Franklin Frederick – der Name findet sich mehrfach in den Spionageprotokollen von Nestlé. Zwischen 2003 und 2004 hat der Multi aus Vevey Globalisierungsgegner, darunter auch den brasilianischen Wasseraktivisten Frederick, von einer Securitas-Spionin aushorchen lassen.
Passiv. «Als jemand, der aus einer ehemaligen Militärdiktatur kommt, überrascht es mich, dass die Schweizer Kirchen schweigen», sagt Franklin Frederick. Eigentlich hätte er gute Gründe, auf kirchliche Unterstützung zu hoffen. Denn im Auftrag der katholischen Bischofskonferenz Brasiliens und des Ökumenischen Rats der Kirchen (ÖRK)hat er 2004 die Erklärung zum «Wasser als Menschenrecht und öffentliches Gut» mit dem Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund (SEK) und der hiesigen Bischofskonferenz ausgehandelt.
Warum aber hüllt sich die Kirche bislang in Schweigen? Der Sprecher des Kirchenbunds, Simon Weber, zeigt sich zwar «über die Vorwürfe der Spionage besorgt». Eine Stellungnahme des SEK werde es aber erst geben, wenn die Strafuntersuchungen der Justiz zu den Bespitzelungen, die Securitas im Auftrag von Nestlé durchgeführt hat, abgeschlossen seien.
Befangen. 76 Nationalräte hatten weniger Probleme, jetzt schon Kritik zu formulieren. Anfang Dezember unterzeichneten sie einen «Appell für die Meinungsäusserungsfreiheit und gegen Schnüffeleien durch Nestlé und Securitas». Auch ein kantonales Kirchenparlament – die Synode der reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn – hat sich nun mit dem Spionagefall beschäftigt. Aufgrund einer Interpellation des Berner Pfarrers Jürg Liechti machte im Namen des Synodalrats (Kirchenexekutive) Pia Grossholz unmissverständlich klar: «Bespitzelung ist ein rechtsstaatlich gravierender Straftatbestand, und deshalb verurteilen wir das.» Liechtis Interpellation zielte aber auch auf die Wahl Roland Decorvets in den Stiftungsrat des Hilfswerks der evangelischen Kirchen Schweiz (Heks) ab. Auch hier räumte Grossholz ein, der Einsitz des Nestlé-Chefs in den Stiftungsrat des Hilfswerks könne «zu Rollenkonflikten führen».
Pure life. Dass das Ausspionieren nicht Roland Decorvet zur Last zu legen ist, unterstrich aber auch die Berner Synodalrätin. Das ist übrigens auch die Meinung des bespitzelten Franklin Frederick selbst. Indirekt gibt es indes für den brasilianischen Wasseraktivisten durchaus eine Verbindung. Denn bevor Nestlé die Mineralwasserbrunnen von Fredericks Heimatstadt São Lourenço anbohrte und das Wasser unter dem Namen «Pure life» in PET-Flaschen vermarktete, wurde dieses Modell seit 1999 schon in Pakistan erprobt. Dort war Decorvet zwischen 2004 und 2007 Nestlé-CEO.
Über den Geschäftszweig Wasser hat er bisher nicht geredet. Er betont lieber den Bau der Milchfabrik in Kabirwala, welche die Milch von 140 000 pakistanischen Bauern verarbeitet. Mit Blick auf diesen Erfolg formulierte Decorvet denn auch unbescheiden, Nestlé sei «die beste Entwicklungsorganisation, die es gibt». Das idyllisch gezeichnete Bild von der pakistanischen «Hilfswerk»-Fabrik hat aber Kratzer. So kritisiert der internationale Gewerkschaftsverband der Lebensmittelindustrie IUF, dass dort Gewerkschaftsrechte missachtet worden seien. Die Gewerkschaftswahlen 2007 erklärte die Nestlé-Betriebsleitung für ungültig und entliess den gewählten Gewerkschaftsvorsitzenden. Vor dem Arbeitsgericht wurde dann aber die Wiedereinstellung des entlassenen Gewerkschaftsvorsitzenden durchgesetzt. Nestlé selbst gibt sich zu diesem Fall bedeckt.
«Überreagiert». Mittlerweile hat Decorvet seine Aussage, seine Arbeitgeberin sei eine Art Entwicklungsorganisation, zurückgenommen: In einer Stellungnahme, die Heks an die Kirchgemeinden versandt hat, räumt er ein, «Fehler begangen» und «überreagiert» zu haben. Das Eingeständnis kam kurz vor der Debatte in der Berner Synode – und der Weihnachtsspendenkampagne. In dem von Stiftungsratspräsident Claude Ruey
und Decorvet unterzeichneten Brief stellten die beiden klar: Die Projektausrichtung von Heks bleibt trotz des neuen Stiftungsrats unverändert. Und Heks-Geschäftsführer Ueli Locher betont ebenfalls: «Die Befürchtungen, dass Roland Decorvet als Heks-Stiftungsrat auf die Ausrichtung der Heks-Projekte einwirkt, sind unbegründet.»
Neue Töne. Über die Stellungnahme zeigt sich Pfarrer Dieter Sollberger aus Horgen ZH erleichtert. In seiner Gemeinde wurde schon über die Stornierung der jährlichen Heks-Überweisungen nachgedacht. «In der Stellungnahme ist deutlich ein neuer Ton herauszuhören. Für uns ist dies ein wichtiger erster Schritt», so Sollberger.
Delf Bucher
Wasser in der PET-Flasche
Pionierland für das Nestlé-Wasser aus der PET-Flasche war Pakistan. Zu Beginn der Lancierung warb der Konzern damit, dass sein Wasser besser sei als jenes aus dem öffentlichen Netz.
Pionierland für das Nestlé-Wasser aus der PET-Flasche war Pakistan. Zu Beginn der Lancierung warb der Konzern damit, dass sein Wasser besser sei als jenes aus dem öffentlichen Netz.
Studie von Alliance Sud: www.alliancesud.ch/
english/files/T_WrNn.pdf
«Reformiert.» 31.12.2008







