Erstellt: 15.06.2012
Zwei deutsche Wege in der Schweiz
Reformiert oder lutherisch/ Deutsche Pfarrerinnen und Pfarrer prägen die Kirche mit. Ganz selbstverständlich wie Sven Hesse in Wallisellen. Dem Erbe Luthers verpflichtet fühlt sich hingegen eine kleine Gemeinde in Zürich.

Sven Hesse steht im Stau. Am Rückspiegel seines Autos baumelt ein Schalke-Würfel. Der Pfarrer aus dem Ruhrgebiet ist Anhänger des Fussballvereins Schalke 04 und nach einer Weiterbildung in Zürich unterwegs zu seinen Konfirmandinnen und Konfirmanden. Seit knapp drei Jahren arbeitet Hesse in Wallisellen. Sein Schwerpunkt: Jugendarbeit.

«Er ist chillig», sagen die Konfirmandinnen über ihren Pfarrer und meinen damit entspannt, unkompliziert, direkt. Und auch lustig. Obwohl: Manchmal habe der Deutsche einen seltsamen und vor allem sehr schnellen Witz. «Dann lachen wir zur Sicherheit einfach, selbst wenn wir die Pointe nicht verstanden haben.» Der zuweilen schwer verständliche Humor und das hohe Sprechtempo seien aber die einzigen Unterschiede zu Schweizer Pfarrern. Ansonsten seien «die Deutschen ganz normal». Wichtig sei, dass sie Dialekt verstünden.

Ein Stück Heimat. Szenenwechsel: An der Kurvenstrasse in Zürich Unterstrass steht die Martin-Luther-Kirche, ein markantes Bauwerk der Moderne mit Jahrgang 1958. Dialekt zu verstehen, ist für die neun Jugendlichen hier eine Selbstverständlichkeit. Bestimmt eher als für ihre Eltern, die sich von Deutschland in die Schweiz zum Arbeiten aufgemacht haben, ihrem lutherischen Glauben aber treu geblieben sind. Die meisten Konfirmanden wechseln während des Sprechens mühelos von Hochdeutsch in den Schweizer Dialekt.
Trotzdem: Sind sie einmal als Deutsche erkannt, mischt sich in die zwischenmenschlichen Konflikte gerne unterschwellig eine nationale Ablehnung. «Vor allem, wenn, wie jetzt, eine Europameisterschaft im Fussball im Gange ist», sagt Vincent. Und oft sind es kaum mehr zu überbietende Misstöne wie das Totschlagwort «Du Nazi!», die dann fallen.
Solche deplatzierten Vorwürfe bekommen die deutschen Konfirmanden von Gleichaltrigen manches Mal zu hören und ihre Retourkutsche kann fast nur sein: Ihr wackeren Schweizer habt im Zweiten Weltkrieg gegenüber jüdischen Flüchtlingen an der Grenze auch nicht gerade heldenhaft reagiert.
Der Walliseller Pfarrer war schockiert über die Kampagne gegen die deutschen Einwanderer, die kurz nach seiner Ankunft 2011 die Diskussion um die Personenfreizügigkeit prägte. Aber weniger aus einer persönlichen Betroffenheit heraus als aus genereller Sorge um die Stimmung gegenüber Ausländern. «Die Plakate mit den schwarzen Stiefeln weckten ungute Erinnerungen – gerade bei mir als Deutschem.» In der Gemeinde fühlte sich Hesse hingegen sogleich willkommen. Kein Wunder, hat der 35-Jährige seine schnelle Integration doch selbst tatkräftig unterstützt und sich der freiwilligen Feuerwehr angeschlossen. Für den Fussball fehlt dem Pfarrer jetzt aber die Zeit. «Leider.»

Nur Gutes. Mit schrillen antideutschen Tönen wurde Pfarrer Johannes Lehnert von der Zürcher Martin-Luther-Kirche bisher nie konfrontiert. Seine persönliche Bi-lanz nach fünf Jahren Schweiz ist durch und durch positiv. An ein Negativerlebnis kann er sich überhaupt nicht erinnern. Seit 2007 ist er in der Schweiz, hat sich gut vernetzt und trägt die lutherische Farbe gerne in ökumenische Projekte hinein; er arrangiert Treffen seiner Konfirmandinnen und Konfirmanden mit denen vom Zürcher Grossmünster, feiert gemeinsame Gottesdienste mit den Christkatholiken von Wettingen oder diskutiert mit den Reformierten über den Sinn eines Glaubensbekenntnisses.
Das Glaubensbekenntnis, das in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert beinahe die reformierte Landeskirche in Zürich gespaltet hatte und zur sogenannten Bekenntnisfreiheit führte, ist bei Johannes Lehnert Pflichtstoff im Konfirmandenunterricht.

Das Bekenntnis. Auch sein Landsmann Sven Hesse vermisst das Glaubensbekenntnis in seiner neuen Kirche. Zumindest in Taufgottesdiensten und an der Konfirmation fordert er es von der Gemeinde ein. Freilich zwingt er niemandem theologische Dogmen auf. Hesse versteht das gemeinsam gesprochene Bekenntnis eher als liturgisches Element, das die Zugehörigkeit zur weltumspannenden christlichen Gemeinde unterstreichen soll. So auch am Sonntag nach Pfingsten, als er in der Kirche von Wallisellen elf Jugendliche konfirmiert und ein sehr frei formuliertes Glaubensbekenntnis wählt, das die Hinwendung zum Mitmenschen und zur Schöpfung ins Zentrum stellt und den Gottesbegriff ganz vermeidet. Auch bei der zweiten Gruppe, die am Sonntag darauf konfirmiert wird, ist das so.
Dem undogmatischen Umgang mit dem Glaubensbekenntnis zum Trotz legt Hesse Wert auf eine gewisse liturgische Strenge. Die Liturgie drohe in der Vielgestaltigkeit der reformierten Gottesdienste an Gewicht zu verlieren. «Das ist schade.» Obwohl er die Gestaltung des Gottesdienstes weitgehend den Jugendlichen überlässt, bleibt die Predigt im Zentrum: Hesse verbindet den von den Konfirmandinnen und Konfirmanden zum Motto erkorenen Werbespruch «Just Do It» («Tu es einfach») mit dem Gleichnis vom verlorenen Sohn. Die Klasse hat die Geschichte auch in einem bemerkenswert professionell produzierten Kurzfilm in ihre eigene Lebenswelt übertragen. Das Werk wird im Gottesdienst gezeigt. Und der Pfarrer berichtet mit unüberhörbarem Stolz von den Dreharbeiten.
Sven Hesse hält seine Rollen sauber auseinander: hier jene des Amtsträgers, für den eine traditionelle, klare liturgische Sprache ebenso eine Selbstverständlichkeit ist wie das Tragen des Talars, dort diejenige des volksnahen Jugendseelsorgers, der in seinem auf der Internetseite der Gemeinde platzierten Steckbrief die Jugendlichen gleich zum Duell im Tischfussball herausfordert. In der Probe in der noch leeren Kirche klingt er zuweilen wie ein Fussballtrainer, wenn er die Jugendlichen ermutigt, lauter zu sprechen, selbstbewusster aufzutreten. Und verhaspelt er sich im Gottesdienst, findet er mit einem charmanten Spruch sogleich spielend wieder in die Spur: «Das ist live.»

Zwischentöne. Obwohl Hesse glaubt, liturgische Elemente stärker zu betonen als viele seiner Schweizer Pfarrkollegen, fällt es der Kirchenpflege schwer, Unterschiede zwischen deutschen und einheimischen Pfarrern zu benennen. Seine Gottesdienstform habe Hesse schnell angepasst. Überhaupt habe weder die negative Stimmung gegenüber den deutschen Zuzügern noch eine vermeintliche kulturelle Differenz auf die Zusammenarbeit abgefärbt. «Zu Beginn fiel das Schnelle, Zackige auf, doch das liegt wahrscheinlich nur an der Sprache», sagt Kirchenpflegerin Ruth Fries. Einige in der Gemeinde hätten natürlich schon gefragt, ob es denn wirklich «unbedingt ein Deutscher sein müsse», ergänzt ihre Kollegin Silvia Braun. Und für eine deutsche Mehrheit im Pfarrteam sei die Zeit wohl nicht reif. Wobei: Wenn die Gemeinde einen neuen Pfarrer dann wirklich kennengelernt habe, sehe die Situation vielleicht schon wieder anders aus.
Hesse selbst spricht von einer Angewöhnungszeit. Er sei in den ersten Monaten häufig zu forsch aufgetreten, habe zu direkt kritisiert. «Ich habe gelernt, auf die Zwischentöne zu hören.» So hat es der neue Pfarrer zu Beginn als Kompliment aufgefasst, wenn nach einem Anlass gesagt wurde, «fast alles» sei gut gewesen. «Erst als ich darauf aufmerksam gemacht wurde, erkannte ich, dass solche Rückmeldungen eigentlich als Kritik gemeint sind.»

In der Diaspora. Von Johannes Lehnert wiederum wird keine Anpassung verlangt, sondern von seinen deutschen Gemeindegliedern gefordert, dass er in ihrer Wahlheimat ganz unverfälscht die «deutsche Messe» nach Martin Luther zelebriert. Sonntag für Sonntag säumen deshalb Autos mit ausserkantonalen Kennzeichen die Strasse vor der Kirche.
Diese kleine Kirche verzeichnet oft mehr Besuch als viele der grossen reformierten Kirchen in der Zwinglistadt. In der Diaspora ist eben das Bekenntnis zum Glauben nicht nur auf die hohen Festtage terminiert. Die Frau mit fränkischem Akzent sagt nach dem Abendmahlgottesdienst: «Bei der Taufe unseres Sohnes war es ganz klar, dass wir in die lutherische Kirche wollen.» Und wenn auch der Wohnort im Aargau vierzig Autominuten entfernt von der Kirche liegt, blieb die Familie der Exilgemeinde treu. Nun hat, nachdem der Sohn bereits in der Martin-Luther-Kirche konfirmiert wurde, auch die Tochter am Pfingstsonntag hier ihre Taufe bestätigt. «Freiwillig», betont die Mutter, und sie ergänzt: «Obwohl uns der reformierte Pfarrer in unserer Wohngemeinde sehr zusagt.» Ein anderer Deutscher, von Haus aus katholisch, jedoch mit einer Lutheranerin verheiratet, fühlt sich in den Zeremonien der Zürcher Luther-Gemeinde beheimatet, während ihm der reformierte Ritus «doch sehr trocken und unfestlich» vorkommt.

Fast katholisch. Der Ritus, das ist ein zentrales Anliegen von Pfarrer Lehnert. «Mein persönlicher Anspruch ist es, eine klare, traditionelle Liturgie zu pflegen und gleichzeitig in Fürbitte und Predigt einem modernen reformatorischen Anspruch gerecht zu werden», sagt er. Die klar geordnete Liturgie, wie sie in der modernen Kirche oberhalb des Beckenhofs zelebriert wird, kommt, so sagt es der deutsche Seelsorger, auch der «Sehnsucht nach Gemeinschaft» nach. Die lutherische Gemeinde, die sich ausschliesslich über Spenden finanziert, hat so über Jahre die Zahl von fast 1400 Mitgliedern stabil halten können – 200 von ihnen sind Skandinavier, die anderen vor allem deutsche Staatsangehörige. Mancher der teilweise reformierten Göttis wird sich am Pfingstsonntag bei der Konfirmation in der Martin-Luther-Kirche seine Augen gerieben haben. Schon die weisse Albe mit der roten Stola, die sich Johannes Lehnert zur Konfirmationsfeier übergezogen hat, wird ihm katholisch vorgekommen sein. Ungewohnt für Reformierte ist es auch, wenn sich der Pfarrer bei manchen liturgischen Handlungen wie ein katholischer Priester vom Kirchenvolk weg und hin zum Kreuz wendet. Der Wechselgesang zwischen Gemeinde und Pfarrer ist ihnen genauso wenig vertraut wie die Kreuzzeichen des Pfarrers.

Gott segnet. Und dann geschieht etwas für Zwinglianer Unvorstellbares: Bei der Handauflegung und dem Segen knien die Konfirmandinnen und Konfirmanden vor dem Pfarrer nieder. Später wird Lehnert sagen, dass dies keineswegs als katholischer Akt zu verstehen sei. Nicht er als Pfarrer spende den Segen, sondern Gott wirke durch ihn. Er sei von der Gemeinde eingesetzt, den Segen weiterzugeben. «Deshalb ist der Kirchenvorstand an der Spitze der Konfirmationsklasse in die Kirche eingezogen und ich erst am Schluss.» Hier haben die Lutheraner von den Reformierten gelernt: Nach dem Modell der demokratisch gewählten Kirchenpflege organisieren sich auch die deutschen, norwegischen und finnischen Lutheraner in Zürich. «Das Unhierarchische gefällt mir sehr», sagt Lehnert. Auch Sven Hesse stört es nicht, dass er in der Schweiz der Kirchenpflege unterstellt ist und nicht die Behörde leitet wie in Deutschland. Im Gegenteil: «In Deutschland ist der Verwaltungsaufwand im Pfarramt viel grösser.» Auch helfe es in Konfliktsituationen, wenn der Pfarrer in Personalfragen nicht voll in der Verantwortung stehe, sondern die Kirchenpflege nur berate. In der Schweiz bräuchten zudem viele Projekte zwar eine längere Vorlaufzeit, weil jede Frage zuerst ausdiskutiert werde. «Aber dafür klappt es dann auch im ersten Anlauf, was in Deutschland undenkbar ist, sobald mehrere Parteien beteiligt sind.»

Eine Liebeserklärung. Hesse hat seine Heimat verlassen, weil er vor der Wahl stand, «auszuwandern oder einen neuen Beruf zu suchen». Die Rheinische Kirche verschrieb sich damals einen rigorosen Sparkurs und verfügte für Hesses Jahrgang faktisch einen Einstellungsstopp. Seine Frau folgte ihm schweren Herzens, fand als Assistenzärztin aber immerhin leicht eine Stelle. Nach der zweijährigen, berufsbegleitenden Zusatzausbildung in Zürich legte Hesse eine Prüfung in Schweizer Kirchengeschichte und Kirchenrecht ab. Das habe geholfen, sich rasch einzuleben. Die Walliseller Kirchenpflege bestätigt es gerne: Hesse sei sehr gut aufgenommen worden. «Er hat eine richtige Fangemeinde», sagt Kirchenpflegerin Braun.
Trotz der immer wieder aufflammenden Debatte über die Einwanderung aus Deutschland sind die deutschen Pfarrerinnen und Pfarrer also längst angekommen in der Schweizer Normalität. «Wir haben uns inzwischen daran gewöhnt, dass sich viele deutsche Pfarrer auf eine ausgeschriebene Stelle bewerben», sagt der Walliseller Kirchenpflegepräsident Heinz Vögelin. Und die Pfarrerin Heike Radtke aus dem Rheinland, die im Januar in der Gemeinde Dällikon-Dänikon ihre Stelle angetreten hat, formuliert eine deutsche Liebeserklärung an die Schweiz: «Ich könnte jeden Tag von Neuem mein Auto anmelden, so höflich sind die Beamten.»
Nur: Im Stau helfen natürlich auch die nettesten Beamten nichts. Dass das Auto manchmal besser in der Garage bleibt und der Weg von Zürich in die Agglomeration im Feierabendverkehr lang sein kann, muss Sven Hesse wohl erst noch lernen. Auch diese Spitze kontert der Pfarrer aus dem Ruhrpott sogleich souverän: Er wisse, wie man eine Fahrkarte für die S-Bahn löse. Aber für die Reportage müsse er doch das deutsche Klischee bedienen und den Journalisten im frisch gewaschenen Opel Kombi nach Wallisellen chauffieren. Da müssen die Konfirmandinnen und Konfirmanden halt einmal eine Viertelstunde warten.

Text: Delf Bucher, Felix Reich
Bilder: Alexander Egger

Johannes Lehnert