Altersweise und altersradikal: Judith Giovanelli-Blocher wird achtzig Jahre alt (Bild: Alexander Egger)
Altersweise und altersradikal: Judith Giovanelli-Blocher wird achtzig Jahre alt (Bild: Alexander Egger)
Erstellt: 29.06.2012
«Yoga ist zwar gut – aber es geht nicht ohne Kirche»
Lebensgeschichte/ Im Buch «Der rote Faden» schreibt Judith Giovannelli-Blocher, 80, über ihre Kindheit im Pfarrhaus, Spaltungen in der Familie Blocher – und den «drohenden Verlust der Religion».

Frau Giovannelli, Sie schreiben in Ihrem neuen Buch: «Über eine Lebenserzählung zu verfügen, tut gut, befreit.» – Was ist so befreiend daran?
Ich habe dieses Buch bewusst aus der Perspektive des Abschlusses meines Lebens geschrieben. Das hat etwas Befreiendes. Während des Schreibens realisierte ich, dass der Reichtum meines Lebens die Fülle der guten Wirkung ist, die andere Menschen auf mich ausgeübt haben. Das hat etwas Versöhnendes.

Sie berichten aber auch freimütig über Leidvolles: über den Druck, der auf Ihnen als ältester Tochter einer dreizehnköpfigen Pfarrhausfamilie lastete, über einsame Zeiten als Ledige, über Ihre Psychotherapie.
Aber ohne Klage, obschon es ja Stoff dazu hätte in meinem Leben. Beim Schreiben kam die Einsicht, dass es nicht mehr darauf ankommt, mich zu rechtfertigen. Dass ich dies jetzt hinter mir habe.

Über Ihre Kindheit im Pfarrhaus Laufen ZH liest man: «Mit überzüchteten Gewissen und überforderten Gehirnen brühten wir im Dampfkochtopf der Familie.» Wie war das?
Es gab bei uns zu Hause einen Hang zur Selbstverurteilung und Selbstbestrafung, eine Folge des untergründigen Stroms pietistischer Frömmigkeit in der Familie. Mit dem Kopf war mein Vater zwar ein freiheitlich denkender Mensch, er hatte aber eine sehr prägende pietistische Mutter. Herkunft wurzelt eben tief.

Später, als Sozialarbeiterin, als Feministin, emanzipierten Sie sich von einem einengenden Christentum. Wenn Sie aber vom «roten Faden» in Ihrem Leben sprechen, greifen Sie zur Bibel: Lässt sie Sie nicht los?
Ich kann es eben nicht besser sagen als mit 1. Korinther, 13: «Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die Grösste unter ihnen.» Hier liegt der Kern meiner Religiosität: Der Mensch soll sich dem Anderen zugehörig fühlen, auch dem Fremden. Meiner Mutter vor allem bin ich dankbar, dass sie mir dies vermittelt hat. Mit diesem Lebenskompass bin ich aber auch angeeckt – in unserer so aufgeklärten Welt.

Bei wem eckten Sie an?
Bei Kollegen. Als Dozentin an der Schule für Soziale Arbeit war ich für viele eine zwar anregende, aber veraltete, «unwissenschaftliche» Sozialtante. «Soll ich meines Bruders Hüter sein?»: Kains zynische Frage an Gott war für mich eben auch eine Frage an uns Sozialarbeitende, die Klienten oft lieber weiterdelegierten, als ihnen direkt zu helfen. Und wie Kain argumentieren ja viele Menschen heute: Politiker, Militärs und Banker, die ohne schlechtes Gewissen jegliche Verantwortung von sich weisen.

Sie schreiben, der Verlust der Religion sei ein «unermesslicher Schaden». Inwiefern?
Warum sorgt eine Mutter aufopfernd für ihre manchmal unmöglichen Kinder? Warum verlässt ein Mann seine schwerkranke Frau nicht? Warum wehrt man sich für Kinder mit Downsyndrom? Für mich hat das mit der religiösen Grundierung zu tun. Stirbt diese ab, droht der endgültige Materialismus. Individualismus allein – der Spruch: «Es muss zuerst für mich stimmen» – trägt nicht.

Sie sind seit über dreissig Jahren mit einem erklärten Atheisten verheiratet. Geht das?
Das geht sehr gut, weil er und ich in dieser Frage nicht nachgeben (lacht). Und natürlich wissen ich und er, dass es das Häufchen gläubiger Christen und überzeugter Marxisten war, das in der schlimmen Zeit des Faschismus den Bettel nicht hinwarf, sondern weiterkämpfte.

Religion boomt, Kirche nicht. Plagt Sie das?
Es macht mich enorm traurig, dass wir die Sammelpunkte des Christentums verlieren. Früher sagte ich wie viele: Bibel, Religion, Spiritualität sind wichtig, Kirche nicht. Heute denke ich da ganz anders: Yoga ist zwar gut, Bäume umarmen auch – aber es geht nicht ohne Kirche, weil ein Mensch für sich alleine nicht religiös sein kann.

Und doch haben Sie kürzlich erklärt, auch Sie gingen nicht mehr zur Kirche. Warum?
Komme ich heute in eine Kirche, habe ich das Gefühl, ich würde einen toten Raum betreten: Ich spüre keine Gemeinschaft mehr. Mal ganz polemisch gesprochen: Ich halts in einer hyperkorrekten Mittelstandskirche nicht aus, wo Leute einfach ihre Wohlanständigkeit demonstrieren.

Wie müsste Kirche sein, damit Sie wieder hingingen?
Man müsste trauern und klagen dürfen, dass wir die Sehnsucht nach einer solidarischen Gesellschaft aufgegeben haben. Alle müssten ihre Sorgen – von Arbeitslosigkeit über Ausgrenzung bis Altersbresten – in die Gemeinschaft tragen dürfen. Wir Christen haben ja nichts ausser uns und unseren Geschichten.

Auch Ihre Familie ist eine unfertige, gespaltene Gemeinschaft: Leiden Sie darunter?
Ich hänge an all meinen Geschwistern, vielleicht, weil ich die älteste Schwester bin. Ist es gut oder feige, dass ich auch meinen Bruder Christoph nicht fallen lasse, mit dem ich politisch kaum etwas gemein habe? Ich weiss es nicht. Ich weiss nur, dass wir alle letztlich aus dem selben Holz sind: Wo immer die Blochers stehen, sie sind keine schweigsamen Passivmitglieder. Interview: Samuel Geiser

«Der rote Faden»

Die Bieler Schriftstellerin Judith Giovannelli-Blocher feierte am 17. Juni ihren 80. Geburtstag. In ihrem neuen Buch «Der rote Faden» blickt sie zurück auf ihre Herkunftsfamilie, die Zeit als Sozialarbeiterin – und auf die Emanzipation als Frau und «als Nicht-Akademikerin unter Akademikern». Ihre eindrückliche Autobiografie spiegelt ein Stück Schweizer Gesellschafts- und Frauengeschichte.

Judith Giovannelli- Blocher: Der rote Faden. Verlag Nagel & Kimche, Zürich 2012, Fr. 27.90

 

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