| Erstellt: 09.09.2009 | |
Herr Steindl-Rast, Wann hatten Sie Ihre letzte Krise?
(lacht) Was verstehen Sie unter einer Krise?
Schwierige Frage. Was verstehen denn Sie darunter?
Meist versteht man unter einer Krise eine gefährliche Situation. «crisis» im Latein ist verwandt mit dem Wort «cribrum», Sieb. In einer Krise wird ausgesiebt und das Lebensfähige vom nicht Lebensfähigen getrennt.
Die Krise als Chance? Aber kein Mensch wünscht sich doch eine Krise!
Das stimmt. Doch was immer einem das Leben bringt: Man sollte es annehmen. Es ist eine Gegebenheit. Gegeben bedeutet, es ist ein Geschenk. Dafür sollte man dankbar sein.
Für etwas, das einen niederschmettert, dankbar sein? Wie soll das gehen?
Natürlich kann man für einen Todesfall oder eine Krankheit nicht dankbar sein. Aber dafür, dass einem die Situation die Gelegenheit gibt, etwas zu lernen.
Hilft einem ein spirituelles Leben dabei? Bewahrt es sogar vor Krisen?
Nein, das ist ein völliges Missverständnis! Spiritualität ist nicht reine Vergeistigung. Wir glauben, dass Gott Mensch geworden ist. Und Krisen gehören zum Menschsein dazu. Das Lebendige zeichnet sich dadurch aus, dass es Krisen überwindet.
Krisen konkret: Die Menschheit wird von Religionskriegen geschüttelt ...
Die Krise zeigt: So geht es nicht weiter mit dieser Intoleranz der Weltreligionen untereinander. Was nottut, ist Toleranz. Und Spiritualität zeigt uns den Weg. Sie verbindet die Menschen. Alle wirklich spirituellen Gestalten der Geschichte haben einander verstanden. Es sind nicht die Mystiker, die Heiligen, die einander bekämpfen, sondern es sind dogmatische Gläubige.
Toleranz setzt Vertrauen voraus.
Ja, Vertrauen ist überlebenswichtig. Das zeigt uns der Atem. Wir können nicht vor jedem Atemzug überlegen, ob wir atmen wollen oder nicht und ob das gute Luft ist, die wir einatmen. Wir müssen darauf vertrauen, dass der Atem uns trägt.
Wäre das ein Rezept in der Krise: einmal tief durchatmen?
(lacht) Das ist eine gute Praxis! Welche Tricks auch immer man anwendet, wichtig ist es, die Situation als gegeben anzunehmen. Wir sollen keine Energie darauf verschwenden, zu wünschen, dass es anders wäre. Interview: Daniela Schwegler
Krise und Spiritualität
«Krise und Spiritualität – Krise ohne Spiritualität?»: Podiumsdiskussion in der Zürcher Kirche St. Peter am Montag, 14. September, 19.30 Uhr. Mit David Steindl-Rast, Psycho-analytikerin Ute Höllriegel und Fraumünsterpfarrer Niklaus Peter. Freier Eintritt, mit Kollekte. Mehr Informationen: Tel. 044 311 61 01.






