Gut einsehbar: Das neue Babyfenster im Spital Davos befindet sich gleich neben dem Haupteingang (Bild: Rita Gianelli)
Gut einsehbar: Das neue Babyfenster im Spital Davos befindet sich gleich neben dem Haupteingang (Bild: Rita Gianelli)
Erstellt: 28.09.2012 06:57:17
Mütter, die keine sein können
Findelkinder/ Die Schweizerische Hilfe für Mutter und Kind will schweizweit Babyfenster einrichten. Nach Einsiedeln gibt es nun ein zweites in Graubünden. Die Einrichtungen sind umstritten.

«Und sie nahm für ihn einen Korb aus Papyrus und verklebte ihn mit Asphalt und Pech. Und sie legte das Kind hinein (…) ins Schilf am Ufer des Nil.» Die Erzählung der Aussetzung Moses im Alten Testament ist eine Parabel. Nicht so das Thema Kindesaussetzungen. «In allen Kulturen gab es und gibt es das», sagt Christina Tuor-Kurth, Leiterin des Instituts für Ethik und Theologie beim Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund (SEK) und Verfasserin einer Habilitationsschrift zum Thema Kindesaussetzung und Moral in der Antike. Früher sei die Aussetzung praktisch die einzige Möglichkeit gewesen, sich ungewollter Kinder zu entledigen. Hauptgründe waren Armut, Unehelichkeit oder Kindesanomalien. Dennoch: Von einem verbreiteten, geschweige denn tolerierten, Phänomen in der Antike könne nicht die Rede sein, sagt Tuor: «Diese Frauen waren Geächtete.»

Abtreibung. Das hat sich erst seit dem 19. Jahrhundert gewandelt. Heute darf eine Frau ein Kind bis zur zwölften Schwangerschaftswoche legal abtreiben. Gemäss Bundesamt für Statistik finden in der Schweiz jährlich über 10 000 Abtreibungen statt. Weltweit sind es gemäss Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) jährlich 40 Millionen. Trotzdem werden auch heute noch Neugeborene ausgesetzt, auf dem Müll deponiert, in der Toilette zurückgelassen. Dominik Müggler, Präsident der Stiftung Schweizerische Hilfe für Mutter und Kind (SHMK), eröffnete deshalb zusammen mit dem Spital Einsiedeln im 2001 das erste Babyfenster der Schweiz. Sieben Kinder sind seither dort abgelegt worden. «Das ist erfreulich», sagt Müggler, «für diese Babys war das ein sicherer Hort.»
Nun will er in der Schweiz weitere sechs Babyfenster einrichten. Das zweite ist neu im Spital Davos in Betrieb genommen worden; direkt neben dem Haupteingang. Bewusst habe man diesen gut frequentierten Ort gewählt, sagt Spitaldirektor Markus Hehli. «Wir stehen dazu». Ein Jahr lang hat die Mutter die Möglichkeit, das Kind zurückzunehmen. Während dieser Zeit ist es bei Pflegeeltern untergebracht, danach wird es zur Adoption freigegeben. Einmal, so Müggler, habe eine Mutter ihr Kind zurückgeholt.

Geburt. Warum gerade Davos? Für Müggler ist weniger der Ort als vielmehr die Grundhaltung eines Spitals ausschlaggebend. In Davos werden keine Abtreibungen durchgeführt, ebenso wie in Einsiedeln. Die Entscheidung dazu wird von beiden verantwortlichen Ärzten getragen. «Beide sind Christen», so die Spitalleitung in Davos. Es mache keinen Sinn, so Müggler, eine solche Einrichtung etwa in einer Universitätsklinik zu betreiben, wo täglich Abtreibungen stattfinden.
Marlene Hofstetter, Leiterin Adoptionsdienst Terres des hommes Lausanne, steht Babyfenstern skeptisch gegenüber. Es sei fraglich, ob es in der Schweiz Bedarf für solche Einrichtungen gebe. Der Staat kümmere sich gut um Schwangere, auch in Not geratene. Mütter, die ihre Kinder kurz nach der Geburt töten, litten unter starken psychischen Störungen und wären gar nicht in der Lage, Hilfsangebote wie ein Babyfenster anzunehmen. «Der Beweis, dass Babyfenster Leben retten, ist nicht erbracht», sagt Hofstetter, «die Zahl der Kindstötungen nicht zurückgegangen.»
Ob die Schweiz ein flächendeckendes Angebot an Babyfenstern braucht, fragt sich auch Christina Tuor-Kurth. Vielmehr müsse man alles daran setzen, Kindesaussetzung zu verhindern. Dazu gehöre etwa die anonyme Geburt, wie sie in Nachbarländern möglich ist: Frauen gebären ihr Kind im Spital, ohne dass sie ihre Personalien angeben müssen. Gute Erfahrungen macht man damit in Deutschland mit sogenannten Moses-Projekten. Sie sorgen dafür, dass Betroffene anonym untergebracht und beraten werden. Ziel ist, Frauen schon in der Schwangerschaft zu erreichen. Je geschützter sich betroffene Frauen fühlen, desto eher können sie die Anonymität aufgeben. Rita Gianelli

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