Erstellt: 26.11.2008
Kirchliche Intoleranz gegenüber Nestlé?
Heks/ Roland Decorvet kritisiert die Kritiker seiner Wahl in den Heks-Stiftungsrat – und propagiert den Schulterschluss von Nestlé mit dem Hilfswerk.

Roland Decorvet, Generaldirektor Nestlé Schweiz, hat gesagt, was zu sagen ist: Um «eine sterile Polemik zu vermeiden», wolle er sich zur Kritik an seiner umstrittenen Wahl in den Stiftungsrat des Hilfswerks der Evangelischen Kirchen Schweiz (Heks) jetzt nicht mehr äussern, lässt er gegenüber «reformiert.» ausrichten. Und schiebt bloss nach, er habe keinerlei Absichten zu demissionieren, er sei ja ohne Gegenstimme in den Stiftungsrat gewählt worden.

Kritik an Kritikern. Geäussert hat sich Decorvet zuletzt in einem Interview mit der kirchlichen Mitarbeiterzeitung «Reformierte Presse» (7. November). Darin zeigt er sich «etwas verletzt» wegen der Kritik an seiner Wahl. Denn obwohl er viel arbeite, nehme er sich jährlich etwa zwölf Tage Zeit für das Hilfswerk. «Es gäbe schliesslich auch andere Organisationen, die mit mir arbeiten möchten.» Hart geht Decorvet mit seinen Kritikern ins Gericht: «eine kleine Gruppe von Kirchenleuten, die politisch extrem links sind und viel Lärm machen».
Die Kirchen seien zwar zunehmend tolerant gegenüber Andersgläubigen oder Homosexuellen. «Aber wo bleibt die Toleranz gegenüber Industriellen? Gegenüber Nestlé?» Gewisse Nichtregierungsorganisationen (NGO) seien aus Prinzip gegen den Nahrungsmittelkonzern. «Wenn wir in einem Land die Landwirtschaft entwickeln, sind wir böse. Wenn wir nichts machen, sind wir auch böse.» Und wenn eine Zeitung etwas Positives schreibe, «fragen sich die NGO, wie viel Nestlé dafür bezahlt hat».
«Nestlé ist die beste Entwicklungsorganisation, die es gibt. Denn private Hilfe ist immer besser als Regierungshilfe», fasst Decorvet sein entwicklungspolitisches Credo zusammen. Nestlé produziere immer vor Ort und mit lokalen Rohstoffen. In Pakistan etwa würde die Milch von 150 000 Bauern gekauft und bar bezahlt. «Wer sagt, dass Nestlé die Bauern ausnützt, hat keine Ahnung. Es ist einfach falsch.»


Schulterschluss. Decorvets zweite zentrale Aussage zur Entwicklungspolitik: «Heks und Nestlé haben die gleichen Werte. Vom Elend in der Welt profitieren beide nicht, im Gegenteil. Wir wollen doch alle die Armut bekämpfen. Nur sind die Mittel zum Ziel andere.» Gelten die gleichen Werte auch bei der Wassernutzung in der Dritten Welt? Das Hilfswerk verteidigt doch das Wasser als öffentliches Gut, während der Nahrungsmittelmulti es vermarkten und daran verdienen will. Zwar meint auch Decorvet, jeder Mensch solle Zugang zu sauberem Trinkwasser haben – «aber Wasser ist für uns wie Wein: Es gibt trinkbaren Wein in verschiedensten Qualitäten und Geschmacksrichtungen. Wer etwas Spezielles haben möchte, soll dafür bezahlen.»
Fazit: Roland Decorvet hält mit seiner entwicklungspolitischen Position nicht hinterm Berg. Nur: Darf sie auch kritisiert werden? «Ich bin allergisch auf politische Ratschläge aus kirchlichen Kreisen. Dafür hätten wir die Reformation nicht nötig gehabt», so Decorvet auf die Frage, ob sich die Kirchen in die Politik einmischen sollen.


Einspruch. Exakt hier setzt Pierre Bühler an, Professor für Systematische Theologie an der Universität Zürich. Mit einem offenen Brief, ebenfalls in der «Reformierten Presse» publiziert, mischt er sich in die Debatte ein. «Sie rufen zwar zur Toleranz gegenüber Industriellen auf, zeigen selbst aber wenig Toleranz für Ihre Kritiker», hält Bühler Decorvet vor: «Sie tun sie einfach ab als eine ‹kleine Gruppe von Kirchenleuten, die politisch extrem links sind und viel Lärm machen›. Sie werfen ihnen vor, dass sie gegenüber Nestlé in Vorurteilen stecken bleiben. Ihre Beschreibung dieser Kritiker ist aber auch reines, arrogantes Vorurteil!»
Natürlich dürfe Decorvet als Generaldirektor sein Unternehmen verteidigen. Aber Nestlé gleich als «die beste Entwicklungsorganisation, die es gibt», zu bezeichnen, sei «eine Provokation». Und die Ansicht, Heks und Nestlé verträten gleiche Werte, «eine unglaubliche Vereinfachung»: «Ist Ihr Einsatz beim Heks so zu verstehen, dass Nestlé nun als ‹die beste Entwicklungsorganisation› für das Heks zum strategischen Vorbild werden soll?»
Der Vergleich von Trinkwasser mit Wein unterschiedlicher Qualität klinge in seinen Ohren «angesichts der Situation in der Südhemisphäre wie blanker Hohn», so Theologieprofessor Pierre Bühler. Und er möchte vom Nestlé-Chef gerne wissen: «Gibt es nicht doch ein paar Probleme, die Sie zu schnell vom Tisch wischen?» Samuel Geiser

Heks-Nestlé: Debatte im Berner Kirchenparlament
Hat Nestlé-Chef Roland Decorvet Platz im Stiftungsrat des Hilfswerks der Evangelischen Kirchen (Heks)? Und wie soll über diese Streitfrage in der Kirche öffentlich diskutiert werden? Das Thema wird nun erstmals auch ein kantonales Kirchenparlament beschäftigen. Für die Wintersynode der reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn haben drei Synodale eine entsprechende Interpellation eingereicht. Sie wollen unter anderem wissen, ob und wie sich die Berner Kirchenregierung für den von Nestlé bespitzelten brasilianischen Wasseraktivisten «und langjährigen kirchlichen Partner» Franklin Frederik einzusetzen gedenke.

«Reformiert.» 28.11.2008