Das Resultat der repräsentativen Umfrage, die das Meinungsforschungsinstitut Isopublic im Auftrag von «reformiert.» zwischen dem 25. März und dem 4. April bei tausend Personen in der Deutsch- und Westschweiz durchgeführt hat, ist deutlich: Käme die Minarettverbots-Initiative zum jetzigen Zeitpunkt zur Abstimmung, würde sie von 49 Prozent der Stimmberechtigten abgelehnt und von 37 Prozent gutgeheissen. (Siehe die zwei Grafiken oben rechts, zum Vergrössen bitte Anklicken.) 14 Prozent der Befragten sind noch unentschlossen, wie sie stimmen werden. Die Ablehnung zieht sich durch alle Altersgruppen, Geschlechter und Konfessionen – wer aber jung, männlich, konfessionslos oder begütert ist, zudem in der Stadt wohnt oder der Religionsfreiheit einen hohen Stellenwert beimisst, lehnt das Volksbegehren noch deutlicher ab als Frauen, die Landbevölkerung, Katholiken oder Menschen mit geringerer Kaufkraft.
Die Ergebnisse im Detail
Altersgruppen: Unter den 18- bis 34-Jährigen wird die Initiative am deutlichsten abgelehnt (54%); gleichzeitig ist der Anteil der Jastimmer in dieser Altersgruppe (39%) etwa gleich hoch wie bei den Älteren. Was auffällt: Nur gerade 7 Prozent der Jungen wissen noch nicht, wie sie votieren werden (Durchschnitt: 14%).
Geschlechter: Männer sind dezidierter gegen das Volksbegehren als Frauen: 53% der Stimmbürger würden die Initiative ablehnen, unter den Stimmbürgerinnen sind es 44 Prozent. Gleichzeitig ist die Zustimmung unter Männern und Frauen ungefähr gleich gross – allerdings hat sich fast jede fünfte Frau (19%) noch keine Meinung gebildet.
Konfession: Was die konfessionelle Anbindung angeht, lässt sich beobachten, dass die Konfessionslosen dem Begehren am kritischsten gegenüberstehen: 60 Prozent lehnen das Minarettverbot ab, nur 29% befürworten es. Auch die Reformierten lehnen die Vorlage überdurchschnittlich deutlich ab (51%), wogegen die katholische Bevölkerung etwas weniger dezidiert ist: 43% der Katholikinnen und Katholiken wollen die Vorlage ablehnen, 39% wollen ihr zustimmen, 18 % haben sich noch keine Meinung gemacht.
Wohngebiet: Die Zustimmung zur Minarettverbots-Initiative ist auf dem Land grösser (46%) als in der Stadt (34%). Oder umgekehrt formuliert: Je städtischer die Bevölkerung, desto grösser die Ablehnung (Stadt: 52%; Land: 42%):
Parteien: SP-Wählerinnen und -Wähler sind ganz entschieden gegen die Vorlage (68% Nein, 22% Ja), auch FDP- und CVP-Sympathisanten lehnen sie deutlich ab (61% Nein, 27% Ja beziehungsweise 55% Nein, 30% Ja). Einzig SVP-nahe Personen stimmen ihr deutlich zu (72% Ja, 21% Nein).
Informationsstand: Je besser sich jemand über die Materie informiert fühlt, desto grösser der Wille, die Vorlage abzulehnen. 60 Prozent der «sehr gut» und 54 Prozent der «eher gut» Informierten wollen Nein stimmen.
Kaufkraft: Je begüterter jemand ist, desto kleiner die Sympathie fürs Minarettverbot: Fast 54 Prozent jener, die zur mittleren oder oberen Kaufkraftklasse gehören, würden die Initiative ablehnen.
Die Chancen der Vorlage
Matthias Kappeler, Isopublic-Geschäftsleiter und profunder Kenner von Abstimmungsumfragen, ist ob der Deutlichkeit des Resultats «überrascht». Denn eine Initiative geniesse Monate vor der Abstimmung «erfahrungsgemäss einen gewissen Sympathiebonus und finde beim späteren Urnengang in der Regel weniger Unterstützung als Monate zuvor». Dass die Initiative kaum Chancen hat, dereinst beim Stimmvolk durchzukommen – die Abstimmung findet frühestens im kommenden November statt –, liest Kappeler auch daran ab, dass die Meinungen schon ziemlich gefestigt sind: Fast 70 Prozent der Befragten werden ihre Meinung nach eigenen Angaben nicht mehr ändern. Zudem fühlen sich mehr als 60 Prozent der Stimmberechtigten schon jetzt gut oder sogar sehr gut informiert – was damit zu tun haben dürfte, dass die Initiative bereits stark diskutiert wird und aus einem einzigen Satz besteht.
Kommt dazu, dass 56 Prozent der Befragten auf die sogenannte Erwartungsfrage – «Wie glauben Sie, dass die Schweizer Bevölkerung dereinst stimmen wird?» – angeben, sie rechneten mit einem Nein, während nur 28 Prozent an eine Zustimmung glauben. Matthias Kappeler: «Diese Einschätzung kommt dem definitiven Abstimmungsergebnis erfahrungsgemäss meist recht nahe.» Weiteres Indiz für eine Ablehnung: Um das – für die Annahme notwendige – Ständemehr zu erreichen, brauchts bei einer Umfrage gut 55 Prozent Jastimmen – und davon sind die Befürworter derzeit weit entfernt.
Die Gründe fürs Ja/Nein
Auf die Gründe für ihre ablehnende Haltung angesprochen, führen mehr als 40 Prozent der Initiativgegner das Recht auf Religionsfreiheit ins Feld. Gut 23 Prozent sind der Meinung, die Schweiz müsse in dieser Frage Toleranz zeigen und fremde Religionen akzeptieren, jeder Achte hält die Initiative schlicht für unnötig, knapp 8 Prozent sind dagegen, weil sie keine Lösung bringe,und 7 Prozent sagen Nein, weil der Vorstoss von der SVP kommt.
Wer zustimmt, tut dies vorab, weil Minarette nicht in die Schweiz passten (22%), weil islamische Länder den Bau christlicher Kirchen ebenfalls verböten (22%), aus Angst vor zu grossem Einfluss des Islam (16%) oder weil die Glaubensfreiheit der Muslime auch ohne Minarett gewährleistet sei (11%). Fast jeder Zwanzigste fürchtet übrigens den Lärm des Muezzin – obwohl dafür ein separates Baubewilligungsverfahrens notwendig ist und also ein Minarettbau nicht von vornherein bedeutet, dass ein Gebetsruf erschallt: Bei keinem der vier Minarette, die es in der Schweiz gibt, ertönt der Ruf des Muezzin.
Was auffällt: 18 Prozent der Befragten können nicht sagen, warum sie die Initiative annehmen wollen, obwohl sie sich als gut informiert bezeichnen – sie entscheiden aus dem Bauch heraus. Allerdings ist dieser Wert auf Seiten der Ablehnenden fast ebenso gross (15%).
Stellenwert der Religionsfreiheit
«reformiert.» wollte zudem wissen, welchen Stellenwert die Befragten der Religionsfreiheit beimessen. Auf die Frage «Wie wichtig ist es für Sie, dass alle Menschen ihre Religionsfreiheit uneingeschränkt ausüben können?» antworteten 86 Prozent mit «wichtig» oder «sehr wichtig». Je höher die Religionsfreiheit gewichtet wird, desto grösser der Widerstand gegen die Initiative: Nur 24% jener Personen, welche der Religionsfreiheit einen sehr grossen Stellenwert beimessen, haben Sympathie für das Volksbegehren, 62% lehnen es ab. Auffallend ist: Nur 19% der SVP-Wähler (SP: 42%, CVP: 40%, FDP: 38%) erachten das Recht auf Religionsfreiheit als «sehr wichtig». Martin Lehmann
Ausführliche Dokumentation der «Isopublic»-Umfrage der Zeitschrift «reformiert.» zur Minarettverbots-Initiative (pdf, 30 Seiten)





