Erstellt: 09.06.2009 17:12:47
«Gute Worte können enorm viel bewirken
Hongkong/ Fremdsein in der Heimat und in der Fremde: Tobias Brandner macht in Hongkong als Gefängnisselsorger der «mission 21» ganz neue spirituelle Erfahrungen.

Herr Brandner, dreizehn Jahre leben Sie schon in der zubetonierten Mega-City Hongkong. Wie halten Sie das aus?
Sie werden staunen: Seit ich an der theologischen Fakultät der Universität Hongkong tätig bin und ein Appartement für die Lehrenden bezogen habe, wohne ich mit meiner Familie im Grünen.

Im buddhistischen Südostasien gibt es eine theologische Fakultät?
Das ist wahrscheinlich die einzige, die an eine staatliche Universität angegliedert ist. Genau diese ungewöhnlichen Dinge machen Hongkong so reizvoll. Hier hat es Platz für hot Jesus und cool Buddha.

Wer ist cool Buddha und wer hot Jesus?
Das ist ein sehr schönes Gegensatzpaar, das der japanische Christen-Missionar Kosuke Koyama während seiner Arbeit im Norden Thailands mit diesen Worten beschrieben hat. Cool Buddha steht für den Buddhismus, der durch geistiges und körperliches Training lehrt, auch im Schmerz Gleichmut zu bewahren. Das hat dann aber nichts mit Transzendenz zu tun.

Und wer verbirgt sich hinter hot Jesus?
Da glüht das Feuer, da spielen die Emotionen mit. Wer hier von Jesus entflammt ist, der bekennt sich dazu, der engagiert sich, wo immer er Leiden antrifft.

Und das Feuer von hot Jesus ist auch auf Sie übergesprungen?
Für mich ist es heute ganz selbstverständlich geworden, mich in einer nicht christlichen Kultur öffentlich zu Jesus zu bekennen. Ich spreche hier ohne lange Umschweife über den Glauben. Bei uns in der Schweiz spricht man ja oft leichtfüssiger über Sexualität als über den Glauben.

Und dieses starke Bekennen des Glaubens ist kein Problem für Ihre Familie?
Nein. Für uns und unsere drei Kinder ist dies ein gemeinsamer Prozess. Ein gutes Beispiel dafür sind die Tischgebete oder Dankeslieder vor der Mahlzeit. Die sind für uns ganz selbstverständlich geworden. In den Pfarrhäusern der Schweiz, die ich kenne, sind hingegen Gebete am Tisch selten geworden.

Gebetserhörungen und wundersame Heilungen ebnen vielen Menschen in Hongkong oder China den Weg zum Glauben. Ist das für Sie nicht befremdlich?
Früher habe ich bei Heilungen vor allem psychische Zusammenhänge geltend gemacht und diese höher veranschlagt als die spirituelle Dimension. Heute mache ich diese Trennung nicht mehr.

Sind es Ihre Erfahrungen als Gefängnisseelsorger, die Ihnen eine neue Sicht auf Wunder erschlossen haben? Sie haben ja öfter die Wandlung von völlig verschlossenen und aggressiven Gefangenen zu einfühlsamen Menschen erlebt.
Das ist eine ganz elementare Erfahrung. Im Gefängnis erlebe ich oft, wie Menschen über den Glauben eine neue Leichtigkeit des Seins entdecken. Menschen, die lange nur deprimiert waren oder mit grossem, innerem Zorn ihre Haftstrafen absassen ... Und nach ihrer Bekehrung entwickeln sie plötzlich eine Fröhlichkeit, die im scheinbar krassen Widerspruch zu ihrer Gefängnisrealität steht.

Beeindruckt hat mich eine Geschichte in Ihrem Buch*: Sie schildern den aggressiven Autisten Chuen, der in seiner kriminellen Laufbahn durch Gewaltexzesse auffiel und im Gefängnis einen Mitgefangenen rollstuhlreif schlug. Hatten Sie beim Gang in die Zelle keine Angst?
Im Fall von Chuen haben mich tatsächlich sechs Sicherheitsbeamte begleitet. Aber ich spüre keine Angst. Ich weiss einfach, dass die Leute mir wohlgesinnt sind, weil ich ihnen wohlgesinnt bin.

Zu Chuen sagten Sie eigentlich nur, dass Gott als liebender Vater und sorgende Mutter ihn nicht aufgegeben hat.
Worte können bei Menschen wie diesen hier im Gefängnis ungeheuer viel bewirken. Die Macht des Wortes habe ich in Hongkong wiederentdeckt. Worte wie Gnade, Versöhnung und Vergebung sind hier keine Floskeln, sondern elektrisierende Vokabeln.

Das Wort hat in der chinesischen Umgebung offenbar einen anderen Klang. In Ihrem Buch schreiben Sie, dass das Chinesischlernen für Sie vergleichbar ist mit dem Spracherwerb eines Kleinkindes, das sich die Welt über Sprache erst aneignen muss.
Diese Phase ist vorbei. Ich bin wohl kein Kleinkind mehr, aber auch nicht ein voller Erwachsener. Ich bin immer noch ein radebrechender Fremdling. In den dreizehn Jahren, in denen ich hier bin, ist das Zwischen-den-Welten-Sein für mich zu einer Selbstverständlichkeit geworden.

Die Arbeit mit Menschen, die am Rand der Gesellschaft leben, verstärkt vermutlich den Effekt des Dazwischenstehens?
Für mein Lebensgefühl und meine spirituelle Erfahrung spielt dieses «Dazwischen» tatsächlich eine grosse Rolle: Einerseits bin ich selber hier fremd, andererseits arbeite ich mit Menschen, die im Gefängnis ebenfalls nicht in ihrem Zuhause sein können.

Interview: Delf Bucher


*Tobias Brandner: Gottesbegnungen im Gefängnis. Eine Praktische Theologie der Gefangenenseelsorge, Verlag Otto Lembeck, Frankfurt, 2009, 276 S., Fr. 35.90.


Tobias Brandner
Tobias Brandner hat in Zürich Theologie studiert und promoviert. Seit elf Jahren arbeitet er für Mission 21 – zunächst als Gefangenenseelsorger in den Gefängnissen Hongkongs, seit einem Jahr schwerpunktmässig als Dozent an einem Theologischen Seminar in Hongkong.

Vortrag in Erlenbach: 25. Juni, 20 Uhr, Kirchgemeindehaus, Schulhausstrasse 40. Tobias Brandner über den Alltag in China.