| Erstellt: 28.09.2012 06:42:55 | |
Der zweite Villmergerkrieg von 1712, in dem sich Katholiken und Reformierte bekämpften, war der letzte Glaubenskrieg in der Schweiz. Er endete mit dem Sieg der Reformierten. Am 11. August 1712 schlossen die beiden Parteien in Aarau den Vierten Landfrieden, mit dem sie die Religionsfreiheit propagierten. Die Chefredaktorin von «reformiert.» Aargau nahm das Jubiläum zum Anlass für einen Chat mit ihrer Kollegin vom katholischen Pfarrblatt «Horizonte».
Annegret Ruoff: Das ging ja ziemlich heftig zu und her damals, am 25. Juli 1712, bei Villmergen: 3000 tote Katholiken, 1000 Tote auf reformierter Seite. Ein hoher Preis für den Religionsfrieden. Meinst du, da gings wirklich um den Glauben?
Carmen Frei: Ach komm, der Glaube war doch bloss Zündstoff.
Ruoff: Woran könnte sich denn heute ein Religionskrieg zwischen dir und mir entzünden?
Frei: Für uns zwei habe ich ein friedliches Gefühl. Aber ich spüre auf römisch-katholischer wie auf reformierter Seite eine Tendenz zum Extrem. Menschen schliessen sich in ihrem Glauben wieder mehr ein, als dass sie aufeinander zugehen. Und je enger es wird, desto gefährlicher.
Ruoff: Der Schweizer Glaubenskrieg der Zukunft findet also nicht mehr zwischen Katholiken und Reformierten statt, sondern wird von extremen religiösen Gruppierungen provoziert?
Frei: Ja. So wie ich es erlebe, steckt in extremen Glaubenshaltungen viel negative Energie. Die würde im Notfall wohl genügen, um die grosse Masse in Gang zu bringen.
Ruoff: Denkst du an lautstarke Demos oder gar an Prügeleien?
Frei: Ich kann mir gut vorstellen, dass es zu Beleidigungen und Handgreiflichkeiten kommen könnte. Spannend finde ich in diesem Zusammenhang, dass es immer erst Kriege braucht, damit Friedensverhandlungen überhaupt geführt werden. Ich plädiere deshalb für einen frühzeitigen, steten, ernsthaften, tief greifenden reformiert-katholischen Handel.
Ruoff: Das unterstütze ich. Doch da, wo es spannend wird, weicht man dem Dialog oft aus. Ich möchte zum Beispiel gerne wissen, wie es sich mit einem Papst so lebt, ob man sich als Katholikin in diesem männerfördernden Regime wohl fühlt, ob man beim «Abendmahl» wirklich an richtiges Blut denkt und so.
Frei: Ehrlich gesagt, ist für mich der Papst sehr weit weg. Den Umgang der römisch-katholischen Kirche mit den Frauen erachte ich ganz klar als grobe Verletzung der Menschenrechte. Ich merke aber, dass die Frauen bereit sind, Widerstand zu bieten. Ich bin sicher, dass ich die Zeit der Priesterinnen in unserer Kirche noch erleben werde. Was das «Abendmahl» angeht, fühle ich mich nicht als Vampir, der echtes Blut trinkt. Als Vegetarierin esse ich auch nicht vom Leib Christi. Für mich ist das Ganze eine bildhafte Übersetzung der bedingungslosen Hingabe von Jesus Christus.
Ruoff: Auf reformierter Seite finde ich grad nicht so viele Brennpunkte. Denkst du, genau das ist unser Problem? Dieses unprofilierte «Anything goes»?
Frei: Offensichtlich fühlen sich viele Reformierte orientierungslos und vermissen in ihrer Kirche das Profil. Anders kann ich es mir nicht erklären, weshalb Reformierte aus der Kirche austreten, weil sie Mühe haben mit dem Papst. Allerdings bieten im Multikulti-Aargau weder die Reformierten noch die Katholiken klare Leitplanken.
Ruoff: Ich habe eh den Eindruck, in unserer Alltagsspiritualität liegen wir beide gar nicht so weit auseinander. Siehst du mir eigentlich an, dass ich reformiert bin?
Frei: Wenn ich ehrlich sein darf, wirkst du mit deinen Engelslocken auf mich eher barock-katholisch. Da sehe ich mit meinem blonden Schwedenlook viel reformierter aus! Doch im Ernst: Im Alltag sollte Religiöses wieder deutlicher erfahren und diskutiert werden. Ich liebe Skiliftdebatten mit wildfremden Menschen, wenn sie erfahren, was ich beruflich mache. – Isst du am Freitag eigentlich jeweils Fleisch zum Zmittag?
Ruoff: Nein, Fisch. Gehts ums Essen, bin ich gerne bereit zu konvertieren.
Chat: Carmen Frei und Annegret Ruoff











