Erstellt: 31.01.2009
Besorgte Basis sammelt Unterschriften für ein kritisches und kirchliches Heks
Heks/ Die Kritiker der Wahl von Nestlé-Chef Roland Decorvet in den Stiftungsrat des Evangelischen Hilfswerks Heks lancieren eine Petition für ein «politisch engagiertes und prophetisches Heks». Decorvets Wahl sei Ausdruck eines «schleichenden Kurswechsels» – hin zu einem «allein auf Wachstum fixierten Werk».

«Der Protest gegen die Wahl von Nestlé-Chef Decorvet in den Heks-Stiftungsrat ist bis jetzt ins Leere gelaufen», stellt der Stadtberner Pfarrer Jürg Liechti nüchtern fest. Liechti, Kritiker der ersten Stunde dieser umstrittenen Wahl, hat den Eindruck, der Schweizerische Evangelische Kirchenbund (SEK) und das Hilfswerk der Evangelischen Kirchen Schweiz (Heks) wollten «die Krise aussitzen».

Strategiediskussion.
Darum hat sich jetzt die aufmüpfige Kirchenbasis der Deutsch- und Welschschweiz zusammengeschlossen. Und sie fordert via Petition «ein prophetisches und politisches Heks an der Seite der Armen, das die Ursachen von Unrecht benennt». Nicht direkt gefordert wird Decorvets Rücktritt. Seine Wahl bleibe zwar «ein grosser Fehler», so Jürg Liechti: «Aber sie ist nur ein Symptom für einen schleichenden Kurswechsel beim Heks.» Das Evangelische Werk konzentriere sich immer stärker auf Nothilfe und Projektarbeit – und fixiere sich allein «auf Wachstum»: «Die Mitverantwortung der Schweizerinnen und Schweizer an der Ungerechtigkeit in der Welt ist kein Thema mehr.» 
Aus Sorge, das Heks verliere seinen guten Ruf bei einem gewichtigen Teil seiner Basis, starte man die Unterschriftensammlung, so Liechti. Und man hoffe, damit SEK und Heks zu einem «ernsthaften und öffentlichen Dialog» über die Zukunft des Werks zu bewegen – auch dank der Unterstützung der Petition durch viel Politprominenz (siehe Box).

Ethikdebatte.
Parallel zur Petitionslancierung veröffentlicht die Welschschweizer Gruppe «Heks – quo vadis?» das Dokument «Ethische Aspekte einer umstrittenen Wahl». Dieses richtet sich in erster Linie an die Abgeordneten des SEK, die den Nestlé-Chef letzten Sommer in den Stiftungsrat gewählt haben. Darüber hinaus wolle das Dokument kirchliche Gremien sensibilisieren, bei der Zusammenarbeit mit Wirtschaftsvertretern den Grundauftrag der Kirche, «nämlich an der Seite der Ärmsten zu stehen», nicht aufs Spiel zu setzen, sagt Pierre Bühler, Professor für Systematische Theologie an der Uni Zürich.
Was heisst das konkret im Fall von Nestlé-Chef Decorvet? Pierre Bühler: «Ein Wirtschaftsvertreter im Heks-Stiftungsrat ist denkbar, ein Nestlé-Direktor aber schwierig, weil das Hilfswerk und der Nahrungsmittelkonzern beide im Agrobereich der Dritten Welt aktiv sind – mit ganz unterschiedlichen Zielen.» Erschwerend, so Bühler, komme dazu, dass sich Roland Decorvet «gewisser Unvereinbarkeiten» zwischen seiner Stellung als Konzernchef und seinem Amt als Heks-Stiftungsrat anscheinend kaum bewusst sei. Samuel Geiser

Prominenz für Petition

Zu den Erstunterzeichnenden gehören die NationalrätInnen Josiane Aubert (SP/VD), Maya Graf (Grüne/BL), Josef Lang (Alternative/ZG), Jacques Neirynck (CVP/VD), Maria Roth-Bernasconi (SP/GE), Carlo Sommaruga (SP/GE), Franziska Teuscher (Grüne/BE), Josef Zisyadis (PdA/Genf) und Ständerätin Liliane Maury Pasquier (SP/GE).
Petition im Internet: www.eper-quo-vadis.ch

«Reformiert.» 30.1.2009