Barack Obama räumte mit seinem historischen Sieg die Rassenschranken beiseite. Aber nicht nur seine Hautfarbe stand anfangs seinen präsidialen Ambitionen im Weg, sondern auch seine religiöse Biografie. Als Sohn eines muslimisch-atheistischen Vaters und einer humanistischen Mutter, bei der die Bibel neben dem Koran oder der Bhagavad-Gita im Bücherregal stand, brachte er einen ungewöhnlichen Hintergrund für einen Präsidenten in einem stark religiös und vor allem christlich geprägten Land mit.
Sozialer Ausgleich. Zeigt also Obamas Wahl, dass Religion als einer der wichtigsten Faktoren im Wettlauf ums Präsidentenamt ausser Kraft gesetzt wurde? Antonius Liedhegener, ein auf die USA spezialisierter Politikwissenschaftler der Universität Luzern, warnt vor Fehlschlüssen: «Die Regel des Bush-Beraters Karl Rove, dass der evangelikale Block ein nicht zu übergehendes Wählersegment ist, gilt auch heute noch.»
Eines sei aber neu: Der harte Kern von 20 Prozent Evangelikalen ist heute nicht mehr so eng zusammengeschweisst wie früher. Politik dient den evangelikalen Gruppierungen nicht mehr ausschliesslich als Mittel, um Abtreibung oder Homo-Ehe zu verbieten, sondern viele protestantische Bibeltreue haben die Nächstenliebe entdeckt. «Entwicklungshilfe und sozialer Ausgleich in den USA stehen bei den jüngeren Evangelikalen mit einem stärkeren sozialen Touch weit mehr auf der politischen Agenda», kommentiert der Politologe des jüngst gegründeten Zentrums für Religion, Wirtschaft und Politik den neuen Trend.
Werben um Evangelikale. Mit der Neuausrichtung der jungen Evangelikalen ist die «aussergewöhnliche evangelikale Liebesaffäre», wie die «New York Times» einmal das Verhältnis der Bibeltreuen zu Bush beschrieb, zu Ende gegangen. Obama ist im Wahlkampf ganz bewusst auf diese Wählergruppe zugegangen. Beispielsweise als er sich im August dem von vielen Fernsehstationen übertragenen Interview mit dem evangelikalen Prediger Rick Warren gestellt und dort auch überzeugend seine religiös-christliche Bekehrung als junger Sozialarbeiter in Chicago geschildert hatte.
Katholiken für Obama. Für noch wahlentscheidender hält aber Liedhegener, dass es Obama gelungen ist, die Katholiken – immerhin fast ein Viertel der US-amerikanischen Bevölkerung – wieder ins demokratische Lager zu bringen. Während der letzte demokratische Präsidentschaftsbewerber und liberale Katholik John Kerry nur 47 Prozent der katholischen Stimmen auf sich vereinte, schätzt die «Washington Post», dass es dieses Mal 54 Prozent waren.
Idealkompromiss. Für Liedhegener ist hier vor allem die geschickte Position von Obama in der Abtreibungsfrage mitentscheidend. Den erbitterten Appellen vieler amerikanischer Bischöfe, die die Abtreibungsfrage zur Richtschnur in der Wahlkabine machten, setzte Obama sein Argument entgegen: Jeder Schwangerschaftsabbruch sei eine Tragödie. Aber man verhindere Abtreibungen besser mit sozialpolitischen Massnahmen als mit dem Strafgesetzbuch. Obamas Kurswechsel, mit dem er nicht auf die alleinige Entscheidungsfreiheit der Frau zu pochen versuchte, hat sich für ihn ausgezahlt. Für Liberale wie für Katholiken verkörpert er den gesellschaftlichen Idealkompromiss. Delf Bucher
KOMMENTAR
Nicht messianisch, aber heilsam
In den USA feierten Millionen die Wahl des neuen Präsidenten Barack Obama wie die Ankunft des Messias. Und die enthusiastische Begeisterung ist auch in der Schweiz angekommen. Eine gute Freundin erzählte mir, dass sie bei der Dankesrede des neuen schwarzen Präsidenten Gänsehaut bekommen habe. Der «Blick» wiederum fragte stellvertretend für viele nach der Wahl: «Barack Obama soll die Welt retten. Schafft er das?»
Guter
Hirte. Mitten in einer weltumspannenden Krise wallt ein Gefühlsausbruch
auf, der zeigt: Selbst im säkularen Europa ist das Sehnen nach einer
spirituellen Führungsfigur nicht erloschen. Der Traum vom guten Hirten,
vom Messias, schlummert auch bei uns in vielen Menschen.
Dialog. Natürlich wurde Obama schon im Vorwahlkampf gegen Hillary Clinton
vorgehalten: Seine Heilsbotschaft des Wandels klinge inhaltsleer.
Tatsächlich legt sich Obama selten programmatisch fest. Dahinter
verbirgt sich ein Teil der Biografie des weiss-schwarzen Präsidenten:
Er kennt die Ängste seiner weissen Grossmutter vor Schwarzen und ebenso
die soziale Unterdrückung der Afroamerikaner. So wollte er weder der
Kandidat der Schwarzen noch der Weissen sein.
Dieses
Zwischen-Stuhl-und-Bank-Sitzen ist ihm nützlich. Denn Obama hört nach
allen Seiten genau hin. Er hört den Evangelikalen wie den Feministinnen
zu, wenn es um die Abtreibungsfrage geht. Er hört der Autolobby wie den
Umweltschützern zu. Er bildet aus der Schnittmenge der Meinungen den
idealen Gesamtkompromiss. – Kompromiss klingt nicht messianisch. Aber
nach der polarisierenden Ära Bush ist Dialog statt Konfrontation
heilsam. Delf Bucher





