenzimmers, hat Peter Leikauf jedes Mal ein mulmiges Gefühl. «Ich mache einen Schritt ins Ungewisse, streife ab, was mich beschäftigt, werde leer.» Dann schliesst er die Tür, erspürt mit allen Sinnen die Atmosphäre im Zimmer, setzt sich zum Patienten ans Bett und bleibt da – bis morgens um sechs Uhr.
Wachen. Peter Leikauf ist einer von 43 Freiwilligen der Gruppe EfA (Ersatz für Angehörige), die zur Entlastung der Angehörigen und des Pflegepersonals am Kantonsspital Aarau Sitzwachen bei Schwerkranken oder Sterbenden machen. Sie werden zirka zweimal im Monat, in Nachtschichten von je vier Stunden, eingesetzt.
Meditieren. «In diesen Stunden bin ich ganz für den Patienten da», beschreibt Peter Leikauf seine Tätigkeit. Er mache jeweils eine Art Langzeitmeditation, lausche dem Atem des Patienten, sei Empfänger für Gefühle und Bedürfnisse. Oft schlafen die Patienten. Dann gibt es wenig zu tun. Ist jemand wach, holt Leikauf ein Glas Wasser oder bettet die Kissen neu. Das Bedürfnis nach einem Gespräch sei selten, erzählt er. Und wenn, dann gehe es um wesentliche Dinge. «Jegliches Blabla führt sich in dieser Situation ad absurdum.» Man könne schwer kranke Menschen nicht trösten, wisse: «Es wird nie wieder gut.» Deshalb geht es für den fünfzigjährigen Umiker vor allem darum, der Angst zu begegnen, sowohl der des Patienten als auch der eigenen. Und das sei für ihn oft schwierig. «Als Mann bin ich darauf aus, Probleme zu lösen», gibt Leikauf zu. «Und genau das geht hier nicht.»
Miterleben. Auch wenn es anstrengend ist, mit den eigenen Grenzen und Schwierigkeiten konfrontiert zu werden, arbeitet Peter Leikauf gerne freiwillig für EfA. Eine finanzielle Entschädigung entgegenzunehmen, wäre ihm peinlich. «Diese Einsätze haben nichts mit Wohltätigkeit zu tun. Ich mache das klar für mich.» Er sei «nahe am Kern» und dürfe miterleben, wie am Ende des Lebens die Angst schwindet und alles ganz einfach wird. Konkreter benennen mag er das grosse Mysterium nicht: «Da passiert irgendetwas, von dem wir alle nichts wissen.»
Loslassen. Der Moment, in dem bei einem Menschen die Fassade fällt, beeindruckt Peter Leikauf stets von Neuem. «Man sieht den Menschen ungefiltert.» Oft finde das Loslassen sehr spät statt, gerade bei Männern. In Erinnerung bleibt ihm ein Patient, der noch auf dem Krankenbett Sitzungen leitete. «Ich spürte, was für ein unglaublicher Druck auf diesem Menschen lastete.»
Heimfahren. Morgens um sechs, wenn Peter Leikauf heimfährt, fühlt er sich gemittet. «Ich habe jeweils das Gefühl, nahe bei mir zu sein.» Und die Angst, spürt er sie noch? «Vor dem Sterben fürchte ich mich immer weniger. Im Gegenzug wird meine Angst, das Leben zu verpassen, immer grösser.» Annegret Ruoff
Tag der Freiwilligen
Am 5. Dezember ist UNO-Tag der Freiwilligen. Schweizweit leisten zirka 300 000 Menschen Freiwilligenarbeit für die Kirche. Die Freiwilligengruppe EfA (Ersatz für An- gehörige) am Kantonsspital Aarau begleitet schwer kranke und sterbende Patienten während der Nacht. Die Mitglieder werden mittels Kursen und Supervision geschult. Um die grosse Nachfrage bewältigen zu können, sucht die EfA neue Mitglieder.
Infos: Tel. 062 838 40 61, www.ksa.ch
www.freiwillig-kirchen.ch











