Eine Glaubensdemonstration als Ausdruck des gewachsenen Selbstverständnisses der katholischen Gemeinde in der Diaspora: Fronleichnamsprozession durch Winterthur im Jahr 1920 (Bild: Aus dem besprochenen Band)
Eine Glaubensdemonstration als Ausdruck des gewachsenen Selbstverständnisses der katholischen Gemeinde in der Diaspora: Fronleichnamsprozession durch Winterthur im Jahr 1920 (Bild: Aus dem besprochenen Band)
Erstellt: 29.06.2012
Wie ein protestantischer Stadtpräsident den Katholiken Starthilfe leistete
Winterthur/ Mit «Von der Diaspora zur Ökumene» legt der Historiker Peter Niederhäuser ein aufschlussreiches Buch vor. Der Band zum 150. Geburtstag der römisch-katholischen Kirchgemeinde Winterthur zeichnet exemplarisch den Weg der Zürcher Katholiken in die Mitte der Gesellschaft nach.

Lange blieb es eine Existenz im Schatten: 1524 wurde in Winterthur die letzte Messe gelesen. Bis tief ins 19. Jahrhundert hinein mussten die Winterthurer Katholiken ins thurgauische Gachnang zum Gottesdienst pilgern. Noch 1813 schmetterte der kantonale Kleine Rat ein Gesuch ab, der konfessionellen Minderheit die Kapelle St. Georgen in Winterthur zu überlassen – obwohl der Stadtrat und auch der reformierte Kirchenrat den Katholiken entgegenkommen wollten.

Konflikte. Im dritten Anlauf gelang die Gründung einer katholischen Gemeinde. Der Streit um die Auflösung des Klosters Rheinau war inzwischen ausgestanden: Der Zürcher Alfred Escher hatte sich gegen den Winterthurer Johann Jakob Sulzer, der als Protestant vergeblich vor einem rigiden Antikatholizismus warnte, durchgesetzt. Das neue Kirchengesetz erlaubte den Katholiken aber, sich als religiöse Gemeinschaft zu konstituieren.
Am 10. August 1862 wurde in Winterthur der erste katholische Gottesdienst seit der Reformation gefeiert. Die Gemeinde profitierte von der Unterstützung des Stadtrats unter Sulzer, der einen Betsaal zur Verfügung stellte und schon früh die zentral gelegene Parzelle reservierte, wo dann die 1868 eröffnete Kirche St. Peter und Paul gebaut werden konnte.
Die vom Historiker Peter Niederhäuser mit aufschlussreichen Quellen belegte Entstehungsgeschichte der Kirchgemeinde verweist implizit auf die Gegenwart: Rom ist zuweilen weit weg. Selbst das Bistum musste bearbeitet werden, bis es einen Priester nach Winterthur schickte, während der protestantische Stadtrat mit bemerkenswerter Selbstverständlichkeit Starthilfe leistete. Eine politisch aufgeladene Predigt im katholischen Bettagsgottesdienst stiess prompt auf Widerstand: Selbstbewusst geworden, beschwerten sich die Winterthurer beim Generalvikar und forderten einen toleranten Prediger, der den brüchigen Konfessionsfrieden nicht gefährde. Erschwerte einst die eingeschränkte Glaubensfreiheit die Gründung, fehlte nun das Verständnis in den katholischen Stammlanden für die Lage in der Diaspora. Konflikte zwischen Kirche und Kirchgemeinde flammten wiederholt auf.
Eingestreute Portraits wie jenes über den streitbaren Dekan Anton Mächler ergänzen die differenzierte wie kurzweilige Dokumentation. Mächler (1892–1965) verkörperte den anderen, nicht weniger verbreiteten Typus in der Zürcher Diaspora: Er stand für den Rückzug in die Parallelwelt des Katholizismus. Gegen die gefürchtete Dominanz der reformierten Mehrheitskirche setzte er mit einer im Fussballstadion endenden Fronleichnamsprozession ein sichtbares Zeichen.

Nächstenliebe. Sinnigerweise endet das Buch mit dem «italienischen Herzen» – der von Don Alberto geleiteten Pfarrei San Francesco. Der Priester bewahrte trotz Rückschlägen den Mittagstisch für Bedürftige und baute das Angebot sogar aus. Die Rolle der Migranten in der katholischen Kirche und das von christlicher Nächstenliebe getragene Engagement erhalten somit das nötige Gewicht. Und der in seiner Bescheidenheit charismatische Don Alberto ist für Winterthur ja ohnehin ein Glücksfall. Felix Reich

Peter Niederhäuser: Von der Diaspora zur Ökumene. 150 Jahre römisch-katholische Kirchgemeinde Winterthur und Pfarrei Peter und Paul. Chronos 2012, Fr. 28.–