Franklin Frederick – der Name findet sich häufig in den Spionage-Protokollen von Nestlé. Zwischen 2003 und 2004 hat der Nahrungsmulti aus Vevey Globaliserungsgegner, darunter auch den brasilianischen Wasseraktivisten Frederick, von einer Securitas-Spionin aushorchen lassen.
Passiv. «Als jemand, der aus einer ehemaligen Militärdiktatur kommt, überrascht es mich, dass die Schweizer Kirchen schweigen», sagt Franklin Frederick. Eigentlich hat er gute Gründe, auf kirchliche Unterstützung zu hoffen. Denn im Auftrag der katholischen Bischofskonferenz Brasiliens und des Ökumenischen Rats der Kirchen hat er 2004 die Erklärung zum «Wasser als Menschenrecht und öffentliches Gut» mit dem Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund (SEK) und der hiesigen katholischen Bischofskonferenz ausgehandelt.
Warum aber schweigen seine Bündnispartner? Der Sprecher des Kirchenbundes, Simon Weber, zeigt sich zwar «über die Vorwürfe der Spionage besorgt». Eine SEK-Stellungnahme werde es aber erst geben, wenn die Strafuntersuchungen der Justiz zu den Bespitzelungen, die Securitas im Auftrag von Nestlé durchgeführt hat, abgeschlossen seien.
Befangen. 76 Nationalräte hatten weniger Probleme, jetzt schon Kritik zu formulieren. Anfang Dezember unterzeichneten sie einen «Appell für die Meinungs-äusserungsfreiheit und gegen Schnüffeleien durch Nestlé und Securitas». Der Kirchenbund hingegen ist in der Kritik an Nestlé «befangen», so notiert es der «Tages-Anzeiger». Denn im Juli wählten die Abgeordneten des SEK den Nestlé-Direktor Roland Decorvet einstimmig in den Stiftungsrat des Hilfswerks der evangelischen Kirchen Schweiz (Heks).
«Pure life». Dass das Ausspionieren nicht Roland Decorvet zur Last zu legen ist, versichert allerdings auch Frederick. Aber indirekt gibt es für ihn durchaus eine Verbindung. Denn bevor Nestlé die Mineralwasserbrunnen seiner Heimatstadt São Lourenço anbohrte und das Wasser unter dem Namen «Pure life» in Pet-Flaschen vermarktete, wurde dieses Modell schon seit 1999 in Pakistan erprobt. Dort war Decorvet zwischen 2004 und 2007 Nestlé-CEO. Über den Geschäftszweig Wasser hat er bisher nicht geredet. Er betont lieber den Bau der Milchfabrik in Kabirwala, die die Milch von 140 000 pakistanischen Bauern verarbeitet. Mit Blick auf diesen Erfolg formulierte Decorvet denn auch unbescheiden, Nestlé sei «die beste Entwicklungsorganisation, die es gibt».
Von dieser provokanten Aussage, die er zuerst in der «Handelszeitung» machte und dann gegenüber der «Reformierten Presse» wiederholte, nimmt Decorvet heute Abstand. In einer Stellungnahme, die Heks an die Kirchgemeinden versandte, räumt Decorvet ein, «Fehler begangen» und «überreagiert» zu haben. Das Eingeständnis kommt zur rechten Zeit. Denn bei Heks steht die alljährliche Weihnachtsspendenkampagne an. Deshalb stellt der Brief an die Kirchgemeinden jetzt klar: Die Projektausrichtung von Heks bleibe trotz des neuen Stiftungsrats unverändert.
Neue Töne. Über die Stellungnahme zeigt sich Pfarrer Dieter Sollberger von Horgen erleichtert. In seiner Gemeinde wurde schon über die Stornierung der jährlichen Heks-Überweisungen nachgedacht. «In der Stellungnahme ist deutlich ein neuer Ton herauszuhören. Für uns ist dies ein wichtiger erster Schritt», so Sollberger. Delf Bucher
«Reformiert.» Zürich 12.12.2008


