Die angeschlagene Berner Tageszeitung «Der Bund» wird ihren 159. Geburtstag wohl nicht mehr erleben: Ohne redaktionelle Zusammenarbeit habe das traditionsreiche Blatt «wirtschaftlich keine Perspektiven», liess die Mehrheitsaktionärin der Espace Media, die Zürcher Tamedia, Anfang Dezember verlauten.
«Der Bund» kommt auflagemässig nicht vom Fleck (derzeit werden noch rund 50 000 Exemplare gedruckt), der Inserateeinbruch hat nun die finanzielle Situation noch einmal drastisch verschärft. In einigen Monaten will der Konzern entscheiden, ob der «Bund» künftig mit dem Zürcher «Tages-Anzeiger» einen gemeinsamen Mantel produzieren oder «mit der ‹Berner Zeitung› zusammengeführt» – will heissen: liquidiert wird. Matthias Künzler, Professor am Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung an der Universität Zürich, vermutet, dass die (kostengünstigere) Variante 2, die Fusion mit der «BZ», umgesetzt wird – wenn nicht tout Bern heftig dagegen protestiere.
«Rettet den ‹Bund›». Und siehe da: Es wird protestiert. Nicht nur in den Weblogs empört man sich über den drohenden Verlust des publizistischen Wettbewerbs, es hat sich auch ein Komitee gebildet, dem sich innert weniger Tage über 3000 Personen angeschlossen haben – darunter die Berner Ständerätin Simonetta Sommaruga, ihr Kollege Werner Luginbühl, «ZüriWest»-Frontmann Kuno Lauener, Medienwissenschaftler Roger Blum (www.rettet-den-bund.ch).
Auch Kirchenleute äussern gegenüber «reformiert.» ihre Besorgnis – allen voran Schriftsteller Kurt Marti, der den «Bund» seit Kindsbeinen schätzt. Und sich darüber ärgert, «dass Medienhäuser heute nur noch nach rein betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten geführt» würden. «Ein Verlust des ‹Bund› wäre eine Schwächung der Demokratie, und das ist auch aus christlich-reformierter Sicht zu bedauern», sagt Marti: «Nur in der Medienvielfalt lernt man Toleranz.»
Auch Synodalratspräsident Andreas Zeller, «Bund»-Abonnent seit 1977, würde dessen Liquidation «sehr bedauern»: Zwar sei die Redaktion in den letzten Jahren merklich ausgedünnt und die Breite der Berichterstattung zurückgefahren worden, noch immer aber nehme die Zeitung kirchliche Themen auf.
Hermann Battaglia, Doyen der reformierten Kommunikation (und Ex-Chefredaktor der «Berner Nachrichten»), möchte den «Bund» zwar auch behalten, will aber «lieber eine gute Zeitung als zwei schlechte». Der «Bund» habe in den letzten Jahren an Qualität eingebüsst: «Die liberale Haltung ist kaum mehr zu spüren, und aufgrund der Sparmassnahmen hat auch das journalistische Handwerk gelitten.» Die «Bund»-Berichterstattung über die Landeskirche sei weiterhin solid, für die Kirchgemeinden sei aber wichtig, dass über das Geschehen in der Region berichtet werde – und das biete derzeit nur die «BZ».
Martin Lehmann
«Der Bund»
1992 verkaufte die langjährige Verlegerfamilie Stuber den 1850 gegründeten «Bund» an Ringier. Später ging die Zeitung an die NZZ, dann an die Espace Media Groupe über, die auch die «BZ» herausgibt. Seit 2003 gibts das «Berner Modell»: ein Verlag, zwei Redaktionen – nur der Sportteil ist (fast) identisch. Im Mai 2007 übernahm die Zürcher Tamedia achtzig Prozent des Aktienkapitals der Berner Espace Media Groupe.
Kommentar:
Sag mir, wo die Verleger sind …
Staatskunde. Demokratie
ist, wenn man mitreden kann. Mitreden kann, wer sich eine Meinung
bildet. Um sich eine Meinung zu bilden, muss man die Umstände und
Hintergründe eines Sachverhalts kennen. Und die lernt man kennen, indem
man sich in qualifizierten Medien die nötigen Informationen holt, und
zwar in möglichst vielen, möglichst unterschiedlichen Medien. Verkürzt
gesagt: Demokratie braucht Medien und Medienvielfalt – darum
unterstützt die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) im
Süden nicht nur Brunnenprojekte, sondern auch Radiostationen.
Medienkunde. In
der Schweiz ist die Medienvielfalt gewährleistet, sollte man meinen.
Ist sie das? In den letzten Jahren sind Dutzende Zeitungs- titel
verschwunden. Wir dürfen zwar an der Urne weiterhin zu komplexesten
Vorlagen Stellung nehmen – gleichzeitig gibt es immer weniger Titel, in
denen über diese Themen vertieft debattiert wird. Und jene, die übrig
bleiben, servieren unter kommerziellem Druck vermehrt Infotainment –
Information, als Unterhaltung inszeniert – und verlieren so ihre
Relevanz.
Wirtschaftskunde. Und jetzt also gehts dem «Bund» an den Kragen. Er habe «wirtschaftlich keine Perspektiven», tönts im börsenkotierten Verlagshaus. Dort interessieren vorab Rendite, Quartalsabschluss, Aktionärsnutzen – nicht Meinungsvielfalt, staatsbürgerliche Verantwortung, Demokratiegewinn. Nein, man darf von einem Verleger nicht verlangen, dass er eine Zeitung herausgibt, die rote Zahlen schreibt. Aber es sei hiermit, auch aus reformierter Sicht, bitter beklagt, dass sich das verlegerische Selbstverständnis immer öfter darin erschöpft, die Buchhaltung aufgehen zu lassen.
Martin Lehmann, Redaktor «reformiert.», Bern






