Erstellt: 27.07.2012 08:32:59
«Die Landwirtschaft funktioniert nicht als Marktwirtschaft»
Agrarpolitik/ Der Druck auf die Bauern wächst, die Produktepreise entsprechen immer weniger dem tatsächlichen Wert der Produkte: Das sagt die reformierte Arbeitsgemeinschaft Kirche und Landwirtschaft. Sie fordert einen höheren Milchpreis. Und weniger Marktwirtschaft.

Das alte Bauernhaus, das Stöckli, das grosse neue Ökonomiegebäude mit Freilaufstall, die lichte Schweinestallung: Von Landwirtschaftskrise ist wenig auszumachen beim Blick auf die gut unterhaltene Gebäudegruppe und den gepflegten Hofplatz von Martin und Erika Meier-Messerli in Noflen, auf dem südlichen Ausläufer des Belpbergs. Und doch: Der 52-jährige Martin Meier, Bauer in siebter Generation, spürt auf seinem Hof mit den dreissig Kühen «die Auswirkungen des liberalisierten Milchmarkts, wo jeder machen kann, was er will, wo Überproduktion herrscht und der Milchpreis zerfällt». Konkret: Für seine Milch, die zu Emmentaler Käse verarbeitet wird, erhält er im Durchschnitt 64 Rappen pro Kilo. Auch bei Anrechnung der Direktzahlungen genüge dies nicht, so Meier: «Vierzehn Rappen pro Kilo mehr wären nötig, um die Vollkostenrechnung wieder ins Gleichgewicht zu bringen.»

Weniger Markt. Auf den Hof von Meiers hat die Srakla, die schweizerische reformierte Arbeitsgemeinschaft Kirche und Landwirtschaft, zur Medienorientierung geladen. «Seit der Aufhebung der Kontingentierung im Jahr 2009 herrscht Unsicherheit und Ungerechtigkeit: Der Kilopreis der Milch schwankt zwischen fünfzig und achtzig Rappen», sagt Srakla-Präsident Ernst Beyeler, Landwirt und Bezirksrichter in Oberflachs AG. Die Srakla fordert deshalb den Bund auf, die Milchproduktion wieder zu regulieren, um die Überproduktion einzudämmen. Das Rezept «mehr Markt» begünstige bloss den Agrarhandel, die fünf grossen Milchverarbeiter und den Detailhandel – «aber nicht die 25 000 Milchbauern», so Beyeler.

Weniger Schnäppchen.
«Landwirtschaft ist Umgang mit den Lebensgrundlagen, auch mit dem begrenzten Gut Boden», sagt Srakla-Geschäftsführer Lukas Schwyn, Pfarrer in Signau: «Landwirtschaft funktioniert nicht als Marktwirtschaft: Sie muss gesellschaftspolitisch gesteuert werden.» An die Konsumenten appelliert er, «die Schnäppchenjagd nach dem günstigsten Nahrungsmittel» zu überdenken. Mit mehr Agrar-Freihandel werde die Lebensmittelproduktion undurchsichtiger, lokale Sorten gingen verloren, die Versorgungssicherheit nehme ab. «All dies kann nicht im Interesse der Konsumenten sein.» Samuel Geiser

Allianz für Agri-Kultur

Srakla. Gegründet wurde sie 1994 als Allianz von Bäuerinnen, Bauern und Pfarrpersonen: die schweizerische reformierte Arbeitsgemeinschaft Kirche und Landwirtschaft (Srakla). Sie setzt sich für Familienbetriebe ein und ist Mitträgerin des «Bäuerlichen Sorgentelefons»: Tel. 041 820 02 15.
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