| Erstellt: 29.06.2012 | |
Pfarrer, Schriftsteller, Philosoph, Physiognomiker – Johann Caspar Lavater (1741–1801) war ein vielseitig tätiger Mensch. Und er faszinierte: Wenn er predigte, platzte die Kirche St. Peter oft aus allen Nähten. Lavaters rhetorische Brillanz übte eine derartige magnetische Wirkung aus, dass 1779 Zürich öffentlich alle auswärtigen Gottesdienstbesucher bat, sie sollten doch die Predigt in ihrer eigenen Kirchgemeinde besuchen.
Unermüdlich. Für seine Kirchgemeinde St. Peter war Lavater unermüdlich im Einsatz als feinsinniger Seelsorger, der sich um seine «Schäfchen» kümmerte. Enorm fleissig war er auch als Autor. Er verfasste eine Vielzahl von Büchern, etwa die «Aussichten in die Ewigkeit» oder das «Geheime Tagebuch», das allerdings weder geheim noch ein Tagebuch war, sondern exemplarisch den Alltag eines Christen beschrieb. Lavater pflegte auch einen geradezu exzessiven Briefkontakt mit aller Welt, darunter mit bedeutenden Dichtern wie Goethe, Wieland, Klopstock, Herder oder Matthias Claudius. Auf seinem Schreibpult sollen zeitweise bis zu 600 Briefe gelegen haben. Die Zentralbibliothek hat heute über 21 400 Briefe von ihm archiviert.
Seine europaweite Bekanntheit verdankte Lavater zur Hauptsache der «Kunst», aus dem physiologischen Äussern des Körpers, insbesondere des Gesichts, auf die charakterlichen Eigenschaften eines Menschen schliessen zu können. Mit der ihm eigenen Konsequenz verfolgte er diese Thematik. In den vier Bänden seiner «Physiognomischen Fragmente zur Beförderung der Menschenkenntnis und Menschenliebe» gab er Anleitungen zum Erkennen verschiedener Charaktere anhand der Gesichtszüge und Körperformen. Aus ganz Europa wurden ihm in der Folge Schattenrisse zugesandt: Väter wollten wissen, ob ihr Sohn Offizier oder Pfarrer werden sollte, Mütter, ob ihre Töchter zum Stiftsfräulein oder zur Hofdame prädestiniert waren.
Göttlich. Lavaters Absicht war es, das Göttliche im Menschen erfahrbar zu machen, Gottes Handschrift anhand von Gesichtslinien zu entschlüsseln, gemäss dem Bibelwort: «Und Gott schuf den Menschen als sein Bild, als Bild Gottes schuf er ihn, als Mann und Frau schuf er sie» (Gen, 1, 27). Doch mehr und mehr verrannte er sich in der Theorie; es gelang ihm nie, gültige wissenschaftliche Begriffe für die physiognomische Charakteristik zu finden. Die Physiognomik wurde damals lebhaft öffentlich diskutiert, unter anderem von Lichtenberg, Goethe und Alexander von Humboldt. Goethe, der zuerst noch an den «Physiognomischen Fragmenten» mitgearbeitet hatte, ging aber nach sechs Jahren intensiver Freundschaft auf Distanz zu Lavater. Goethes nach geistiger Unabhängigkeit strebender liberaler Weltsinn stand zu sehr im Widerspruch zu Lavaters zunehmender Intoleranz gegenüber Nichtchristen. Immanuel Kant befand 1777 in Königsberg: «Es ist kein Zusammenhang zwischen körperlichen Gestalten und Geistes-Eigenschaften». Pervertiert wurde die Physiognomik, als sie im 19. und 20. Jahrhundert als wissenschaftlicher Unterbau für Rassismus und Eugenik diente, unter anderem Hitlers Nationalsozialisten.
Geniesserisch. Im 18. Jahrhundert war Lavater weit über die Landesgrenzen hinaus ein Idol. Was aber ist Lavaters Bedeutung über seine Zeit hinaus, bis heute? Ueli Greminger, Pfarrer am St. Peter und Autor des Buches «Johann Caspar Lavater – Berühmt, berüchtigt – neu entdeckt» (TVZ, Zürich 2012, Fr. 25.-) umschreibt es so: «Lavater war ein Mann von Zivilcourage, lebenslang ein Stürmer und Dränger, der versuchte, Grenzen zu überschreiten und etwas zu bewirken. Er war von einem ausgesprochenem Gerechtigkeitssinn geprägt und sehr modern in seinem theologischen Denken, in dem er das Individuum ins Zentrum stellte und den christlichen Glauben aus dem Korsett der moralisierenden Frömmigkeit löste.» Gemäss Greminger genoss Lavater in der Öffentlichkeit die Aura eines Popstars. Er verstand es, auf die Leute zu- und auf sie einzugehen. Greminger: «Das Bestehen menschlicher Freundschaft war Lavater Beweis dafür, dass eine höhere, göttliche Macht existiert.»
Und nicht zuletzt war Lavater auch ein Genussmensch. Weniger im Sinn von leiblichen Genüssen als vielmehr im Genuss der Religion: «Das Leben des Menschen besteht im Genusse! Geniessen ist Leben! ... Religion ist ... ein geistiger Genuss unsichtbarer und ewiger Dinge.» Für Lavater stand Gottes Freude an der Schöpfung ausser Zweifel; entsprechend soll sich auch der Mensch freuen. Stefan Schneiter








