«Steht auf, meine Freundin, meine Schöne, und komm!»
Theologische Hintergründe zum Hohelied in der Bibel

Wer die Bibel aufschlägt, stösst in der Mitte auf etwas, was man in einer Heiligen Schrift nicht unbedingt erwarten würde: Liebeslieder. Blumige, feurige, sinnliche Liebeslieder, wie sie wohl an orientalischen Hochzeitsfesten vorgetragen wurden. Da besingen Freund und Freundin, Braut und Bräutigam ihre Sehnsucht nacheinander, ihre Bewunderung füreinander und ihre Freude aneinander. Die Sammlung trägt den Titel «Das Lied der Lieder Salomos» oder bei uns im deutschen Sprachraum «Das Hohelied».

Hineingeschlüpft. Wenn man bedenkt, wie zurückhaltend die Kirche den erotisch-sinnlichen Freuden stets gegenüberstand, fragt man sich, wie das Hohelied überhaupt in die Bibel gelangen konnte. Und wenn man erfährt, dass im jüdischen Gottesdienst zum Passahfest das «Lied der Lieder» jedes Jahr in voller Länge vorgelesen wird, wundert man sich noch mehr. Tatsächlich verdankt das Hohelied seine Aufnahme in das Alte Testament dem Umstand, dass der weise König Salomo als sein Verfasser galt. Es rutschte zusammen mit den «Sprüchen Salomos» und dem «Prediger Salomos» als dritte salomonische Schrift mit hinein, obwohl es – wie seine Kritiker damals sehr wohl bemerkten – gar nichts über Gott aussagt.

Uminterpretiert. Im Judentum wie im Christentum setzte sich aber schon bald die Auffassung durch, dass im Hohenlied gar nicht die weltliche Liebe zwischen Mann und Frau, sondern – bildhaft – die Liebe Gottes zu seinem Volk beziehungsweise die Liebe Christi zu seiner Kirche zur Sprache komme. Gott als Liebhaber seines Volkes: Dieses Bild kannten die Juden schon von den Propheten. Und vom Neuen Testament her war den Christen die Vorstellung von der Kirche als Braut Christi vertraut. So konnte man also im Judentum wie im Christentum das Hohelied als tiefsinnigen geistlichen Text akzeptieren und liturgisch in Gebrauch nehmen.

Befruchtend. Damit wurde den Gläubigen für ihre Gottesbeziehung eine neue Sprache geschenkt, die viel Intimität und Emotionalität zuliess. Bei den katholischen Mystikerinnen und Mystikern des Mittelalters standen die Sprachbilder des Hohenliedes ganz hoch im Kurs. Sie begegnen uns aber auch beim erzprotestantischen Johann Sebastian Bach. In einer seiner Kantaten singt Christus in einer wunderschönen Arie: «Ich geh und suche mit Verlangen dich, meine Taube, schönste Braut!» Und die gläubige Seele antwortet mit einer ebenso wunderbaren Arie ganz ungeniert: Ich bin herrlich, ich bin schön, meinen Heiland zu entzünden.» Ahnen wir da, wie spannend unsere Gottesbeziehung sein könnte?

Hemmend. Die geistliche Interpretation des Hoheliedes hatte allerdings auch eine Kehrseite. Man durfte diese Texte nun nicht mehr auf der natürlichen Ebene – also als Liebeslieder zwischen Mann und Frau – verstehen. Jüdische Autoritäten erliessen im 3. Jahrhundert ein Verbot, Lieder aus dem Hohelied an Hochzeitsfesten anzustimmen. Auch der Reformator Calvin konnte es im 16. Jahrhundert in Genf nicht dulden, dass einer seiner Mitarbeiter, Sebastian Castellio, sich herausnahm, das Hohelied als das zu bezeichnen, was es ursprünglich war: eben eine schlichte Sammlung von menschlichen Liebesliedern. Castellio durfte in Genf nicht Pfarrer werden und musste die Stadt verlassen. Dass auch menschliche Liebe heilig sein kann und darum in der Bibel durchaus ihren Platz hat, dürfen wir inzwischen ungeniert sagen, Gott sei Dank.

Weiterführend. Wahr ist aber auch, dass uns unsere Liebesfähigkeit und Liebesbedürftigkeit über die menschliche Dimension hinausführt und auf Gott weist. Kein Mensch kann dem andern alles geben, was er braucht. Wir enttäuschen einander, verlieren einander, sterben einander weg. Wenn wir lieben oder einmal geliebt haben oder uns nach Liebe sehnen, spüren wir: Da muss doch irgendwo der tragende Grund von allem sein. Gott ist der tragende Grund. Wir finden ihn als den unvergänglichen Liebhaber, der unsere Seele lockt: Steh auf, meine Freundin, meine Schöne, und komm!»
Margrit Balscheit, Theologin