Erstellt: 27.05.2009 13:23:12
«Wir sind Kirche im Exil»
Interview/ «Die Kirche wird kleiner – aber zugleich auch glaubwürdiger», sagt der Theologe und Buchautor Fulbert Steffensky.

Der Kirche laufen die Mitglieder davon: Haben Sie noch nie an einen Kirchenaustritt gedacht, Herr Steffensky?
Nein. Sicher gibt es Gründe genug, sich über die Kirche und deren Entscheidungsträger zu ärgern. Aber sie ist ja kein einheitlicher Block. Da gibt es auch Gruppen, die sich für Flüchtlinge einsetzen oder für die Umwelt. Es gibt Frauenkreise und politische Kreise. Und die machen sie lebendig. Wo sollte ich denn hin nach einem Austritt?

Zum Beispiel in eine gesellschaftskritische Basisgruppe: Die findet man auch ausserhalb der Kirche.
Gewiss. Es gibt viele Menschen, die viel kritischer sind als Christinnen und Christen. Aber nehmen Sie die Friedensbewegung: Anfang der Achtzigerjahre war Auf- und Abrüstung das Thema in Gewerkschaften, Schulen, Parteien. Und heute, wo das nicht mehr populär ist? Wer hält das Engagement für den Frieden am Leben? Die alte Tante Kirche!

Solches Engagement in Ehren, aber heute sagen viele: Religion ja, Kirche nein! Ich finde meinen Glauben in der Natur oder im Zusammensein mit Familie und Freunden.
Ich glaube, die rein individualistische Sinnsuche ist zum Scheitern verurteilt. Langfristig gesehen, gibt es keinen Geist ohne Institution. Die Kirche ist eine kollektive Erinnerungswerkstatt: Sie hat einen Schatz an Geschichten, die an das Recht der Schwachen und Armen, der Witwen und Waisen erinnern – auch an den Sturz der Tyrannen. Nur wenn diese Geschichten in einer Gruppe zirkulieren, werden sie über Generationen wachgehalten.

Braucht es für den Kampf um Gerechtigkeit die Kirche? Es gibt die Menschenrechte!
Ich behaupte: Die Menschenrechte setzen sich nicht allein mithilfe von Argumenten durch. Natürlich sind diese unerlässlich, aber allein zu dürr. Es braucht dazu auch Geschichten, Lieder, innere Bilder. Es braucht den Dialog mit den Toten. Das kann die Kirche bieten, das ist ihre Stärke.

Nimmt diese Stärke noch jemand wahr?
Interessanterweise immer mehr Menschen aus dem kulturellen Bereich. Ein Beispiel: Das Stadttheater Bremen studiert derzeit ein sehr kritisches Stück zu den zehn Geboten ein. Der Regisseur will es unbedingt in einer Kirche aufführen. Ich frage ihn, warum. Er meint: «Unser Stück ist sehr hoffnungsarm. Es braucht einen Raum, der dieser Hoffnungslosigkeit widerspricht.»

Dennoch: Sonntags sind viele Kirchen fast leer. Bereitet Ihnen das nicht Sorgen?

Das ist eine der Realitäten. Wir müssen uns damit abfinden, dass wir Kirche im Exil sind.

Was heisst das?
Dass die Gesellschaft uns nicht mehr anerkennt wie früher, dass die theologischen Fakultäten nicht mehr selbstverständlich sind. Oder dass in der europäischen Verfassung der Name Gottes wohl nicht genannt werden wird. Die Kirche wird kleiner – aber zugleich auch gereinigt und damit glaubwürdiger. Das wird die Neugier wacher Menschen wieder wecken.

Und dieser Niedergang der Grosskirchen stört Sie nicht?

Was hat die Zeit der einflussreichen Kirche mit dem Namen Gottes zu tun gehabt? Nichts. Was hat der Petersdom, diese stählerne Unverschämtheit, mit dem armen Mann von Nazareth zu tun? Oder der evangelische Dom in Berlin, dieses Machtding? Nichts. Die Grosskirche – das war die Macht der Bischöfe, der Kirchenleitungen und der Theologen. Verliert die Kirche an Einfluss, hat sie die Chance, aufmerksam zu werden für das Evangelium. Dieses gilt ja zuerst den Randständigen und Unterdrückten.

Was nützt diese Chance, wenn die Jugend ihr den Rücken kehrt? Jüngst erklärte der neue Mister Schweiz auf die Frage, ob er an Gott glaube: «Ich bin reformiert, habe aber gemerkt, dass das nichts für mich ist. Mein Glaube geht eher Richtung Buddhismus.»
Das muss man mit Geduld und Heiterkeit ertragen. Wenn jemand im Buddhismus ein Zuhause findet, dann ist das gut so. Ich verachte nur das unverbindliche Flanieren durch den religiösen Supermarkt, das heute angesagt ist.

Trotzdem: Was macht die Kirche falsch, dass sie insbesondere für viele Junge und Junggebliebene unattraktiv ist?
Es gibt ja enorme Versuche, Gottesdienste so zu gestalten, dass sich Jugendliche darin zu Hause fühlen – samt ihrer Musik. Man vermutet: Je interessanter wirs machen, umso mehr kommen sie. Stimmt nicht! Vielerorts sind die Taizé-Gottesdienste die bestbesuchten Jugendgottesdienste. Und das sind nun wirklich keine Hi-Fi-Veranstaltungen.

Heisst das: Die Kirche tut gut daran, ihre Traditionen nicht zu verstecken?
Sie soll ihre Schätze stolz, und das meint nicht arrogant, offenlegen. Neulich sagte meine Enkeltochter, ein kritisches dreizehnjähriges Wesen, sie sei die «Teddybär-Spielchen» im Konfirmationsunterricht allmählich leid: Sie möchte endlich mal was von der Bibel hören. Es gibt einen anbiedernden Selbstausverkauf der Kirchen. Und mit Verlaub: Vielleicht sind Reformierte gefährdeter für Billig-Jakob-Manieren als Katholiken.

Wie meinen Sie das?
Am vorletzten Karfreitag habe ich einen reformierten Gottesdienst besucht. Der Pfarrer predigte über Maria und den Jünger Johannes unter dem Kreuz. Davon ausgehend, sprach er über heutige Generationenkonflikte – eine gute Predigt, aber sie verschwieg das Zentrum: dass Christen an einen Gott glauben, der sich auf unsern Strassen rumtreibt, menschliches Leiden durchsteht und aus Solidarität unsern Tod stirbt. Zensuriert man das, banalisiert man das Christentum.

Die Kirche hat jahrhundertelang auf absolute Wahrheiten gepocht und jegliche Diskussion darüber verweigert: Hat sie darum Mühe, den Ton im Gespräch mit mündigen Menschen von heute zu finden?
Es gibt tatsächlich eine historische Schuld der Kirche, welche die Leute uns bis heute nicht verzeihen: den Ausschluss jener, die nicht glauben wollten, wie sie gemäss Kirchendoktrin glauben sollten. Da wurde religiöses Wissen lange Zeit als Machtwissen missbraucht. Diese unpoetische Auffassung von Religion hat vieles zerstört. Übrigens: Die Menschen verzeihen uns auch nicht die dämliche evangelisch-katholische Konkurrenz. Und dies zu Recht!

Sie meinen, auch die blockierte Ökumene mache die Kirchen unglaubwürdig?
Sie kann einen zumindest am guten Willen gewisser Kirchenoberhäupter zweifeln lassen. Machen Sie mal jungen Menschen klar, warum sie nicht miteinander das Brot nehmen sollen, wenn rundherum die Welt brennt! Auch ich hab es satt, römisch-katholischen Bischöfen zuzuhören, wie sie ihre Phantomschmerzen über die Trennung von Protestanten und Katholiken vor dem Kirchenvolk ausbreiten. Soll man doch gemeinsam zum Abendmahl gehen, dann braucht man nicht mehr zu leiden!

Gefragt sind die Kirchen bei Katastrophen: Nach dem 11. September oder nach dem Tsunami etwa waren sie voll. Braucht man sie bloss noch als Klagemauer?

Das sind einfach Beweise dafür, dass die Kirche noch eine Sprache des Trostes und der Hoffnung hat. Doch was ist, wenn niemand mehr die Sprache hütet und sie zur Verfügung stellt für die Zeit der Not, der grossen Wünsche, der Anfänge, der Höhepunkte des Lebens und seiner Beendigung? Was würde mit unsern Kindern und Grosskindern sein, wenn die Tradition ganz abbrechen sollte? Was würde, wenn der Name Gottes nicht mehr genannt würde?
Interview: Samuel Geiser, Käthi Koenig

Fulbert Steffensky, 76,
studierte katholische und evangelische Theologie und lebte
dreizehn Jahre als Benediktiner in der Abtei Maria Laach (Deutschland). 1969 konvertierte er zur lutherischen Kirche. Zusammen mit seiner verstorbenen Frau, der Theologin und Schriftstellerin Dorothee Sölle, engagierte er sich in der Friedensbewegung. Bis zu seiner
Pensionierung war er Professor für Religionspädagogik in Hamburg. Fulbert Steffensky ist Autor zahlreicher Bücher, darunter «Der alltägliche Charme des Glaubens» (2002) und «Mut zur Endlichkeit» (2007).