Suche nach Sinn
Spiritualität von Jugendlichen/ Was glauben junge Erwachsene? Welche Gedanken machen sie sich über den Sinn des Lebens und über Gott? Drei junge Erwachsene, die sich stark mit religiösen Fragen beschäftigen, erzählen. Und Pfarrer Thomas Schaufelberger berichtet von seinen Beobachtungen in der kirchlichen Jugendarbeit.

Kathrin Binder, 18, Fachmittelschülerin

Austausch. «Ich diskutiere gerne und viel mit anderen Menschen. Über Themen, die mich interessieren, über das Leben und auch über den Glauben. Es ist wie in der Schule: Erst, wenn du einen Stoff jemand anderem erklärst, merkst du, dass du ihn selbst nicht richtig verstanden hast. Im Austausch mit anderen lerne ich mich besser kennen.

Befreiend. Ich finde immer jemanden, mit dem ich über Glaubensfragen diskutieren kann. Natürlich sage ich nicht: ‹Hallo, ich will mit dir über den christlichen Glauben sprechen.› Es ergibt sich vielmehr aus ganz normalen Gesprächen. Zum Beispiel in der Winterthurer Jugendkirche, wo ich mich im Vorbereitungsteam für die Gottesdienste engagiere. Manchmal lachen wir dort drei Stunden nur herum, manchmal haben wir tief gehende Diskussionen. Allerdings sind dort alle etwas älter als ich. Fast häufiger rede ich mit meinen Kolleginnen und Kollegen in der Fachmittelschule, wo ich die letzte Klasse besuche. Oder beim Klettern, meinem wichtigsten Hobby. Klettern ist eine Art Befreiung für mich, ich kann meine Energie rauslassen.

Zweifel. Ein Gottesdienst dagegen spricht das Geistige an. Ich fühle mich danach ruhiger und ausgeglichener. Gott ist für mich so etwas wie ein guter Geist, der mich umgibt. Wenn es mir schlecht geht, habe ich das Gefühl, dass mich etwas trägt. Manchmal weiss ich allerdings nicht, ob ich mir das nur einbilde. Vielleicht gehen diese Zweifel irgendwann weg, wenn meine Überzeugungen gefestigter sind? Auch in den Diskussionen mit anderen komme ich manchmal ins Zweifeln. Ich rede ab und zu mit Jugendlichen aus Freikirchen, die recht extrem sind im Glauben. Sie haben mir auch schon vorgeworfen, ich sei keine rechte Christin, weil ich glaube, dass alle Religionen wahr sind und nicht nur das Christentum. Ein solcher Vorwurf macht mir schon etwas zu schaffen. Ich frage mich dann: Haben die vielleicht recht und ich liege falsch, weil ich immer alles versöhnen will?

Eingebettet. Doch ich wehre mich auch. Ich bin nicht eine, die es allen recht machen will. Allgemein liegt mir allerdings schon viel daran, dass es den Menschen, die um mich herum leben, gut geht. Ich fühle mich eingebettet unter meinen Kolleginnen und Kollegen. Nach dem Schulabschluss im kommenden Sommer möchte ich einen halbjährigen Sozialeinsatz in Ghana, Indien oder Malaysia machen. Danach beginne ich die Ausbildung zur Pflegefachfrau. Das ist ein extrem vielseitiger Beruf. Und man hat Einblicke in ganz verschiedene Leben; ich denke das hilft, das eigene Leben einzuordnen.»

 

Andreas Ziegler, 20, Elektroniker

Rap-Songs. «Mich hats schon immer gedrängt, über das Leben nachzudenken. Warum, weiss ich nicht; es hat sich so ergeben. Eines meiner Hobbys ist Musik. Ich schreibe Rap-Songs und vertone sie manchmal auch mit einem Kollegen im Heimstudio. Die Songs sind ein Ventil: Ich beschreibe, was mich beschäftigt. Zum Beispiel, dass ich es ungerecht finde, dass nicht alle Menschen würdige Lebensbedingungen haben. Über diese Themen rede ich auch in der reformierten Kirche Stäfa in den ‹sofa›-Gottesdiensten, die von Jungen für Junge gemacht werden. Ich gestaltet oft einen Teil des ‹Impuls›, also das, was im normalen Gottesdienst die Predigt ist. Letztes Mal sprach ich anhand des biblischen Gleichnisses von den Talenten über den Umgang mit Geld. Meine These: Mit dem eigenen Geld zu wuchern bedeutet, dass man beim Geldanlegen nur darauf schaut, möglichst viel Gewinn zu machen. Es wäre jedoch viel sinnvoller, gute Zwecke im Auge zu haben.

Tief gehend. Die Diskussionen im ‹sofa›- Vorbereitungsteam bedeuten mir viel: Sie sind intensiv und tief gehend. Und die Rückmeldungen nach den Gottesdiensten freuen mich. Jemand hat mich mal gefragt, ob ich nicht Pfarrer werden wolle. Aber mich interessiert das Technische zu sehr. Ich habe eine Lehre als Elektroniker abgeschlossen und werde nach der Rekrutenschule in einen technischen Beruf einsteigen. Der Glaube ist für mich relativ wichtig. Gott ist für mich so etwas wie ein guter Kollege, etwas Unterstützendes. Ich bete auch. Allerdings ist Beten für mich nichts Megamystisches. Ich spreche einfach innerlich mit Gott, erzähle, was mich belastet oder was ich mir wünsche.

Respekt. Mit meinem Texten im ‹sofa› will ich die Leute auf keinen Fall zubombardieren, das kann ich nicht ausstehen. Der Glaube ist etwas Persönliches und schliesslich muss jeder das für sich finden, was für ihn stimmt. Ich interessiere mich auch für den Buddhismus. Meine Tante, die Buddhistin ist, hat mir davon erzählt und ich habe viel darüber gelesen. Im Buddhismus versuchst du, zur Ruhe zu kommen. Nach dem Joggen meditiere ich manchmal an einem schönen Ort in der Natur. Es tut gut, den Kopf zu leeren. Das ist ein bisschen wie bei der Kampfkunst Kung-Fu, die ich betreibe: Nach der Lektion ist mein Körper voll Schweiss und mein Kopf leer. Das Christentum dagegen hat für mich mehr mit Handeln zu tun. Es gibt gute Regeln vor. Zum Beispiel den Respekt vor anderen Menschen und Lebenseinstellungen. Ich finde, daran mangelt es an vielen Orten.»


Magdalena Hegglin, 21, Philosophiestudentin


Ungewiss. «Was mich oft beschäftigt, ist die Ungewissheit des Lebens. Der Gedanke, dass ich scheitern könnte. Das betrifft alle Bereiche meines Lebens, in denen ich frei bin, eine Entscheidung zu treffen. Es gibt so vieles, das mich interessiert: mein Philosophiestudium, das Musizieren mit der Geige, Theaterspielen, Schreiben, Film, Freundschaften, meine Familie mit vier Brüdern und einer Schwester. Da weiss ich manchmal nicht: Auf was soll ich mich konzentrieren, wo führt mein Leben hin?

Schreiben. Mit solchen Fragen setze ich mich unter anderem auseinander, indem ich schreibe. Wenn ich alleine bin und zur Ruhe komme, habe ich immer das Bedürfnis, zu schreiben. Früher führte ich intensiv Tagebuch, heute etwas weniger. Seit neun Jahren habe ich denselben Brieffreund, mit dem ich mich austausche. Kürzlich habe ich an einem Schreibwettbewerb teilgenommen, den das Kloster Fahr für Jugendliche ausgeschrieben hat. Anlässlich des 80. Geburtstags der Schriftstellerin Silja Walter war man aufgefordert, in Briefform von seinen Lebensfragen und der Suche nach Gott zu erzählen. Zum Schreiben war ich ein Wochenende im Kloster. Das war sehr schön. Die Ruhe und die klare Tagesstruktur der Schwestern haben mir geholfen, mich zu konzentrieren.

Vertrauen. Mein Glaube ist so etwas wie ein Ruhepunkt für mich. Er nimmt mir meine Fragen und Zweifel nicht ab, aber er gibt mir ein Grundvertrauen ins Leben. Ich bete jeden Morgen und Abend – zum Beispiel Psalmen, die ja oft Vertrauen ausdrücken. Wie ich mir Gott vorstelle? Mich berührt die Bibelstelle aus dem Buch Exodus, in der Gott zu Mose sagt: ‹Ich bin, der ich bin.› Oder in einer anderen Übersetzung: ‹Ich bin der ‹ich bin da›.› Gott ist für mich nicht einfach eine Energie oder ähnlich, sondern ein konkretes Gegenüber, das allerdings unfassbar bleibt. Ich habe nicht das Gefühl, Gott genau verstanden zu haben.

Freiheit. Ich bin in Zug katholisch aufgewachsen. Den Katholizismus habe ich nicht als etwas Enges erlebt. Sicher gibt es Dinge in der katholischen Kirche, mit denen ich nicht einverstanden bin. Doch dass ich den christlichen Glauben so positiv erfahren habe, verdanke ich meinen Eltern. Sie vermitteln mir keine Theorien, sondern ihr Leben ist mir ein Beispiel. Sie haben mir immer meine Freiheit gelassen. Beispielsweise haben sie nie versucht, mich zu einem weniger ‹brotlosen› Studium zu bewegen. Philosophie, das ist für mich: Genau denken lernen, den Dingen auf den Grund gehen. Im Sinn von: Es gibt keine Tabus, man darf alle hinterfragen.»