| Erstellt: 29.06.2012 | |
«Wo ist meine Schwester? Wissen Sie nicht, ob sie noch lebt?» Die junge Frau ist aufgeregt. Immer wieder fragt sie die Betreuerin vom Care Team, die in einer blauen Weste vor ihr sitzt, nach dem Verbleib ihrer Schwester, die bei einer Explosion vermutlich verletzt worden ist. «Wir wissen noch nichts», antwortet die Frau vom Care Team ruhig. «In einer halben Stunde erhalten wir die nächsten Informationen von der Notfallstation.»
Herausforderung. Das Gespräch klingt ganz realistisch, obwohl es sich bei der Frau um eine Schauspielerin und bei der Explosion «nur» um eine gross angelegte Katastrophenübung handelt, welche die Sanitätspolizei Bern und das Inselspital vor der offiziellen Inbetriebnahme des neuen Intensiv-, Notfall- und Operationszentrums (INO) durchführen. Das Katastrophenszenario der Übung: Bei der Explosion eines Wohn- und Industriegebäudes in Bern werden sechzig Personen zum Teil schwer verletzt. Sie müssen ins Inselspital gebracht und dort medizinisch versorgt werden. Zudem kommen vierzig Angehörige von sich aus ins Inselspital, um sich nach den Verunglückten zu erkundigen.
Es ist die Feuerprobe für das neu geschaffene «Care Team Kataplan» des Spitals (vgl. Kasten unten): vierzig Menschen, die angehört, betreut und informiert werden wollen. «Eine menschliche, psychologische und logistische Herausforderung, die geübt sein will», erklärt Pascal Mösli, reformierter Co-Leiter der Spitalseelsorge am Inselspital. Die Aufgabe des Care Teams besteht darin, den wartenden Angehörigen beizustehen, notfallpsychologische Erste Hilfe zu leisten und Informationen weiterzugeben.
Schulung. Das «Care Team Kataplan» umfasst rund dreissig Personen verschiedener Berufe, die alle im Inselspital arbeiten, sowie zwölf Freiwillige. Sie wurden für ihre Aufgabe geschult und können rasch aufgeboten werden. Die in einem Spital schweizweit einzigartige interdisziplinäre Care-Organisation für den Katastrophenfall wurde 2011 aufgebaut. Sie wird von der Seelsorge geleitet, die während des normalen Betriebs die Rolle eines internen Care Teams innehat. Dies sei eine gute Gelegenheit, sich im Spital noch mehr zu vernetzen, sagt Mösli. Die Seelsorge werde als kompetente Partnerin wahrgenommen, betont er.
Psychologie. Im Fall einer Katastrophe sind die reformierten und katholischen Seelsorger in erster Linie Notfallpsychologinnen und -psychologen; dazu haben sie sich kürzlich als Team auch ausbilden lassen. Religiöse Aspekte kämen im Katastrophenfall erst an zweiter Stelle, erklärt Mösli. Etwa dann, wenn ein Angehöriger von sich aus darauf hinweist, dass Religion für ihn wichtig sei. «Es gibt einfache Rituale, die auch in einer Notsituation angewendet werden und stärkend wirken können», so Mösli.
Doch in der Übung gehts vorderhand um ganz andere Dinge: Da müssen eine arabische Übersetzung organisiert, eine schreiende Frau beruhigt, einem nervösen Mann die Abläufe im Spital erklärt und der Krug mit Trinkwasser aufgefüllt werden. Sabine Schüpbach Ziegler
|
Care Team im Spital |










