Wieso verlieben sich die Menschen, Herr Willi?
Willi: Man hofft, dass die Liebe einem das Tor in ein neues Leben öffnet. Der Partner lockt Seiten in einem hervor, die man bisher nicht leben konnte.
Wie äussert sich die Liebe?
Sie hat drei Aspekte: die praktische Alltagsliebe, die erotisch-sexuelle Liebe und die Sehnsucht nach der absoluten Liebe. Letztere, die reine Form der Liebe, ist das, was man bei den Mystikern auch findet. Der Wunsch nach dem Verschmelzen mit Gott ist eine Parallele zur Liebessehnsucht zwischen zwei Menschen.
Aber diese reine absolute Form der Liebe allein ist nicht lebbar?
Nein. Wichtig ist, dass die drei Aspekte in einem Gleichgewicht sind. In meine Praxis kommen oft Patientinnen – in erster Linie Frauen –, welche die Sehnsucht nach der absoluten Liebe leben. Diese idealisierte Liebe wird zu ihrem ganzen Lebensinhalt. Sie lieben oft einen Mann, der nicht liebesfähig ist. Sie wollen ihn die Liebe lehren und fühlen sich total verbunden mit ihm, obwohl er das vielleicht gar nicht will.
Diese enorme Liebessehnsucht: Woher rührt sie? Ist es das Vertriebensein aus dem Paradies und der Wunsch, zurückzukehren in das Einssein mit Gott?
Gut möglich. Wichtig ist jedoch, dass man im Sehnen nach der Verschmelzung ganz verankert bleibt in der Welt. Wenn man nur noch nach Gott strebt, besteht die Gefahr, dass man sich selber verliert und von der Welt abwendet. Man versteigt sich in die Sehnsucht. Die offizielle Kirche ist deshalb zur Mystik sehr ambivalent eingestellt.
Wobei die Mystiker selbst ihre Gottessuche wohl nicht als Weltflucht verstanden. Aber ihre Schriften können so fehlinterpretiert werden?
Ja, die Gefahr der Weltflucht ist gross. Deshalb betont das Christentum so stark die dialogische Form der Gottesbeziehung. Mensch und Gott stehen sich als Person gegenüber und setzen sich miteinander in Beziehung.
Der Mensch muss erst ganz sich selber werden, ganz in der Welt verankert sein, um in der Liebe aufgehen zu können?
Das ist ganz wichtig, was Sie sagen. Man sagt, zur Partnerliebe sei man erst fähig, wenn man ganz bei sich selber sei. Ich wehre mich aber entschieden dagegen, weil ich sage, die Liebesbeziehung ist an sich ein Prozess, in dem man mehr zu sich kommt. Eine Beziehung ist eine Herausforderung, die einen reifen lässt, weil immer auch eine Auseinandersetzung notwendig ist, die somit mitunter immer auch ein Kampf ist.
Die Liebe als ein Reifungsprozess?
Ja, ich betrachte die Liebesbeziehung als wichtigsten Weg, um im Erwachsenenalter mehr zu sich selber zu kommen. Dasselbe gilt im religiösen Sinne. Man muss nicht erst leer werden, um eine Gottesbeziehung zu schaffen. Sondern es kann genauso umgekehrt sein. Dass man durch die Gottesbeziehung mehr loslassen kann, mehr leer werden kann, sich mehr für Gott öffnen kann.
Viele Mystiker behaupten trotzdem, der Mensch müsse erst ganz leer werden, um «Gottes voll» werden zu können.
Das ist ein Teil der mystischen Liebe. Gefährlich wird es, wenn man sich zu sehr zurückzieht aus der Welt und sich nur noch auf diese Gottesbeziehung konzentriert. Das haben die grossen Mystiker in der Regel gerade nicht getan. Zum Beispiel Meister Eckhart, Johannes vom Kreuz oder Bernhard von Clairvaux. Sie sagten entschieden, Mystik müsse in der Welt tätig sein.
Aber auch die Reformatoren betonten das Leerwerden. Zwingli sagte, wir müssten ganz leer werden von uns selber und so «in Gott verwandelt». Calvin meint: «Gott will, dass wir aller Güter leer seien, damit er uns mit seiner Gottheit fülle.»
Es ist komplex. Es ist immer das eine, aber es ist auch das andere. Leer werden, um Gottes voll zu sein. Dabei aber tätig bleiben in der Welt.
Kommen wir zurück zur Liebe unter Menschen: Wie wird man reif für diese Liebe?
Die Liebesbeziehung durchläuft drei Stufen: Verliebtheit, Enttäuschung, Verwirklichung. Im Verliebtsein hat man eine Vision, ist voller Freude, dass sich nun etwas ergibt, das man lange immer nur ersehnt hat. Dann kommt die Enttäuschung oder Bewährung. Man wird auf die eigenen Füsse zurückgestellt. In dieser wichtigen Phase geht es darum, loslassen zu können und den anderen so zu akzeptieren, wie er ist.
Aufs Göttliche übertragen hiesse das, dass man die Welt so akzeptiert, wie sie ist: in ihrer ganzen Gegensätzlichkeit?
Ja. Es ist ein Reifungsprozess, wo man sich gegenübersteht: von Mensch zu Mensch, von Mensch zu Gott. Man lernt, den anderen als anderen wahrzunehmen. Im Dialog und im kritischen Widerstand, der einem entgegengesetzt wird. Darin steckt oft eine wichtige Botschaft, die einen weiterführt. Bei Mystikern ist dies die «dunkle Nacht», wie Johannes vom Kreuz es nennt. Man spürt Gott nicht mehr, fühlt sich verlassen, nicht beantwortet, hat das Gefühl, das sei ja nur Leere. Diese Phase durchzugehen heisst, abzulassen vom Definieren, wie Gott zu sein hat. Etwa bei einer Naturkatastrophe wie einem Tsunami: Gott müsste doch verhindern, dass es zu so einer Katastrophe kommt. Nein! Dafür ist Gott nicht da! Das ist ein Punkt, worum die Mystiker sehr gerungen haben: Gott so zu nehmen, wie er ist.
Was kommt dann nach dieser harten Ernüchterung?
Die dritte Stufe ist die Verwirklichung oder die Wirkstufe. Wirken heisst: Man lässt sich in die Welt ein. Und sich einlassen heisst, reif zu werden. Zum Beispiel, indem ich lerne, den anderen als anderen zu akzeptieren, und mich selber in meinen Schwächen und den Dingen, die misslingen.
Wirken heisst aber auch ganz konkret, zu arbeiten?
Natürlich. Die Arbeit ist unglaublich wichtig. Sie gibt einen Sinn im Leben. Wenn man sie vernachlässigt und nur noch aufgehen möchte im Gebet und in der Gottesbeziehung, ist die Gefahr gross, dass man sich zu fest aus der Welt zurücknimmt. In der Liebesbeziehung ist das genau gleich. Dort kann es auch so sein, dass man nur noch für diese Beziehung mit der angebeteten oder verherrlichten Person lebt. Und dabei vergisst, dass es noch eine andere Welt gibt.
Wird dieser Wunsch nach einer absolute Liebe überhaupt je erfüllt?
Er wird partiell erfüllt in Momenten des Glücks. Aber nicht als Dauerzustand.
Erfahren wir das vollkommene Einswerden erst nach dem Tod?
Ja, das glaube ich. Als Dauerzustand passt diese Liebesekstase nicht in unser irdisches Leben.
Aber als Glücksmomente ist sie im Alltag erfahrbar. Wie erleben Sie persönlich diese Winke Gottes?
Die Beziehung zu Gott ist etwas Komplexes und schwierig in Worte zu fassen. Ich erfahre sie als zärtliche Lenkung meines Lebens im Hintergrund.
Interview: Daniela Schwegler
Literatur: Die Liebe und ihre Formen
Paartherapeut Jürg Willi hat sich aus verschiedenen Blickwinkeln mit der tiefsten menschlichen Sehnsucht – der Liebe – auseinandergesetzt. Sein 1975 erschienenes Buch «Die Zweierbeziehung» ist auch heute noch ein Grundlagenwerk. In «Was hält Paare zusammen?» beschreibt er, wie sich zwei Menschen in einer Lebensgemeinschaft eine innere und eine äussere Welt erschaffen können, die das Paar zusammenhält. In «Psychologie der Liebe» zeigt er, wie heutige Menschen von der Liebe vor allem erwarten, im innersten Kern ihrer Person erkannt zu werden. Dass Partnerschaft immer auch Auseinandersetzung bedeutet, an der man gegenseitig wächst, beschreibt Willi in «Kunst des gemeinsamen Wachsens». Auch den spirituellen und mystischen Formen der Liebe hat sich Jürg Willi zugewandt. Im Beitrag «Sehnsucht nach der absoluten Liebe» leuchtet er aus, wie der Wunsch nach dem Aufgehobensein in Gott oft stellvertretend in der Partnerliebe gesucht wird. DS
«Die Sehnsucht nach der absoluten Liebe in der Partnerschaft und in der christlichen Mystik»: Dazu referiert Jürg Willi am 27. Juni in Bad Schönbrunn: www.lassalle-haus.org oder 041 757 14 14.