Erstellt: 11.02.2009
«In der kirchlichen Jugendarbeit kommt eine neue Ära in Sicht»
Kirche und Jugend/ Junge Erwachsene sind heute ernsthafter als früher am Suchen nach Lebensinhalt, sagt Pfarrer Thomas Schaufelberger aus Stäfa. Seine Vision: Die Kirche soll den Jungen die Infrastruktur zur Verfügung stellen, damit sie selbstständig eine neue Form von Religion leben können.

Herr Schaufelberger, was bewegt junge Erwachsene heute auf ihrer spirituellen Suche?

Ich erlebe es so, dass sie stark interessiert sind an Ernsthaftigkeit und Tiefgang. Sie wollen dem, was sie antreibt, wirklich auf den Grund gehen.


Sie meinen mehr, als es Junge früher taten?

Ich kann nur von den Jungen sprechen, mit denen ich arbeite. Und ich habe auch keinen jahrzehntelangen Überblick über die kirchliche Jugendarbeit. Aber ich staune immer wieder über den Willen von jungen Erwachsenen, sich nicht zufriedenzugeben mit dem, was sie sehen. Sie durchschauen beispielsweise klar, wie hohl unser Wirtschaftssystem ist. Ich denke schon, dass Junge heute ernsthafter nach Lebensinhalt suchen als früher.


Aber sie suchen nicht unbedingt die Kirche.

Nein, sie suchen ihr Eigenes, das, was sie im Kern ausmacht. Sie sind weder in einem speziell engen Sinn fromm, noch haben sie ein besonders grosses Herz für die Landeskirche. Ich glaube, dass in der Jugendarbeit eine neue Ära in Sicht kommt.


Was für eine neue Ära meinen Sie?

Der Theologe Ernst Tröltsch beschrieb 1912, dass Religion im Lauf der Geschichte in drei Typen vorkam. Der eine Typus, die «Sekte», ist eine abgeschlossene Gemeinschaft, bei der klar ist, wer dazugehört und wer nicht. Diesem entsprechen meist die Freikirchen. Die Landeskirche dagegen entspricht dem Typus der «Anstalt»: Hier gehört man von Geburt an zu einer Institution, egal, was man denkt, und man bleibt dabei, sei es aus Überzeugung oder Bequemlichkeit. Tröltsch sprach davon, dass es noch eine dritte Form von Religion geben muss. Ich denke, dass diese neue Form am Entstehen ist.

An was für eine Form denken Sie?

An eine eher selbstorganisierte Form von Religion, die nicht von oben hierarchisch gesteuert werden kann. Wir sollten Jugendlichen und jungen Erwachsenen die kirchliche Infrastruktur zu Verfügung stellen, damit sie ihr ganz Eigenes gestalten können.
Lassen Sie in Stäfa schon Versuchsballone für diese neue Form von Jugendarbeit steigen?
Wie die neue Form endgültig aussehen wird, weiss ich selbst auch nicht. Aber ich denke, dass unsere Angebote in Stäfa ein bisschen in die neue Richtung gehen. Wir wollen Jugendlichen und jungen Erwachsenen laut Jugendkonzept Räume anbieten, um Visionen für ihr eigenes Leben zu finden.

Was heisst das konkret?

Verschiedene Anlässe werden von Jungen für Junge gestaltet, so der «sofa»-Gottesdienst und der Event «Die Nacht». Als Pfarrer habe ich im Vorbereitungsteam lediglich eine moderierende Funktion. Was im Gottesdienst passiert, bestimmen die jungen Erwachsenen. Dabei entstehen sehr berührende Dinge.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Im letzten «sofa»-Gottesdienst hat ein Jugendlicher ein Eingangsgebet in Form eines Slam-Poetry-Textes vorgetragen. Es ging um die Themen Geld, Verantwortung übernehmen, Erwachsenwerden und doch die Träume fürs Leben erhalten. Es kam eine ungeheure Intensität zum Ausdruck. Mir ist es ein grosses Anliegen, dass Junge sich selbst und ihre Werte auf solche Weise erforschen und ausprobieren können.

Sie wollen Jugendliche also nicht im engen Sinn «zum Glauben führen»?

Ich bin überzeugt, dass die Landeskirche mit Jugendlichen anders umgehen muss, als es Freikirchen manchmal tun. Unsere Theologie verbietet uns, Junge zu manipulieren. Unser Ziel kann nicht sein, dass alle dasselbe glauben.

Welches ist Ihr Ansatz?

Mein wichtigster theologischer Ausgangspunkt ist das Verhalten, das Jesus anderen Menschen gegenüber an den Tag legte. Ich finde in der Bibel keine einzige Geschichte, in der Jesus einen Menschen zu etwas zwingt, das nicht zu ihm gehört. Den «Besessenen» im Lukasevangelium (Luk. 8, 30) fragt Jesus als Erstes nach dem Namen. Das heisst für mich: Er will ernsthaft wissen, wer dieser Mensch ist.

Und diese Haltung versuchen Sie den Jugendlichen entgegenzubringen?

Ja. Gleichzeitig will ich ihnen eine christliche Perspektive anbieten zur Frage nach dem Sinn des Lebens. Ich arbeite viel mit biblischen Geschichten. Ziel ist es, dass die Jungen Zusammenhänge sehen zwischen der biblischen Geschichte und sich selbst und so biblische Fäden in ihre eigene Lebensgeschichte hineinzuweben beginnen.

Das klingt gut. Gelingt es auch?
Bei den einen gibt es mehr solche biblische Fäden, bei den anderen weniger. Damit müssen wir leben. Ich glaube, dass sich die offene Theologie der Landeskirche auch auf ihre Struktur auswirkt: Sie kann und soll Junge nicht so eng anbinden, wie es die Freikirchen manchmal tun.


Sondern ihnen Räume für ihr Eigenes anbieten?
Ja. Ich hoffe sehr, dass die Landeskirche diese Entwicklung nicht aus Angst verpasst.

Thomas Schaufelberger, 41, ist reformierter Pfarrer in Stäfa. Er engagiert sich seit vielen Jahren in der Arbeit mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen.