Wer kontrolliert hier wen? Die Engel den Bären – oder umgekehrt? Wandmalerei im Würzbrunnenkirchlein bei Röthenbach (Bild: Hans Kern)
Wer kontrolliert hier wen? Die Engel den Bären – oder umgekehrt? Wandmalerei im Würzbrunnenkirchlein bei Röthenbach (Bild: Hans Kern)
Erstellt: 29.06.2012
«Das Berner Modell ist geradezu genial»
Kirche–Staat/ Keine Steuergelder mehr für Pfarrlöhne? Im Kanton Bern muss der Grosse Rat demnächst entscheiden. Gret Haller warnt – aus politischen Gründen.

Frau Haller, der Regierungsrat lehnt die Motion von Adrian Wüthrich zwar ab. Aber entscheiden muss im Herbst das Kantonsparlament, ob die Bezahlung der Pfarrlöhne durch den Kanton überprüft werden soll. Was halten Sie von dieser Idee?
Ich wundere mich, dass man so tut, als wäre ein derartiger Systemwechsel praktisch nur ein verwaltungstechnischer Akt. Dabei geht es hier um eine hochpolitische Frage: um die Einbindung der Kirche in die Staatlichkeit. Der Kanton Bern hat dies geradezu genial gelöst. Es wäre nicht gut, hier zurückzubuchstabieren.

Warum?
Eine Staatskirche ist ein Bollwerk gegen gefährlich werdende Religionen.

Inwiefern sind Religionen gefährlich?
Religionen basieren auf absoluten Wahrheiten, die nicht diskutierbar sind. Die Demokratie ist jedoch eine Staatsform, in der absolute Wahrheiten keinen Platz haben: Hier muss man sich immer wieder neu einigen. Der Staat sichert via Religionsfreiheit Räume, in denen die Menschen ihre absoluten Wahrheiten suchen können – gleichzeitig dürfen diese absoluten Wahrheiten nicht zurückschwappen ins Staatswesen. Sie würden die Demokratie zerstören.

Und warum plädieren Sie nicht für eine klare Trennung von Kirche und Staat?
Die Trennung von Kirche und Staat ist kein Allheilmittel. Das sieht man gut am Beispiel von Frankreich und den USA: Beide kennen eine strikte Trennung – aber mit ganz unterschiedlicher Zielsetzung. In Frankreich hat die Revolution 1798 den Klerus entmachtet, die Trennung soll seither dafür sorgen, die Religion aus der Politik herauszuhalten. In den USA will die Trennung genau das Umgekehrte: Der Staat soll daran gehindert werden, die Religion zu domestizieren – sie soll ungehindert in die Politik einfliessen.

Hat der Staat religionspolitische Aufgaben?
Nein. Er muss für Religionsfrieden sorgen und den Kirchen einen Rahmen geben.

Und haben die Kirchen umgekehrt staatspolitische Verpflichtungen?
Nur jene, sich einbinden zu lassen. Natürlich können und sollen sich Kirchen staatspolitisch einmischen – zum Beispiel in der Sozialpolitik –, aber nicht anstelle des Staates, sondern so wie andere Gruppierungen. Ein gutes Beispiel hiefür war das kirchliche Engagement gegen die Initiative zum Schutz der Sonntage.

Kirchen sind in der Schweiz öffentlich-rechtlich organisiert. Aber nur im Kanton Bern werden Pfarrpersonen der Landeskirchen noch aus dem allgemeinen Staatshaushalt bezahlt. Ist das unabdingbar für die in Ihren Augen «geniale Lösung» im Kanton Bern?
Ich stelle einfach fest, dass der Staat Bern mit seiner Kirche eine lange und gute Geschichte hat. Bei Veränderungen stellt sich die Frage: Stärken oder schwächen sie das Staatskirchentum? Ich bin gegen alles, was das Staatskirchentum schwächen könnte. Je mehr Staatlichkeit in der Kirche, desto wohler ist mir. Das bernische System ist – gesamtschweizerisch und auch europäisch! – beispielhaft und zukunftsweisend.

Warum?
Hier bezahlt der Staat nicht nur die reformierten Pfarrerinnen und die katholischen Priester, sondern er leistet sogar einen Beitrag ans Rabbineramt. Das hat Entwicklungspotenzial – zum Beispiel auch im Hinblick auf neue Religionsgemeinschaften

… sofern sie sich dieser Staatlichkeit ebenfalls unterordnen?
Genau. Und das wäre auch ganz im Sinne des Westfälischen Friedens von 1648: Damals wurde beschlossen, dass die Kirchen in die Staatlichkeit eingebunden werden. Jene Sekten, die das nicht akzeptieren wollten, wanderten unter anderem nach Amerika aus. Zur Einbindung der Kirchen in die Staatlichkeit sollten wir in Europa Sorge tragen. Interview: Rita Jost

Gret Haller,

geboren 1947, ist Juristin, Politikerin und Buchautorin. Von 2006 bis 2011 arbeitete sie an der Universität Frankfurt a. M. als Rechtsphilosophin. Zuvor war sie Gemeinderätin der Stadt Bern (SP) und Nationalrätin. Im August erscheint ihr neustes Buch zur Menschenrechtsdebatte («Menschenrechte ohne Demokratie?», Aufbau-Verlag). Nachdem sie mit 27 Jahren aus der reformierten Kirche ausgetreten war, trat sie 2004 wieder ein: «weil die Berner Kirche in ihrem Verhältnis zum Staat, dem sie sich unterordnet, grund-europäisch ist».



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