Erstellt: 31.01.2009
Abschied vom Lückenbüssergott, Darwin sei Dank
Silvia Schroer/ «Schöpfungsgeschichte und Evolutionstheorie konkurrenzieren sich nicht», sagt die Bibelwissenschaftlerin Silvia Schroer im Interview.

Angenommen, Frau Schroer, eins Ihrer Kinder fragt Sie: «Was war am Anfang der Welt, Gottes Schöpfung oder der Urknall?» Was antworten Sie?
Dass die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler uns heute ziemlich genau erklären können, wie das Leben ab Urknall entstanden ist. Und dass es daneben biblische Schöpfungsgeschichten gibt, die erzählen, wozu der Mensch auf Erden ist – nämlich um Verantwortung zu übernehmen: gegenüber sich selbst, den Mitmenschen und den Mitgeschöpfen, aber auch, um Freude am Wunder des Lebens zu haben, es zu geniessen.

Und wenn Ihr Kind nachhakt: «Woran soll ich jetzt glauben, an Darwins Evolutionstheorie oder an die Schöpfungsgeschichte?»
Weder an das eine noch an das andere, würde ich ihm antworten. Ich finde es unsinnig, an die Evolutionstheorie zu «glauben»: Sie ist einfach ein überzeugendes Erklärungsmodell zur Weltentstehung, das vielleicht später mal durch ein noch besseres abgelöst wird. Ich glaube aber auch nicht an eine biblische Schöpfungsgeschichte. An welche denn? Jene in Genesis 1, in Genesis 2, im Buch Hiob, Sprüche 8 oder in Psalm 104? Die Bibel ist ja in Sachen Schöpfung ziemlich plu-ralistisch.

Aber woran glauben Sie?
An einen Schöpfer, das ist ein Unterschied. Ich glaube, dass eine grössere Kraft der Ursprung allen Lebens ist. Dass diese Welt kein Zufallsprodukt ist, sondern gewollt war und aus unendlicher Lebenslust entstanden ist. Dass alles Leben vergeht und wieder zu diesem Ursprung zurückkehrt.

Aber Schöpfungsgeschichte und Evolutionstheorie lassen Sie nebeneinander stehen?
Ja, weil sich diese gar nicht konkurrenzieren. Mir ist es unheimlich, wenn eine biblische Schöpfungsvorstellung auf dieselbe Ebene gestellt wird wie ein naturwissenschaftlicher Erklärungsversuch.

Exakt dies tun Kreationisten: Sie verstehen die Schöpfungserzählung als Tatsachenbericht über die Entstehung der Arten.
Weil sie einem längst überholten Biblizismus nachhängen. Sie lesen den Schöpfungsbericht in Genesis 1 und das antike Weltbild, in das er eingepackt ist, als von Gott diktierten Text. Das wird heute an keiner theologischen Fakultät im deutschsprachigen Raum mehr gelehrt. Dennoch darf man sagen: Die Bibel erzählt den Ablauf der Entstehung des Lebens kunstvoll und eindrücklich: zuerst das Licht, dann das Wasser, dann Land, Pflanzen, Tiere im Wasser, Tiere in der Luft, Tiere auf dem Land – und am selben Tag wie die Landtiere der Mensch. Das ist, auch an heutigen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen gemessen, gar nicht so dumm.

Das tönt nun nach grossem Frieden zwischen Theologie und Naturwissenschaft. AberDarwin wurde zu seinen Lebzeiten von Bibelexegeten und Kirchenvertretern bekämpft.
Stimmt: Jahrhundertelang galten die Bibeltexte als einziges Wissen über den Ursprung der Menschheit – und dies nicht nur in der Theologie. Aber eben: Das ist Schnee von vorgestern. Längst behandelt die Bibelwissenschaft die Schöpfungserzählungen als Zeugnisse antiker Kulturen – und nicht mehr als von Gott inspirierte Reportage über den Weltanfang.

Also hat die Theologie vor Darwin kapituliert.
Nein, aber sie hat sich nicht zuletzt dank Darwins Provokation von einem Lückenbüssergott verabschiedet: von einem Gott, der überall dort einspringen muss, wo wir noch nicht weiterwissen. Gott hat die Menschen mit Denkfähigkeiten ausgerüstet, damit diese sie auch voll und ganz brauchen. Heisst für mich: Ich kann nicht über die Schöpfung oder den Schöpfer sprechen, ohne alles einzuschliessen, was die Naturwissenschaft entdeckt hat. Ich jedenfalls freue mich an den Erkenntnissen der Wissenschaften.

Da bleibt von den biblischen Schöpfungsberichten nicht mehr viel übrig.
Oh doch! Ich kann daraus lesen, dass Mensch und Tier sehr verwandt sind und von Anfang an im selben Boot sitzen. In Genesis 1 und 2 steckt die provozierende Frage: Wie gehen wir mit dem Töten von Lebewesen, mit unserem Fleischkonsum um? Ich kann weiter daraus lernen, dass für den Erdling Adam die Einsamkeit nicht gut ist, dass er in Beziehung leben soll – sei es nun zu einer Eva oder einem andern Adam. Und dass Gott die Menschen mit einer besonderen Liebe ausgestattet hat, damit wir Verantwortung übernehmen.

Muss man dazu gläubig sein? Kann dies nicht auch ein Atheist aus der Bibel lesen?
Kann er. Und wenn er daraus die Frage zieht: Was heisst es, gut zu sein in einer Welt voller Ungerechtigkeit? –, dann haben wir auch eine Gesprächsbasis. «An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen»: Das gilt für Gläubige und Ungläubige.

Dennoch: Kann sich die Theologie nach Darwin überhaupt noch behaupten?
Ich lasse mich als Theologin nicht so leicht aus dem Feld schieben. Im Gegenteil. Ich konfrontiere die Naturwissenschaft mit Fragen: Für wen forscht ihr? Wem dient euer wissenschaftlicher Fortschritt? – Wie die Ethik oder die Philosophie hat die Theologie die Aufgabe, die grösseren Horizonte menschlicher Arbeit, Beziehungen, Hoffnungen zu thematisieren.

Ist Nächstenliebe das theologische Gegenprogramm zu «survival of the fittest»?
Nicht das Gegenprogramm. Aber ich glaube, auch kluge Darwinisten sehen, dass dem Menschen ein unglaublicher Freiraum geschenkt ist: Er ist ein Wesen mit Kultur und Reflexionsfähigkeit – und nicht einfach seiner Biologie ausgeliefert. Schon die Eltern-Kind-Beziehung zeigt, dass auch Solidarität das Leben voranbringen kann. Vielleicht ist ja die gegenseitige Hilfe ein besonderes Fitnesszeichen und ein Selektionsvorteil.

Aber die Natur ist und bleibt grausam.
Auch da muss man differenzieren, und die Verhaltensforschung tut dies längst. So halten etwa Primaten beim Tod eines Artgenossen Schweigeminuten ein, kennen also so etwas wie Trauer. Und «survival of the fittest» kann auch heissen: Überleben einer Gruppe. Ein einzelnes Tier opfert sich für seine Artgenossen, indem es sie vor einer Gefahr warnt und deshalb gefressen wird.

«Da wird der Löwe neben dem Lamm liegen», heisst es bei Jesaja. Läuft die Evolution gemäss Bibel auf den Naturfrieden hinaus?
Jedenfalls hat die Bibel ein Stück weitergedacht. Für mich ist es ein wunderbarer Gedanke, dass auch die Natur erlöst werden kann. Der Evolutionsforscher, Theologe und Jesuit Teilhard de Chardin sah die Schöpfung nicht als etwas Abgeschlossenes, sondern als kreativen Prozess bis ans Ende der Zeiten – mit dem Ziel zunehmender organischer Einheit. Und der Liebe als Motor. Gespräch: Samuel Geiser, Rita Jost



Silvia Schroer, 50

ist katholische Theologin und Professorin für Altes Testament und biblische Umwelt an der Theologischen Fakultät der Universität Bern. Sie ist Gründerin und Herausgeberin der Internetzeitschrift für feministische Exegese, der «lectio difficilior» (www.lectio.unibe.ch).

BUCHTIPP Othmar Keel / Silvia Schroer: Schöpfung. Biblische Theologien im Kontext altorientalischer Religionen. Vandenhoeck & Ruprecht Fr. 59.–