| Erstellt: 25.05.2012 | |
Auf dem Dach des Bieler Hochhauses, in dem Schwester Ursula lebt, werben riesige Buchstaben für eine Luxus-Uhrenmarke. «Rolex soll eine halbe Million für die Reklame gezahlt haben», sagt die 69-Jährige, während sie in ihrer Wohnung im ersten Stock eine Kerze auf dem Esstisch anzündet, wie immer, wenn Besuch kommt. Sie hat die Erfahrung gemacht, dass es Dinge gibt, die wertvoller sind als alle Rolex-Uhren der Welt. Jedes Mal, wenn sie wieder eine Frau in Ausschaffungshaft im Berner Regionalgefängnis besucht, werden sie ihr bewusst: Freiheit und Sicherheit. Im Auftrag der kirchlichen Anlaufstelle Zwangsmassnahmen (KAZ, vgl. Kasten unten) versucht sie, die Einsamkeit von Menschen, die in der Schweiz nicht willkommen und im Heimatland in ihrer Existenz bedroht sind, einen Moment zu lindern.
Hingabe. Materieller Reichtum bedeutete Schwester Ursula nie etwas. Mit 21 Jahren trat sie in Einsiedeln dem katholischen Orden der Kleinen Schwestern Jesu bei. Die Schwestern leben in einem Dutzend Ländern, in kleinen Gemeinschaften mitten in Wohnquartieren. Viele gehen einer Erwerbsarbeit nach, daneben leisten sie Sozialarbeit. Wie Jesus wollen sie das Evangelium nicht bloss predigen, sondern unter den Menschen leben. Auf dem Holzkreuz, das sie um den Hals tragen, glänzt ein kleines Herz.
Interesse. Schwester Ursula ist in der Gemeinschaft für den Haushalt zuständig. Seit elf Jahren besucht sie zudem Ausschaffungshäftlinge. Sie erzählt: «Ich habe bei den Schwestern in Palästina gelebt und weiss, wie es sich anfühlt, wenn einem der Boden unter den Füssen weggerissen wird, der Krieg jede Sicherheit zerstört und man nackt ist.» Die Demütigung der Palästinenser ging ihr damals so nahe, dass sie zurück in die Schweiz wollte. Als sie hier vom Engagement der KAZ hörte, meldete sie sich sofort für den Besuchsdienst.
Dutzenden Frauen ist sie seither begegnet, hat zugehört, Taschentücher gereicht, Hände gehalten. «Von einer Frau weiss ich zu Beginn bloss, woher sie stammt und welche Sprachen sie beherrscht», sagt sie. Mit der letzten, einer Tschetschenin, konnte sie deutsch reden, denn die Frau hatte längere Zeit in der Schweiz gelebt. Doch Schwester Ursula spricht auch französisch, arabisch, etwas englisch, oft werde mit den Händen kommuniziert. Sie stelle einfache Fragen: Ob die Frau schlafen könne, ob sie allein in der Zelle sei, ob sie jemanden benachrichtigen konnte. Oft zeigt sie Körperübungen, denn die Frauen dürfen nur eine Stunde pro Tag im Hof spazieren. Sie betont: «Es sind nicht nur traurige Stunden. Wir können auch lachen.» Das seien die Momente, in denen sie wisse, dass ihre Besuche Sinn machen. Wie es mit den Frauen weitergeht, weiss sie nicht. Jede Frau sieht sie nur eine Stunde lang. Bis zum nächsten Besuch ist diese meist bereits ausgeschafft worden.
Haltung. An diesem Abend wird Schwester Ursula wie jeden ersten Montag im Monat auf dem Zentrumsplatz in Biel schweigend gegen die Verhärtung im Asylwesen demonstrieren. Die Ohnmacht, die sie in Palästina spürte, holt sie wieder ein. «Gottlob kann ich meine Ohnmacht im Gebet jemand anderem übergeben, sonst hätte ich diese Besuche nicht machen können.» Doch immer häufiger reicht das nicht mehr. Ende Jahr wird sie vom Besuchsdienst zurücktreten. Anouk Holthuizen
| Hilfe für Häftlinge Die kirchliche Anlaufstelle Zwangsmassnahmen Kanton Bern (KAZ) wird von den Landeskirchen und den jüdischen Gemeinden des Kantons getragen. Sie setzt sich für die Rechte von Menschen in Ausschaffungs- oder Durchsetzungshaft ein und fordert gesetzeskonforme Haftbedingungen. Unter anderem besucht eine Frauengruppe jeden Donnerstagnachmittag ehrenamtlich weibliche Häftlinge. aho |










